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08.03.2012

23:24 Uhr

Christian Wulffs Abgang

Getröte und Gelärme zum Großen Zapfenstreich

Begleitet von Trompeten, Trillerpfeifen und Vuvuzelas wird Christian Wulff mit einem Großen Zapfenstreich verabschiedet. Der einstige Bundespräsident lässt sich davon nicht beeindrucken - und blickt in die Zukunft.

Lauter Protest bei Wulff-Abschied

Video: Lauter Protest bei Wulff-Abschied

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BerlinDrei Wochen nach dem Rücktritt ist für den bisherigen Bundespräsidenten Christian Wulff die Zeit in Schloss Bellevue jetzt endgültig vorbei. Überschattet von lautstarken Protesten hat sich Wulff endgültig in den Ruhestand verabschiedet. Der traditionelle Große Zapfenstreich im Garten des Präsidialamtes wurde am Donnerstagabend immer wieder durch Wulff-Gegner vor den Toren des Schlosses gestört.

Einige Hundert Demonstranten haben Wulff ein besonderes Konzert zum Großen Zapfenstreich gespielt. Mit Trompeten, Trillerpfeifen und Vuvuzelas standen sie rund um den Zaun des Schloss Bellevue und überzogen die Zeremonie im abgeriegelten Park mit einem Lärmteppich. Polizisten kreisten zeitweise Menschengruppen ein und drohten, Vuvuzelas zu beschlagnahmen, kamen jedoch gegen die Masse nicht an.

Ein Demonstrant hielt ein Schild mit der Aufschrift „Ohne Ehre kein Sold“ in die Höhe und schimpfte: „Wulff ist mit seinen Affären eine Farce, peinlich für das Land.“ Eine andere Frau nannte den Ex-Präsidenten einen „Repräsentanten der Mitnahmegesellschaft“. Solche Proteste gab es bei einem Politiker-Abschied in der jüngeren Geschichte noch nie.

Wulff wirkte während der gesamten Zeremonie sehr ernst. Beim letzten Gang zurück ins Schloss hatte er seine Frau Bettina an der Seite. Auch seine beiden Kinder waren anwesend.

Zum lange umstrittenen Großen Zapfenstreich im Garten des Amtssitzes Schloss Bellevue erschienen am Donnerstagabend rund 200 Gäste, darunter auch Bundeskanzlerin Angela Merkel und Bundestagspräsident Norbert Lammert (beide CDU). Von Wulffs vier noch lebenden Vorgängern war jedoch kein einziger dabei. Auch die Opposition fehlte praktisch komplett. Nach einer Umfrage für die Nachrichtenagentur dpa erwarten drei Viertel der Bundesbürger (73 Prozent), dass Wulff für immer der Politik fern bleibt.

Vorab-Manuskript: Abschiedsrede von Ex-Bundespräsident Wulff

Vorab-Manuskript

Abschiedsrede von Ex-Bundespräsident Wulff

Der zurückgetretene Bundespräsidenten Christian Wulff hat am Donnerstag bei seiner Verabschiedung zum letzten Mal im Schloss Bellevue gesprochen. Hier einige Auszüge aus Wulffs Rede nach dem vorab verbreiteten Manuskript.

Wulff betonte zuvor in einer kurzen Abschiedsrede, seine Zeit als Politiker sei von „Höhen und Tiefen“ geprägt gewesen, aber vor allem von „der Erfahrung, dass es wichtig und letztlich erfüllend ist, sich politisch zu engagieren“. Ausdrücklich bedankte sich Wulff nicht nur bei seinen Mitarbeitern und den politischen Institutionen, sondern auch bei „allen Bürgerinnen und Bürgern in unserer so aktiven Bürgergesellschaft“. Seine Frau Bettina lobte er mit den Worten, sie habe Deutschland „auf großartige Weise überzeugend repräsentiert“.

