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09.12.2014

19:52 Uhr

CDU-Parteitag in Köln

Die Angela-Merkel-Show

VonStefan Kaufmann

Auf dem Parteitag in Köln feiert die CDU nicht nur ihre alte, neue Chefin Angela Merkel, sondern vor allem sich selbst. Dabei umschifft die Bundeskanzlerin das wichtigste Thema: Die AfD als möglichen Koalitionspartner.

Mit über 96 Prozent wiedergewählt

Merkel: „Wie viel kleiner will die SPD sich noch machen?“

Mit über 96 Prozent wiedergewählt: Merkel: „Wie viel kleiner will die SPD sich noch machen?“

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KölnEin Franzose macht den deutschen Christdemokraten eine Ansage. „Angela Merkel hat die deutsche Wirtschaft und damit Europa fit gemacht“, sagt Joseph Daul. Anerkennender Applaus. Und weiter: „Ihr wisst gar nicht, was ihr für eine starke Chefin habt.“ Aufbrausender Applaus. „Heute Abend darf keine Stimme fehlen.“ Der Rest ist Jubel.

Joseph Daul, Präsident der Europäischen Volkspartei, bringt die rund 1000 Delegierten des 27. Parteitag der CDU in der Kölner Messehalle 8 auf Betriebstemperatur. Vier Stunden später ist klar – nicht alle, aber immerhin fast alle im Saal haben auf den Franzosen gehört. Die Bundeskanzlerin wird mit 96,72 Prozent als Parteivorsitzende bestätigt. Ein überragender Wert.

Und doch keine Überraschung: Die CDU ist die Angela-Merkel-Partei Deutschlands. Außenpolitisch gefragt, innenpolitisch moderat – so stellt sie die meisten Volksparteimitglieder zufrieden. Wenn diese in der Mittagspause bei einer Würstchensuppe auf Merkels Bewerbungsrede zu sprechen kommen, dann fallen Worte wie „sehr sachlich“, „fundiert“, „erklärend“.

Stärken und Schwächen von Angela Merkel

„Alternativlos“

Das ist eines der Lieblingswörter, wenn Kanzlerin Angela Merkel andere von ihrer Politik überzeugen möchte. Alternativlos ist derzeit für die CDU auch Merkels achte Wahl zur Parteichefin. Die Christdemokraten können sich momentan nicht vorstellen, wer außer der Physikerin aus der DDR die Partei führen sollte.

Ausdauer

Merkel schreibt sich selbst „kamelartige Fähigkeiten“ zu: Reserven anlegen, dosiert einsetzen. Krank ist sie selten - wenn doch, erfährt man es in der Regel nicht. Anders am Montag. Da war ihr so unwohl, dass sie eine Interview-Aufzeichnung unterbrach. Noch am Abend präsentierte sie sich wieder munter. Wer nicht zäh ist, kann Kanzleramt und Parteivorsitz nicht machen.

Geduld

Merkel kann zuhören - und abwarten. Selten reagiert sie im Affekt. So dauerte es lang, bis sie Russlands Präsident Wladimir Putin offen attackierte.

Uneitel

Anhänger wie Gegner schätzen Merkels Bodenhaftung, ihre unaufgeregte Art. Keine Skandale, keine Eskapaden, keine Diva. Oder wie Wolfgang Schäuble sagt: „Die ist nicht so Hurra-mäßig wie bei Napoleon - aber erfolgreicher.“

Ideologiefrei

Merkel zeigt sich erst einmal für alles offen und denkt nicht in den Grenzen der Unionspolitik.

Kein Redetalent

Merkel kann ein Publikum nicht mitreißen. Öffentlich formuliert sie selten scharf und pointiert.

Erklärungsdefizit

Viele Menschen sagen auch, sie wüssten nicht, was Merkels Botschaft sei. Sie erkläre ihre Politik nicht.

Keine Nachwuchsförderung

Dass Merkel so unangefochten in der CDU ist, liegt auch daran, dass sie Konkurrenten kalt gestellt hat und keine Talente gezielt fördert.

Keine Vision

Kritiker beklagen, dass Merkel keine eigenen Ziele entwerfe, sondern Ideen anderer sammele und dann die Mehrheitsmeinung suche, um nicht zu unterliegen.

Nachtragend

Merkel vergisst nichts. Wer bei ihr einmal in Ungnade fällt, ist abgemeldet. Bei nächst passender Gelegenheit zieht sie Konsequenzen. Vor allem viele Männer sehen darin wieder eine Stärke. „Sie kann Rache kalt genießen“, sagt einer aus der Opposition.

Schwarze Null, gestiegene Nettolöhne, geringe Arbeitslosigkeit, Mütterrente. „Das kann sich sehen lassen“, sagt Merkel. Ihre Worte sind so gewählt wie berechenbar. Ihre Zuhörer wirken selbstzufrieden wie Fans von Bayern München, die nach einem 5:0 das 6:0 beklatschen.

Doch zweimal schafft es Merkel, die Delegierten im Saal mitzureißen. Ihre Attacken auf SPD und Linke sitzen. Zu Rot-Grün im Landtag von Nordrhein-Westfalen sagt Merkel: „In vier Regierungsjahren vier Niederlagen vor dem Verfassungsgericht. Das ist einmalig.“ Und an Landeschef Armin Laschet gewandt: „Ihr müsst schauen, dass NRW ein Rechtsstaat bleibt.“ Zum Hintergrund: Beim Haushalt und dem Beamtensold wiesen Verfassungsrichter Beschlüsse der Regierung von Hannelore Kraft (SPD) zurück.

