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02.09.2013

17:51 Uhr

Chance für die SPD?

Grass hofft auf Fahnenflüchtige bei der Linken

VonStefan Kaufmann

Die Linkspartei ist für den Schriftsteller und SPD-Anhänger Günter Grass nicht regierungsfähig. Dennoch wünscht er sich für Deutschland ein Linksbündnis – und hat auch eine Idee, wie das noch gelingen kann.

„Was würde Bebel dazu sagen“: In der Ständigen Vertretung in Berlin stellt Günther Grass am Montag sein Buch vor. dapd

„Was würde Bebel dazu sagen“: In der Ständigen Vertretung in Berlin stellt Günther Grass am Montag sein Buch vor.

BerlinGünter Grass weiß, dass zum Wahlkampf auch Lautstärke gehört. Und so schmeißt er sich am Montagmittag in Berlin für den SPD-Kanzlerkandidaten Peer Steinbrück ins Zeug. „Er ist ein Opfer zielgerichteter Propaganda geworden, die sagt, Steinbrück sei ein Verlierertyp.“ Dabei erlebe er den Herausforderer von Kanzlerin Angela Merkel als das genaue Gegenteil: „Wir brauchen seine scharfen Analysen und nicht das Taktieren“, ruft Grass seinen Zuhörern zu. Und noch einige Dezibel lauter: „Wir brauchen einen Kanzler mit intellektuellen Qualitäten.“

Eigentlich geht es bei seinem Auftritt um August Bebel. Zum 100. Todestag des Parteigründers der SPD ist das Buch „Was würde Bebel dazu sagen?“ erschienen. Zur Präsentation erscheinen Günter Grass, NRW-Ministerpräsidentin Hannelore Kraft und die beiden Herausgeber Wolfgang Thierse und Manfred Bissinger in der Berliner Kölsch-Kneipe Ständige Vertretung.

Das Buch hat noch eine Unterzeile: „Zur aktuellen Lage der Sozialdemokratie“. Und die zeichnet sich drei Wochen vor der Bundestagswahl insbesondere durch einen enormen Umfragerückstand auf die Union aus. Doch Grass will den Politikwechsel und er träumt von dem großen Linksbündnis. „Man versucht Steinbrück in eine große Koalition hineinzureden, doch der widersetzt sich zurecht“, sagt der Literaturnobelpreisträger. Eine große Koalition dürfe kein Dauerzustand werden. „Auch die CDU braucht gelegentlich die Chance, sich als Oppositionspartei zu erneuern.“

Die SPD in Zahlen

Mitglieder

Ende November waren es 474.820 Mitglieder (März: 474.481). Der Höchststand wurde in der Weimarer Republik erreicht: Mit 1,261 Millionen im Jahr 1923. Das Durchschnittsalter liegt heute bei 59 Jahren – das älteste Mitglied ist 107. Die längste Mitgliedschaft betrug 88 Jahre.

Ortsvereine

Derzeit gibt es rund 9000 Ortsvereine. Nach der Wiedervereinigung waren es in den 90er Jahren bis zu 10.000.

Finanzen

2011 betrugen die Einnahmen 155 Millionen, die Ausgaben 141 Millionen – allein der Bundestagswahlkampf in diesem Jahr hat mehr als 20 Millionen Euro gekostet. Solche Jahre werden in der Regel mit einem Minus abgeschlossen.

Spenden und Beiträge

2011 erhielt die Partei zwölf Millionen Euro an Spenden, die Mitglieder zahlten zudem 70 Millionen an Beiträgen, 2010 waren es 68 Millionen. Die Spenden steigen im Wahljahr meist an. 2009 lagen sie zum Beispiel bei 18,7 Millionen Euro.

Der Haken: Steinbrück lehnt auch mit Vehemenz eine mögliche rot-rot-grüne Regierungskoalition ab. Kein Dilemma für Grass, der schon eine Idee hat, wie der Politikwechsel nach dem 22. September trotz der Vorfestlegung des SPD-Kanzlerkandidaten gelingen kann. „Es könnte doch sein, dass einige Bundestagsabgeordnete der Linkspartei aus den neuen Bundesländern die Faxen dicke haben und dazu beitragen, dass es zu einer linken Mehrheit in Deutschland kommt.“ Sprich: fahnenflüchtig werden.

Dass das sein Wunsch ist, daraus macht der Schriftsteller keinen Hehl, denn „wir leben in einer sozialdemokratischen Zeit“. Auch der große Hemmschuh Oskar Lafontaine, den er jüngst als „größten Verräter der SPD“ beschimpfte, ist auf der politischen Bühne nicht mehr präsent. Probleme bereiten Grass allerdings die „arrogante Haltung“ eines Gregor Gysi, die nicht zu einer Zusammenarbeit einlädt und das Problem, dass die SPD von vielen in der Linkspartei immer noch als Hauptgegner gesehen wird.

Aber auch inhaltlich fordert er von der Linkspartei mehr Pragmatismus. „Auch ich bin der Meinung, dass die Nato durch die USA fremdgesteuert wird, nur noch auf Auslandseinsätze ausgerichtet ist und daher reformiert werden muss“, sagt Grass. Nicht infrage käme allerdings die Forderung der Linken nach einem Nato-Austritt. „Daher ist die Linkspartei für eine gemeinsame Politik im Bund auch nicht geeignet.“

Kommentare (12)

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AnnaGramm

02.09.2013, 18:00 Uhr

Der wie vielte Testballon ist das, um die Resonanz der Öffentlichkeit auf R2G auszutesten? Ich traue den Versicherungen der SPD nicht und kann mir gut vorstellen, dass es nach der Wahl zu einer Minderheitenregierung Rot-Grün unter Duldung der Linken kommen kann. Zu Grass: Ich schätze ihn wenig als Autor und gar nicht als SPD-Barde - aber finde es doch traurig und peinlich, wenn ein alter Herr solchen Blödsinn von sich gibt u. sich für so durchsichtige PR-Aktionen missbrauchen lässt.

koebel

02.09.2013, 19:29 Uhr

Herr Grass:
Sozialverrätern glaubt man nicht, auch nicht vor den Wahlen. Taten entscheiden. Und wird die soziale Gerechtigkeit wie vor Schröder nicht zurückgeführt, bleiben viele Millionen Bürger den Rot-Grünen weg. Und das mit Recht. Somit wird es höchste Zeit für eine Alternative AfD, die endlich die deutschen Interessen wieder vornan stellt.

mordoog

02.09.2013, 19:39 Uhr

Die sozialen Betonköpfe, die auch von Schröder verraten wurden, ändern sich nicht. Sie werfen ihr eigenes Ego Merkel zum Fraß vor, die das dankend annimmt. Unter den massiven Fehlern der Blockparteien in der Euro- und EU-Politik gegen die deutschen Bürger bilden sich nun Alternativen, vor allem die starke AfD, die das große Vakuum in der Parteienlandschaft füllen hilft. Somit werden für die oppositionslosen Rot-Grünen die Zeiten immer schlechter. Wie gesagt, wer sein Ego und seine Seele verkauft, dem kan man nicht mehr helfen. Vom bürgerfernen Programm der Rot-Grünen ganz zu schweigen. Die AfD scheint der gangbare Ausweg zu sein. Einen Versuch ist es allemal wert.

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