Der 52-Jährige fügte bei einem Empfang hinzu: „Ich gehe mit dem Gefühl der Neugier und der Vorfreude auf das, was kommt.“ Seine Frau Bettina Wulff und er wollten sich weiterhin „engagiert für unser Land und seine Menschen einsetzen“. Seinem Nachfolger Joachim Gauck wünsche er eine glückliche Hand für Deutschland und breite Unterstützung.

Bei einem letzten Empfang im Präsidialamt warb Wulff am Donnerstagabend nochmals für eine Gesellschaft, in der auch Platz für andere Kulturen ist.

Mit einem Bekenntnis zum Dialog der Kulturen und einem Plädoyer für eine lebendige Demokratie hat sich der frühere Bundespräsident Christian Wulff aus dem Amt verabschiedet. „Ich wünsche Deutschland von ganzem Herzen eine politische Kultur, in der die Menschen die Demokratie als wertvoll erkennen und sich gerne für die Demokratie einsetzen, mit vielen positiven Erfahrungen“, sagte Wulff bei dem Empfang vor dem Großen Zapfenstreich in Berlin laut Redetext.

Chronologie Christian Wulff

25. Oktober 2008

Christian Wulff, damals Ministerpräsident von Niedersachsen, bekommt von der Unternehmergattin Edith Geerkens einen Privatkredit über 500.000 Euro zum Kauf eines Hauses in Burgwedel bei Hannover.

18. Februar 2010

Die Grünen im niedersächsischen Landtag wollen vom damaligen Ministerpräsidenten Wulff unter anderem wissen, welche Spenden beziehungsweise Sponsoringleistungen er oder die CDU in den vergangenen zehn Jahren vom Unternehmer Egon Geerkens erhalten haben und ob es geschäftliche Beziehungen zu Geerkens gab. Wulff verneint dies.

21. März 2010

Die im Dezember 2009 aufgenommenen Gespräche mit der Stuttgarter BW-Bank führen zur Unterzeichnung eines kurzfristigen günstigen Geldmarktdarlehens, mit dem Wulff das Geerkens-Darlehen ablöst. Der Zinssatz beträgt 2,1 Prozent. Das Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ vermutet Ende 2011 einen Zusammenhang zwischen dem sehr günstigen Darlehen und dem Einsatz Wulffs als niedersächsischer Ministerpräsident für den Einstieg des VW-Konzerns bei Porsche.

17. August 2011

Der Bundesgerichtshof (BGH) entscheidet, dass Journalisten das Grundbuch von Wulffs Haus einsehen dürfen, wenn dies für eine journalistische Recherche erforderlich ist. Mehrere Medien recherchieren zu dem Fall.

12. Dezember 2011

Bundespräsident Wulff besucht die Golfregion und versucht Medienberichten zufolge, den „Bild“-Chefredakteur Kai Dieckmann zu erreichen, um auf die anstehende Berichterstattung über seinen Privatkredit Einfluss zu nehmen. Er spricht Diekmann auf die Mailbox und droht den „endgültigen Bruch“ mit dem Springer-Verlag für den Fall an, dass diese „unglaubliche“ Geschichte tatsächlich erscheine.

13. Dezember 2011

Die „Bild“-Zeitung berichtet erstmals über das Darlehen und fragt, ob Wulff das Landesparlament getäuscht habe. Sein Sprecher Olaf Glaeseker teilt mit, Wulff habe die damalige Anfrage korrekt beantwortet. Es habe keine geschäftlichen Beziehungen zu Egon Geerkens gegeben und gebe sie nicht.

22. Dezember 2011

Wulff tritt erstmals persönlich in der Affäre an die Öffentlichkeit und entschuldigt sich für seinen Umgang mit den Vorwürfen. Er bekräftigt jedoch, im Amt bleiben zu wollen. „Ich habe zu keinem Zeitpunkt in einem meiner öffentlichen Ämter jemandem einen unberechtigten Vorteil gewährt“, versichert das Staatsoberhaupt. Kurz vor seiner Erklärung im Schloss Bellevue entlässt Wulff seinen langjährigen Sprecher Olaf Glaeseker ohne Angabe von Gründen.

