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06.01.2010

12:04 Uhr

Carl-Ludwig Thiele

Ein liberaler Riese auf dem großen Sprung

VonSven Afhüppe , Thomas Sigm

Der FDP-Finanzexperte Carl-Ludwig Thiele ist Wunschkandidat der Bundesregierung für einen Vorstandsposten bei der Deutschen Bundesbank. Wohl die letzte Chance für den 56-Jährigen auf ein Spitzenamt außerhalb der Politik. Für die FDP bedeutet Thieles großer Sprung jedoch den Verlust eines renommierten Fachmanns.

Auf dem Sprung in den Bundesbankvorstand: FDP-Finanzexperte Carl-Ludwig Thiele. Reuters

Auf dem Sprung in den Bundesbankvorstand: FDP-Finanzexperte Carl-Ludwig Thiele.

BERLIN. Carl-Ludwig Thiele hat einen genetisch bedingten Hang aufzufallen. Mit seinen 194 Zentimetern Körpergröße zählt der FDP-Politiker zu den längsten Volksvertretern im Deutschen Bundestag. Selbst Kanzlerin Angela Merkel und FDP-Chef Guido Westerwelle müssen - gezwungenermaßen - zu Thiele aufblicken. Dazu könnte es schon bald wieder kommen, denn der Finanzexperte der Liberalen ist der Wunschkandidat der Bundesregierung für einen Vorstandsposten in der Deutschen Bundesbank. Zwar muss das Bundeskabinett noch die Personalie offiziell beschließen, doch intern sei die Sache entschieden, hieß es in Regierungskreisen.

Für Thiele ist der Wechsel aus dem Berliner Politikgeschäft in die Frankfurter Bankenwelt ein Karrieresprung. Seit 1990 hat sich der Jurist durch die Niederungen der Steuer- und Finanzpolitik gekämpft und zahllose politische Schlachten geschlagen. Politische Gegner bezeichnen den ehemaligen Regionalliga-Basketballspieler als "notorischen Quälgeist", der es immer ganz genau wissen will. Gleichzeitig schätzen sowohl Sozialdemokraten und wie Grüne Thieles Fachkenntnisse.

Den Sprung an die Spitze der Zentralbank des Landes verdankt der FDP-Finanzexperte dem Abgang der beiden Bundesbankvorstände Hans Georg Fabritius und Hans-Helmut Kotz, deren Verträge Ende April auslaufen. Einen der Posten kann die Bundesregierung besetzen, den anderen die Länder. Regierungsintern hat man sich darauf verständigt, dass die FDP in diesem Fall das Vorschlagsrecht hat. Für Thiele hat sich Parteichef und Vizekanzler Westerwelle persönlich bei der Kanzlerin eingesetzt, hieß es im Berliner Regierungsapparat. Offenbar mit Erfolg.

Nach dem Abgang von Hermann Otto Solms als finanzpolitischem Sprecher der FDP verliert die Partei ihren zweiten renommierten Fachmann auf diesem Gebiet. "Der Weggang von Thiele ist ein Verlust für die FDP-Bundestagsfraktion", sagte ein liberaler Bundestagsabgeordneter. In der letzten Amtszeit der Kohl-Regierung war der Vater von fünf Kindern Vorsitzender des mächtigen Finanzausschusses, seitdem Mitglied im Haushalts-, Finanz- und Vermittlungsausschuss. Als Mitglied des Verwaltungsrats der Finanzaufsicht BaFin kennt sich Thiele zudem bestens mit den Stärken und Schwächen der Bankenaufsicht in Deutschland aus. Dieses Fachwissen kann er bald einbringen: Laut Koalitionsvertrag soll die Bankenaufsicht unter dem Dach der Zentralbank gebündelt werden.

Für den 56-jährigen Thiele war es wohl die letzte Chance, ein Spitzenamt außerhalb der Politik zu ergattern. Bei der Bundestagswahl trat er als Spitzenkandidat in Niedersachsen an. Bei der Regierungsbildung kam jedoch Landeschef Philipp Rösler als Bundesgesundheitsminister zum Zug. Das Angebot, Wirtschaftsminister in Niedersachsen zu werden, hat Thiele abgelehnt. FDP-Chef Westerwelle sah sich dennoch verpflichtet, nach einem adäquaten Job für seinen Finanzexperten zu suchen.

Als neuer FDP-Fraktionsvize ist der Niedersachse Patrick Döring im Gespräch. Gute Aussichten auf das Amt des finanzpolitischen Sprechers hat Frank Schäffler, bisher Parteiobmann im Finanzausschuss. Viele in der Partei dürften sich aber Hermann Otto Solms auf den Posten wünschen, der ihn kurz nach der Bundestagswahl erst abgegeben hat. Solms gilt als das finanzpolitische Aushängeschild der Liberalen.

Wer auf den zweiten frei werdenden Vorstandsjob der Bundesbank rückt, ist noch unklar. Im Gespräch sind die beiden früheren Bundesbank-Vorstände Gerd Häusler und Hans Reckers.

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