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26.09.2014

05:00 Uhr

Chefredakteur in der Kritik

Eklat im ZDF-Fernsehrat wegen Ukraine-Bericht

VonDietmar Neuerer

ExklusivDas ZDF berichtet über die Ost-Ukraine, zeigt Kämpfer mit Hakenkreuz und SS-Rune am Stahlhelm. Kritische Nachfragen im Fernsehrat bügelt Chefredakteur Frey ab. Die Linkspartei lässt den Vorgang nicht auf sich beruhen.

Mit SS-Runen am Stahlhelm - das Asow-Bataillon in der Ost-Ukraine. Screenshot: Handelsblatt.

Mit SS-Runen am Stahlhelm - das Asow-Bataillon in der Ost-Ukraine. Screenshot: Handelsblatt.

BerlinZum wiederholten Mal gerät der öffentlich-rechtliche Rundfunk wegen seiner Berichterstattung über den Ukraine-Konflikt in die Kritik. Nachdem der neunköpfige ARD-Programmbeirat bemängelte, die Berichte der ARD-Redaktionen würden teilweise den Eindruck der Voreingenommenheit erwecken und seien „tendenziell gegen Russland und die russischen Positionen“ gerichtet, wird nun Kritik am ZDF laut.

Im ZDF-Fernsehrat ist es deshalb am vergangenen Freitag sogar zum Eklat gekommen. Chefredakteur Peter Frey wollte kritische Nachfragen der Linksfraktions-Abgeordneten Gesine Lötzsch zu einem Bericht über die Ost-Ukraine, in dem Kämpfer mit Hakenkreuz und SS-Rune am Stahlhelm gezeigt werden, nicht beantworten. Das geht aus einem Brief von Lötzsch an Frey hervor, der dem Handelsblatt (Online-Ausgabe) vorliegt.

Frey war demnach vom „Unterton“ der Fragen von Lötzsch befremdet. „Mit diesem allgemeinen Vorwurf kann ich nichts anfangen“, schreibt die Bundestagsabgeordnete in ihrem Brief. „Besonders ärgerlich ist es, wenn Sie Fragen eines Fernsehratsmitgliedes kritisieren, um sie nicht beantworten zu müssen.“ Lötzsch forderte Frey auf, ihre Fragen schriftlich zu beantworten.

Lötzsch nahm dabei Bezug auf einen Bericht in der „Jüdischen Allgemeinen“. Darin wird bemängelt, dass am 8. September in der ZDF-Nachrichtensendung „Heute“ ein Beitrag ausgestrahlt wurde, in dem auch Mitglieder des nationalistischen Asow-Bataillons gezeigt werden, das in der Ost-Ukraine an der Seite der Regierungstruppen gegen die Separatisten kämpft. An ihren Stahlhelmen tragen die Kämpfer Hakenkreuze und SS-Runen.

Streitpunkte im Ukraine-Konflikt

Kämpfe im Donbass

Fast täglich berichten Militär und prorussische Separatisten von zahlreichen Toten. Nach Schätzungen der Vereinten Nationen verloren in dem Konflikt mehr als 2000 Menschen ihr Leben.

Humanitäre Krise

Hunderttausenden Menschen in der Ostukraine fehlt seit Wochen das Nötigste. Moskau schickte in einem umstrittenen Konvoi gut 2000 Tonnen Hilfsgüter. Auch die Ukraine entsandte daraufhin Hilfe ins Krisengebiet.

Hilfskonvois

Moskaus einseitig durchgeboxte Hilfsaktion ohne Zustimmung Kiews löste massive internationale Kritik aus. Die Ukraine brandmarkte die Einfahrt des Konvois als „Invasion“. Am Montag kündigte die Führung in Moskau einen zweiten Hilfskonvoi an.

Militär

Russland hat Zehntausende Soldaten an der Grenze zur Ukraine zusammengezogen. Kiew verdächtigt Russland, die Separatisten heimlich mit Waffen und Kämpfern auszustatten. Russland weist dies zurück und kritisiert die Stationierung von Nato-Einheiten in Osteuropa.

Gasstreit

Wegen unbezahlter Rechnungen hat Russland der Ukraine im Juni das Gas abgedreht. Kiew droht Moskau mit einer Unterbrechung des Öl- und Gastransits nach Westeuropa.

Freihandelsabkommen

Russland sieht in einem Freihandelsabkommen der Ukraine und der EU eine Gefährdung seines eigenen Handels. Der Kreml will dies nun von russischen und ukrainischen Experten prüfen lassen.

Krim

Nachdem prorussische Bewaffnete auf der Krim strategisch wichtige Gebäude besetzt hatten, spaltete sich die Halbinsel im März in einem umstrittenen Referendum von der Ukraine ab. Moskau gliederte die Krim in die Russische Föderation ein; Kiew erkennt dies nicht an.

