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06.04.2017

13:04 Uhr

Charlotte Knobloch

„Die AfD ist für jüdische Menschen nicht wählbar“

VonDietmar Neuerer

„Dreist“ und „verlogen“: Frauke Petry erntet für ihre Behauptung, die AfD sei ein „Garant jüdischen Lebens“ heftige Kritik. Charlotte Knobloch wirft der Partei vor, selbst antisemitische Thesen zu vertreten.

Die frühere Präsidentin des Zentralrats der Juden in Deutschland, Charlotte Knobloch: Empörung über Anbiederungsversuche der AfD. dpa

Charlotte Knobloch.

Die frühere Präsidentin des Zentralrats der Juden in Deutschland, Charlotte Knobloch: Empörung über Anbiederungsversuche der AfD.

BerlinDie frühere Präsidentin des Zentralrats der Juden in Deutschland, Charlotte Knobloch, hat Anbiederungsversuche der AfD-Chefin Frauke Petry an die jüdische Gemeinde scharf zurückgewiesen. „Es ist an Dreistigkeit und Verlogenheit kaum zu übertreffen, wie die AfD die berechtigten Sorgen jüdischer Menschen vor Antisemitismus unter Muslimen in Deutschland für ihre Zwecke missbraucht“, sagte die heutige Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern.

Petry hatte zuvor in einer Replik auf Kritik des Präsidenten des Jüdischen Weltkongresses, der ihre Partei als „Schande für Deutschland“ bezeichnet hatte, in der „Welt“ erklärt: Die AfD sei „einer der wenigen politischen Garanten jüdischen Lebens, auch in Zeiten illegaler antisemitischer Migration nach Deutschland“. Sie bezog sich dabei auf die Zuwanderung von Muslimen. „Die AfD weist immer wieder auf die Gefahren solcher Entwicklungen hin, die sich durch den massenhaften illegalen Zuzug in den vergangenen Jahren noch verstärkt haben“, so Petry.

Knobloch sagte dazu: „Seit langem warnt die jüdische Gemeinschaft eindringlich vor dem extremen Judenhass, der nicht erst in den letzten Jahren importiert wurde, sondern bereits seit langem in der muslimischen Gemeinschaft hierzulande wuchert und von Hasspredigern aus dem In- und Ausland zusätzlich befeuert wird.“ Genauso „besorgniserregend“ sei jedoch der Antisemitismus, der durch das Erstarken des Rechtspopulismus und -extremismus in ganz Europa eine „neue Dimension der Massivität und Aggressivität angenommen“ habe.

Die Sprüche der AfD

Immer wieder im Mittelpunkt

Ob Flüchtlingspolitik oder Fußball - mit markigen Sprüchen sorgen führende AfD-Politiker immer wieder für Kopfschütteln und Empörung, wie jetzt die stellvertretende Bundesvorsitzende Beatrix von Storch. Einige Zitate.

Quelle:dpa

Undeutsches Nationalteam

„Eine deutsche oder eine englische Fußballnationalmannschaft sind schon lange nicht mehr deutsch oder englisch im klassischen Sinne.“ (Der AfD-Bundesvize Alexander Gauland am 3. Juni im „Spiegel“)

Unerwünschter Nachbar

„Die Leute finden ihn als Fußballspieler gut. Aber sie wollen einen Boateng nicht als Nachbarn haben.“ (Gauland in der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“ vom 29. Mai über Fußball-Nationalspieler Jérôme Boateng)

Bitte abschotten

„Wir müssen die Grenzen dichtmachen und dann die grausamen Bilder aushalten. Wir können uns nicht von Kinderaugen erpressen lassen.“ (Gauland am 24. Februar im Magazin der Wochenzeitung „Die Zeit“ über Flüchtlinge)

Schießbefehl dringend erwünscht

„Ich will das auch nicht. Aber zur Ultima Ratio gehört der Einsatz von Waffengewalt.“ (Die AfD-Bundesvorsitzende Frauke Petry in einem Interview des „Mannheimer Morgen“ vom 30. Januar 2016. Angesichts des Flüchtlingszustroms forderte sie im Notfall auch den Einsatz von Schusswaffen.)