Auch die Thüringer SPD, die sich vergangene Woche zur Juniorrolle in einem rot-rot-grünen Regierungsbündnis bekannt hat, bekommt ihr Fett weg. „Wie viel kleiner will die SPD sich eigentlich noch machen, frage ich mich? Ich halte das Verhalten der SPD in Thüringen für eine Bankrotterklärung an den eigenen Anspruch, als Volkspartei die Zukunft gestalten zu wollen.“

Die Kampfansagen kommen nicht von ungefähr. NRW, Baden-Württemberg und vor allem Thüringen haben gezeigt, dass Regierungsbildungen ohne die CDU möglich sind. Selbst wenn die CDU eine starke Fraktion stellt. Die Merkel-Union fürchtet, dass Rot-Rot-Grün bundesweit gesellschaftsfähig wird. Und sie muss damit rechnen, dass die FDP mittelfristig als Regierungspartner verloren ist. Selbst wenn die Parteivorsitzende trotzig sagt: „Ich kann mich nur wundern, wie die FDP heute schon abgeschrieben wird. Warten wir einfach mal ab. Die FDP bleibt unser natürlicher Koalitionspartner.“

Kommentare (12)

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Account gelöscht!

09.12.2014, 18:33 Uhr

Jetzt merkt Merkel, dass ihr die Felle wegschwimmen, denn keine der übrigen Parteien koaliert gerne mit der CDU/CSU. Also schreit sie Hilfe rufend nach der FDP.
Bei der letzten Bundestagswahl hat die CDU für beide Stimmen die Werbetrommel gerührt.
Hätte Sie das nicht getan, wäre die FDP wahrscheinlich heute noch im Bundestag vertreten.
Mit der FDP zusammen wollte sie die kalte Progression abbauen. Das wurde durch die SPD damals verhindert. Heute ist die SPD die treibende Kraft beim Abbau der kalten Progression und Frau Merkel verhindert das. Nunmehr da in den eigen Reihen auch die jungen Politiker aufbegehren und den Abbau der kalten Progression fordern, sieht sie sich auf dem heutigen Parteitag gezwungen in die gleiche Richtung zu tendieren. Bei Frau Merkel werde ich das Gefühl nicht los, sie handelt immer nach dem Motto: wie das Fähnchen nach dem Winde
Viele Wähler der AFD sind ehemalige Wähler der CDU und FDP die mit der Politik von Frau Merkel nicht einverstanden waren und sind. Frau Merkel war jedoch so dumm, dass sie die AFD sofort in die rechte Ecke stellt. Damit wurde jegliche Möglichkeit einer Annäherung zunichte gemacht. Kluge Politiker schlagen ihre Gegner mit Sachargumenten und nicht mit Ausgrenzung. Die SPD ist hier viel gewiefter. Sollte das erste rot-rot-grüne Bündnis ein Erfolg werden, werden noch viele weitere folgen. Das wäre aber auch nicht tragisch, denn egal wer an der Macht ist, zuerst werden einmal die eigenen Taschen vollgemacht. Verlierer sind die Leute die noch nicht einmal in der Lage sind ihre Strom bzw. Gasrechnung zu begleichen. Heute war in der WAZ zu lesen: 1 Millionen Kunden ohne Strom bzw. Gas. Dazu haben die regierenden Politiker beigetragen.

Herr Peter Klose

09.12.2014, 20:07 Uhr

Ich hätte ein Wahlergebnis von mindestens 115% für angemessen gehalten. Wegen Planübererfüllung und konsequentem weiter so.
Mit den Panzern und Bomben die seit dem Maidan wieder in europa unterwegs sind hat die Dame ja nichts zu tun. Wir *wissen* ja alle wer alleinschuldig ist und deswegen zwingend bestraft werden muß, alternativlos.
Genausowenig wie die Dame mit dem zunehmenden Verfall der Idee der Europäischen Union als Friedens- und Zukunfsprojekt zu tun hat und der Wandlung in ein aggresives Eroberungsbündnis unter NATO-Führung, mangels zuständigkeit für jedwede Zukunftgerichtete Perspektive jenseits von troika, spardiktat und Massenarbeitslosigkeit einer ganzen Generation von jungen Menschen im Süden, denen jede Lebensperspektive auf lange Zeit verwehrt bleibt. Frau Merkel lässt sich stattdessen durch menschenleere Strassen beim Staatsbesuch in Athen kutschieren, wie einst Honecker durch Ostberlin. Das sind fatale Bilder die sich in die Herzen der Menschen einbrennen.
Demokratie braucht den Wandel, hier wird der Stillstand als Besitzstandswahrung des verängstigten Deutschen gefeiert. Wie auch im Artikel schon erwähnt hat Frau Merkel konsequent jede potentielle Opposition in der eigenen Partei kaltgestellt. Das sind schlechte Vorzeichen füe eine gesunde Weiterentwicklung, nicht von ungefähr gibt es in den allermeisten entwickelten Demokratien eine unangreifbare Grundkonstante für das mächtigste Amt im Staat:
Maximal zwei Mal in Folge, danach muß zwingend der Machtwechsel erfolgen. Mir scheint eine sehr kluge und weitsichtige Bestimmung was die Verleihung von Macht an eine Einzelperson angeht, den allermeisten dürfte noch in Erinnerung sein mit welchen Qualen die unendliche Kanzlerschaft bis zum abgang eines Helmut Kohl verbunden war, bekanntlich der Lehrmeister einer Frau Merkel was das Thema Machterhalt angeht.

Frau Ute Umlauf

09.12.2014, 20:09 Uhr

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