4. Januar 2012

Der Bundespräsident bricht sein Schweigen. In einem Fernseh-Interview zur besten Sendezeit beantwortet Christian Wulff Fragen zur Kredit-Affäre. Im Gespräch mit ARD und ZDF räumte Wulff ein, dass der Drohanruf bei „Bild“-Chefredakteur Kai Diekmann „ein schwerer Fehler“ gewesen sei, der mit seinem eigenen Amtsverständnis nicht vereinbar sei. Der Fehler tue ihm leid und er habe sich auch entschuldigt. Zugleich betonte Wulff, er wolle nicht Präsident in einem Land sein, in dem man sich kein Geld von Freunden leihen könne. Ungeachtet des anhaltenden Drucks in der Kredit- und Medienaffäre machte der Bundespräsident in dem Interview auch klar, dass er nicht zurücktreten wolle. „Ich nehme meine Verantwortung gerne wahr“, sagte Wulff. Mit Blick auf das Darlehen der BW Bank sagte er, es handele sich um normale und übliche Konditionen. Das gesamte Risiko der Zinsentwicklung liege bei ihm, so Wulff. Er habe keine Vorteile genossen, es handele sich um ein Angebot wie für andere auch.

18. Januar 2012

Im Auftrag Wullfs stellt sein Anwalt nun doch Journalisten-Anfragen und Antworten auf knapp 240 Seiten online.

Die Staatsanwaltschaft Stuttgart sieht keine Anhaltspunkte gegen Wulff wegen seines Hauskredites bei der BW-Bank zu ermitteln.

19. Januar 2012

Die Staatsanwaltschaft durchsucht das Haus und Büro von Wulffs Ex-Sprecher Olaf Glaeseker und die Räumlichkeiten des Eventmanagers Manfred Schmidt. Ermittelt wird wegen Korruptionsverdacht. Glaeseker soll die private Lobby-Veranstaltung Nord-Süd-Dialog „gefällig gefördert“ haben.

8. Februar 2012

Die Bild-Zeitung berichtet, dass der Filmunternehmer David Groenewold für Wullf und seine spätere Frau Bettina einen Urlaub auf Sylt gebucht und bezahlt habe. Wulffs Anwalt erklärt, der damalige Ministerpräsident habe die Kosten später in bar beglichen habe. Groenewold soll vor drei Wochen das Sylter Hotel angerufen und zum Stillschweigen verpflichtet haben. Im gleichen Jahr gab das Land Niedersachsen dem Filmunternehmen eine Bürgschaftszusage.

16. Februar 2012

Die Staatsanwaltschaft Hannover beantragt beim Bundestag die Aufhebung der Immunität des Bundespräsidenten. Es bestehe ein Anfangsverdacht auf Vorteilsannahme und Vorteilsgewährung, so die Staatsanwaltschaft. Der Bundestag entscheidet nun, ob gegen Wulff strafrechtlich ermittelt wird.

Wulff soll als Ministerpräsident Kontakte zu dem Filmfonds-Manager David Groenewold gehabt haben. Auch gegen Groenewold wird ermittelt. Der Antrag zur Aufhebung der Immunität gegen einen Bundespräsidenten ist einmalig in der Geschichte der Bundesrepublik.

17. Februar 2012

Wulff erklärt seinen Rücktritt, woraufhin die Staatsanwaltschaft mit ihren Ermittlungen beginnt.

2. März 2012

Fünf Beamte des niedersächsischen Landeskriminalamts und ein Staatsanwalt durchsuchen das Wohnhaus von Wulff in Großburgwedel.

8. März 2012

Wulff wird mit einem Großen Zapfenstreich verabschiedet. Viele Prominente bleiben der Zeremonie fern.

22. Juli 2012

Neue Vorwürfe werden bekannt: Wulff soll sich als Ministerpräsident dafür eingesetzt haben, der Versicherungswirtschaft Vorteile zu verschaffen. 2008 verbrachten die Wulffs ihre Flitterwochen im Haus eines Versicherungsmanagers in Italien.