Der Flüchtling als Angreifer

„Wer das HALT an unserer Grenze nicht akzeptiert, der ist ein Angreifer. Und gegen Angriffe müssen wir uns verteidigen. (...) Es gibt keinen Grund, mit Gewalt unsere Grenze zu überqueren.“ (Die stellvertretende AfD-Bundesvorsitzende Beatrix von Storch Ende Januar auf ihrer Facebook-Seite über Flüchtlinge)

Nachhilfe in Rassenkunde

„Im 21. Jahrhundert trifft der lebensbejahende afrikanische Ausbreitungstyp auf den selbstverneinenden europäischen Platzhaltertyp.“ (Der Thüringer AfD-Vorsitzende Björn Höcke am 21. November 2015 in einem Vortrag über Asylbewerber aus Afrika)

Flucht als Naturkatastrophe

„Das ist ungefähr so, als würden Sie mit Plastikeimern einen Tsunami stoppen wollen.“ (Der AfD-Bundesvorsitzende Jörg Meuthen am 24. Oktober 2015 bei einem Landesparteitag in Baden-Württemberg über die Maßnahmen der Bundesregierung zur Bewältigung der Flüchtlingskrise)

Knobloch, die auch Beauftragte für Holocaust-Gedenken des World Jewish Congress ist, warf der AfD in diesem Zusammenhang eine „ungebremste Entwicklung zur Radikalität“ vor. Die AfD sei die „politische, parlamentarische Manifestation von Pegida und Co.“ und inzwischen als rechtsextrem anzusehen. „Sie steht für eine völkisch-nationalistische Vision, rassistische, fremdenfeindliche und antisemitische Thesen, Holocaustrelativierung oder gar -leugnung sowie offene Nähe zur Neonaziszene“, konstatierte Knobloch.

Mit Blick auf den Thüringer AfD-Chef Björn Höcke kritisierte Knobloch, dass sich die AfD allenfalls „halbherzig“ distanziere – „ohne nachhaltige Konsequenzen von diesen Phänomenen und den dafür stehenden Personen in ihren Reihen und Spitzenpositionen“. Gezielte Provokation sei Programm, extreme Einzelfälle seien die Regel. „Die AfD ist in dieser Form antimodern, antidemokratisch und freiheitsfeindlich“, unterstrich Knobloch. Und sie fügte hinzu: „Sie ist ein Schande für unser Land und für jüdische Menschen nicht wählbar.“

Kommentare (11)

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Herr Heinz Keizer

06.04.2017, 14:43 Uhr

Herr Höcke und einige andere, sowie die wirtschaftliche Ausrichtung der AfD werden mich davon abhalten, diese im Herbst zu wählen. „Wer mit Schächt- oder Beschneidungsverboten die jüdische Religion kriminalisieren will". Keiner will irgend jemand kriminalisieren. Es muß aber doch wohl erlaubt sein darüber nachzudenken, ob es richtig ist, solches zu erlauben, wenn gleichzeit die Tierschützer fordern, dass männliche Ferkel nur nach Vollnarkose kastriert werden dürfen und für das Schlachten von Tieren weitgehende Vorschriften aufstellen. Wäre es wirklich von den jüdischen Gemeinden zu viel verlangt, wenn sie Babies erst dann beschneiden würden, wenn diese örtlich betäubt werden können? Auch in den christlichen Kirchen haben sich Riten seit dem Mittelalter geändert.

Rainer von Horn

06.04.2017, 14:52 Uhr

Eine Schande ist allerhöchstens, wie hier mit einer rechtmäsig zugelassenen Partei umgegangen wird, das ist aber auch schon alles. Und Leute, die mit Schächten und Beschneidung von Jungen kein Problem haben, die haben auch bestimmt mit der Beschneidung der Frau kein Problem, die ja in vielen muslimischen Ländern üblich ist und wovon dort bis zu 90% (!!) der Frauen betroffen sind.

Lothar dM

06.04.2017, 15:53 Uhr

Es mag am fortgeschrittenen Alter von Frau Knobloch liegen oder einer generellen Ignoranz. Im Berliner Landesverband zumindest fühlen sich die jüdischen Kollegen sehr wohl, genau so wie die homosexuellen und arabischstämmigen. Soviel zur Realität der AfD und nun zurück zur FakeAfD- Reality Show des Herrn Neuerer ...

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