„Dies blieb völlig unkommentiert“, schreibt die Zeitung und fragt: „Wo ist die journalistische Sorgfaltspflicht des ZDF geblieben?“ Tatsächlich ging der ZDF-Korrespondent auf die Nazi-Symbole in seinem Beitrag nicht ein. Dort heißt es vielmehr: „Freiwilligenbataillone aus nahezu jedem politischen Spektrum verstärken etwa die Regierungsseite - und in der Ukraine ist Wahlkampf: Eine Friedenslösung ist dadurch nicht einfacher geworden.“

Dass ZDF-Chefredakteur Frey dazu keine Stellung nehmen wollte, hält Lötzsch für einen einmaligen Vorgang. „Ihre heutige Kritik im Fernsehrat an meinen Fragen hat mich nachdenklich gestimmt“, schreibt sie in ihrem Brief an Frey. Seit 2002 sei sie Mitglied des Deutschen Bundestages. „Noch nie hat die Kanzlerin oder ein Minister meine Fragen beanstandet.“ Kritische Fragen seien in einer lebendigen Demokratie selbstverständlich. Sie finde es auch „völlig normal“, wenn ihr Journalisten „sehr kritische Fragen“ stellten. „Sie erwarten zu Recht, dass ich ihre Fragen beantworte und nicht kritisiere.“

Kommentare (112)

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Herr Niko Pol

26.09.2014, 08:02 Uhr

Ich habe den Artikel in der "Judische Allgemeine" gelesen und kann mich dem nur anschliessen.
Es ist höchste Zeit, dass sich die EU seiner hochgepriesene "Werte" besinnt und endlich mal Druck auf die Ukraine ausübt. Wenn schon Assoziierungsabkommen, dann sollten auch die EU-Standarts durchgesetzt werden was Demokratie betrifft!

Herr peterchen Mondfahrt

26.09.2014, 08:07 Uhr

Nun ist scheinbar auch dem ARD-Programmbeirat aufgefallen, was ich und andere Kommentatoren ebenso an nahezu jedem Bericht des Handelsblatts kritisieren: dass offensichtlich "wichtige und wesentliche Aspekte des Ukraine-Konflikts „nicht oder nur unzureichend beleuchtet“ werden und "die Berichterstattung „nicht ausreichend differenziert“ ist. Insgesamt zieht sich diese Tendenz durch die gesamte Medienlandschaft in Deutschland so dass man schon von einer Gleichschaltung der Presse sprechen muss, wie ich sie vorher nur vor der Schröder/Merkel-Wahl erlebt habe. Bedenklich ist dabei, dass bei dieser Berichterstattung humanitäre Positionen scheinbar komplett verloren gehen. "Prorussische Separatisten" kann man halt als reguläre Armee schon mal umbringen, ihre Häuser zerstören und ihre Frauen und Kinder erschießen. Sollen sie sich doch von den Faschisten in Kiew regieren lassen. Warum sollen sie das selbe Recht haben wie die Schotten? Ob jemand in Europa über sich selbst bestimmt oder nicht, entscheidet die Bundesregierung, Pardon, die US-Regierung. Und Putin hat selbstverständlich der Meuchelei seiner Landleute jenseits der Grenze tatenlos zuzusehen, stehen sie doch den Interessen der US-Ölmafia im Wege. Weiter ist bedenklich, dass die notwendige kritische Distanz zu der demokratisch nicht legitimierten Regierung in Kiew in den deutschen Medien komplett verloren gegangen ist. Sie bewaffnet Neo-Nazis und lässt sie auf Menschen los, die sie als Bürger ihres Staates bezeichnet. In jedem anderen Land würde man eine solche Regierung als Terror-Regime brandmarken. Nicht so in der Ukraine.
Warum, frage ich mich, ist in der Rage des Ukraine-Konflikts der Journalismus in Deutschland zur Journaille verkommen? Wie schaltet man eine komplette Medienlandschaft so gleich, dass es selbst dem ARD-Programmbeirat auffällt?

Frau Helga Trauen

26.09.2014, 08:10 Uhr

Frau Lötzsch, was soll Frey denn sagen? "Öffentlich Rechtlich"! Erika und die CIA sagen ihm, wie der das Volk professionell verdummen soll.
In diesem Zusammenhang empfehle ich allen eine Lektüre aus den 60er Jahren des letzten Jahrhundert. Charakter-Wäsche von Schrenk-Notzing. Dann wird klar, was hier gespielt wird.
Die Frechheit ist nur, daß man für diesen Dreck noch GEZahlt haben muss...

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