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08.12.2013

12:40 Uhr

Christian Linder

„Wir brauchen keine Leihstimmen“

Unter Christian Lindners Führung soll die gedemütigte FDP alle Klischees abstreifen: Eigenständig will sie sein, kein Anhängsel der Union mehr. Die SPD aber buhlt schon um frustrierte Parteimitglieder.

FDP-Bundesvorsitzende Christian Lindner: „Wir definieren uns nicht mehr über die Nähe oder Ferne zu irgendeiner anderen Partei.“ dpa

FDP-Bundesvorsitzende Christian Lindner: „Wir definieren uns nicht mehr über die Nähe oder Ferne zu irgendeiner anderen Partei.“

BerlinDer neue FDP-Chef Christian Lindner will die Liberalen mit Attacken auf Schwarz-Rot und einem eigenständigen Kurs 2017 zurück in den Bundestag bringen. Als Lehre aus dem historischen Absturz bei der Wahl werde die FDP kein Anhängsel der Union mehr sein: „Wir haben unseren eigenen Kompass. Wir brauchen keine Leihstimmen“, sagte Lindner am Sonntag bei einem Sonderparteitag in Berlin. Union und SPD warf er eine Bevormundung der Bürger vor.

Der 34-jährige Lindner gilt als letzter Hoffnungsträger der FDP, die erstmals in ihrer Geschichte nicht mehr im Parlament vertreten ist. Der bisherige Bundesvize und nordrhein-westfälische Landesvorsitzende erhielt rund 79 Prozent der Stimmen, was als ordentliches Ergebnis gilt. Sein Vorgänger, Noch-Wirtschaftsminister Philipp Rösler, räumte eigene Fehler ein und wurde mit viel Beifall verabschiedet.

Als einen Grund für den Niedergang nannte Lindner das Betteln um Zweitstimmen von Unionswählern. Es sei schon falsch gewesen, Wahlkampf für Helmut Kohl zu machen. Das gelte auch für Angela Merkel. Das alte Lagerdenken sei nun Geschichte: „Wir definieren uns nicht mehr über die Nähe oder Ferne zu irgendeiner anderen Partei.“

Chronologie der FDP im Bundestag

1949

Die FDP erzielt bei der Bundestagswahl 11,9 Prozent und verhilft Konrad Adenauer (CDU) zur ersten Kanzlerschaft.

1953

Die Partei rutscht auf 9,5 Prozent ab und regiert weiterhin als stärkster Partner der Union unter Adenauer.

1957

Die Liberalen gehen mit 7,7 Prozent in die Opposition.

1961

Die FDP legt auf 12,8 Prozent zu und bildet mit der Union die erste rein schwarz-gelbe Koalition, zunächst unter Adenauer, ab 1963 unter Ludwig Erhard.

1965

9,5 Prozent reichen zur Fortsetzung des Bündnisses unter Erhard. Ein Jahr später scheidet die FDP aus der Regierung aus, als Union und SPD die erste große Koalition eingehen.

1969

Mit schwachen 5,8 Prozent ermöglicht die FDP die erste sozial-liberale Koalition unter SPD-Kanzler Willy Brandt. Walter Scheel (FDP) wird Vizekanzler.

1972

8,4 Prozent; das rot-gelbe Bündnis regiert weiter.

1976

7,9 Prozent trägt die FDP zur sozial-liberalen Regierung unter Helmut Schmidt bei. Starker Mann der FDP ist Hans-Dietrich Genscher.

1980

10,6 Prozent für Genschers Partei; Rot-Gelb bleibt – noch.

1982

Bruch der Koalition mit der SPD und Wechsel in ein Regierungsbündnis mit der Union unter Kanzler Helmut Kohl (CDU).

1983

Bei der vorgezogenen Wahl fällt die FDP auf 7,0 Prozent. Doch es reicht für die Fortsetzung des gerade erst gebildeten christlich-liberalen Bündnisses. Es hält 16 Jahre.

1987

Die FDP steigert sich auf 9,1 Prozent, das Bündnis bleibt.

1990

FDP-Außenminister Genscher gilt als einer der Väter der Wiedervereinigung. Bei der ersten gesamtdeutschen Wahl stimmen 11,0 Prozent für die Liberalen.