8. September 2012

Bettina Wulff geht gegen die Verbreitung von Gerüchten und Denunziationen vor. Die „Süddeutsche Zeitung“ berichtet, Wulff habe eine eidesstattliche Erklärung abgegeben, alle Behauptungen über ihr angebliches Vorleben als Prostituierte oder Escort-Dame seien falsch.

10. September 2012

Das ursprünglich erst für November angekündigte Buch der früheren First Lady, „Jenseits des Protokolls“, ist bereits in vielen Buchhandlungen erhältlich. Darin setzt sie sich nun auch publizistisch gegen die Gerüchte zur Wehr.

11. September2012

In mehreren Interviews erhebt Wulff Vorwürfe auch gegen ihren Mann. Sie beklagt unter anderem, an seiner Seite habe sie eigene Bedürfnisse unterdrücken müssen. Um die ganze Situation zu verarbeiten, habe sich das Paar therapeutische Hilfe gesucht.

15. September 2012

Nach heftiger öffentlicher Kritik an ihrem Buch und ihren Interviews sagt Bettina Wulff mehrere geplante Auftritte in Fernseh-Talkshows ab. Das bestätigen die betroffenen Sender.

9. Oktober 2012

Die Flitterwochen der Wulffs im Haus eines Versicherungsmanagers rechtfertigen keine Ermittlungen wegen Vorteilsannahme, teilt die Staatsanwaltschaft Hannover mit.

14. November 2012

Die Staatsanwaltschaft kann nach eigenen Angaben noch nicht absehen, wie lange die Ermittlungen gegen Christian Wulff noch dauern werden.

7. Januar 2013

Die Wulffs haben sich „einvernehmlich räumlich“ getrennt, wie der Anwalt der Eheleute bestätigt. Zuvor hatte die „Bild“-Zeitung unter Berufung auf „hochrangige Kreise der CDU“ über die Trennung berichtet.

Auf die Gründe für seinen Rücktritt nach nur einem Jahr Amtszeit ging er nicht ein. In seiner vorab veröffentlichten Abschiedsrede äußerte Wulff allerdings „Bedauern“ darüber, dass er seine Amtszeit nicht zu Ende bringen konnte. Wörtlich sagte er: „Diesen Anlass hatte ich mir für das Jahr 2015 vorstellen können. Nun ist es anders gekommen." Bundesratspräsident Horst Seehofer dankte Wulff in seiner Rede und würdigte ihn laut Manuskript als Präsidenten, der sich besonders intensiv für einen interkulturellen Dialog eingesetzt habe.

In seiner Rede dankte Wulff ausdrücklich der Kanzlerin und der Regierung, mit der er immer gut zusammengearbeitet habe. Er betonte, dass er mit der Gedenkfeier für die Opfer rechtsextremistischer Gewalt und dem Dialog der Kulturen zwei wichtige Schwerpunkte als Präsident habe setzen wollen.

Kommentare (45)

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08.03.2012, 18:50 Uhr

Bild und Spiegel zahlen den Ehrensold für Wulff aufgrund der hohen Auflage in den letzten Monaten. Der Spiegel überlegt jedoch jetzt nur noch monatlich das Magazin zu drucken.

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08.03.2012, 19:02 Uhr

Die Vorverurteilung eines Präsidenten und eine beispiellose Hetzkampagne der Medien wird in die Geschichte eingehen und noch viele Experten beschäftigen. Wie kommen Sie darauf, daß Christian Wulff wenig Freunde hat? Er hat tausende Freunde, die ihn als Menschen mögen und als guten Politiker schätzen. Warten wir doch jetzt einmal die Ermittlungen ab und ich glaube, es wird dann für die Medien peinlich werden und nicht für Christian Wulff.

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08.03.2012, 19:21 Uhr

"Der lautstarke Protest der Bevölkerung ist scheinbar nicht nur die politische Abrechnung gegen einen Bundespräsidenten a.D., sondern auch der zivile Ungehorsam gegen ein als ignorant empfundenes politisches System, das sich immer weiter von den Bürgern wegbewegt und sich nicht mehr als Vertreter des Volkes aufführt." (Blog)

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