1994

Die FDP sinkt auf 6,9 Prozent – die letzte Phase von Schwarz-Gelb beginnt.

1998

6,2 Prozent – die FDP muss wie die Union für elf Jahre in die Opposition. Das erste rot-grüne Bündnis startet unter SPD-Kanzler Gerhard Schröder.

2002

7,4 Prozent reichen nicht für den erhofften Machtwechsel.

2005

9,8 Prozent sind wieder zu wenig: Die Union von Kanzlerin Angela Merkel (CDU) koaliert mit der SPD.

2009

Ein 14,6-Prozent-Rekord sichert den Liberalen fünf Ministerämter in einer schwarz-gelben Regierung unter Merkel.

2013

Die FDP stürzt unter Parteichef Philipp Rösler auf 4,8 Prozent und gehört erstmals dem Bundestag nicht mehr an.

Vor mehr als 600 Delegierten, die teils schonungslos und emotional den Zustand der Partei analysierten, stellte Lindner seine Strategie vor. Die Partei werde Anwältin von sozialer Marktwirtschaft, Rechtsstaat und Toleranz bleiben: „Die FDP hat ein Wächteramt für diese Grundwerte.“ Flügelkämpfe oder einen Rechtsruck werde er verhindern. Wenn die FDP den „Euro-Hassern“ der AfD hinterherlaufe, „verlieren wir unsere Seele“, mahnte er die Freidemokraten.

Die von Schwarz-Rot verweigerte, gesetzlich vorgeschriebene Senkung der Rentenbeiträge sei höchst fragwürdig. „Die Rentenversicherungsbeiträge zahlen keine Millionäre, sondern Facharbeiter und Kindergärtnerinnen. Ich nenne das eine Form der Enteignung.“

Kommentare (4)

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X-Ray

09.12.2013, 08:27 Uhr

Bevor Herr Lindner von Euro-Hassern spricht sollte er doch noch mal überprüfen wie viele der FDP Bundestagsabgeordneten 1998 aufgrund massiver Bedenken hinsichtlich der Stabilität de in der finalen Abstimmung über den Teilnehmerkreis des Euros nicht zugestimmt haben. FDP Abgeordnete wie Otto Graf Lambsdorff oder Burkhard Hirsch haben in Anlage 2 (ab S. 21159) des Berichtes über die Bundestagssitzung ihre ablehnende (Minderheits-) Meinung kundgetan.
http://dip21.bundestag.de/dip21/btp/13/13230.pdf
Die damals ablehnende Meinungen von Lambsdorff und Hirsch zeigen, dass eine liberale Positionen nicht Euro-hörig sein müssen und man trotzdem überzeugter Europäer sein kann.
Lesenswert auch dieses kurze Interview von Lambsdorff zur Euro-Eweiterung:
:http://www.deutschlandfunk.de/finanzpolitische-folgen-der-eu-erweiterung.694.de.html?dram:article_id=59698

Kuno

09.12.2013, 11:03 Uhr

"Wir brauchen keine Leihstimmen"
Was gerade Herr Lindner in der Vergangenheit brauchte, waren dumme Steuerzahler, die seinen durchaus luxuriösen Lebensstil finanzieren:
Dazu einfach mal nach seiner Tätigkeit als (einer von 3) Geschäftsführer der "Moomax GmbH" googeln oder unter Wikipedia nachsehen.
Zitate Wikipedia "...die KfW Bankengruppe – und damit Bund und Länder – verlor weitere 1,4 Millionen Euro...". "...dass ein nicht unbeträchtlicher Teil der 2 Millionen Euro als Gehälter an die drei Moomax-Geschäftsführer geflossen sein muss..."
Zumindest für ihn selbst war sein Ausflug in die Wirtschaft anscheinend außerordentlich erfolgreich.
Wer wohl als nächstes für ihn zahlen darf?

illertissen

09.12.2013, 13:34 Uhr

Diese FDP hat ihre Seele längst verloren, und darum wurde sie abgewählt, auch Dank der AfD. Und bevor ich diese FDP mit schwachem Führungspersonal nochmals wählen würde, glaube ich eher der AfD, die ihre Seele nicht verkauft hat: europa- und eurokritisch; demokratisch mittig und frei; selbstbestimmend; bürgernäher. Das alles hat die FDP nicht mehr zu bieten! Die Alternative heißt AfD.

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