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05.06.2012

07:46 Uhr

Claudia Kemfert

„Ohne Energieminister ist die Energiewende nicht zu schaffen“

VonDietmar Neuerer

ExklusivVor einem Jahr hat Kanzlerin Merkel eine spektakuläre Wende in der Energiepolitik vollzogen. Doch das Projekt kommt nur zögerlich voran. Worauf es jetzt ankommt, erläutert die DIW-Ökonomin Claudia Kemfert im Interview.

Die Ökonomin Claudia Kemfert vom DIW Berlin plädiert für einen Energieminister. Pressefoto DIW

Die Ökonomin Claudia Kemfert vom DIW Berlin plädiert für einen Energieminister.

Handelsblatt Online: Frau Kemfert, vor einem Jahr präsentierte das schwarz-gelbe Bundeskabinett sein Energiewende-Konzept, mit hohen Zielen: 2020 sollen 35 Prozent unseres Stroms durch Wind- und Sonnenenergie sowie Biomasse und Wasserkraft sichergestellt sein. Halten Sie das für machbar?

Claudia Kemfert: Es ist auf jeden Fall machbar, da wir heute ja schon 20 Prozent unseres Stroms aus erneuerbaren Energien herstellen. In Bayern und Baden Württemberg gehen die restlichen Kernkraftwerke vom Netz, beide Bundesländer haben sich vorgenommen den Anteil der erneuerbaren Energien deutlich zu erhöhen. Auch Nordrhein Westfalen will den Anteil deutlich erhöhen. Somit werden wir sicherlich diese Größenordnung erreichen können.

Die deutsche Wirtschaft hat Zweifel, dass die in Deutschland künftig produzierte Energie nur so viel kosten wird, dass die internationale Wettbewerbsfähigkeit erhalten bleibt. Sehen Sie auch, dass es in dieser Hinsicht Probleme geben könnte?

Es ist richtig, dass Deutschland vergleichsweise hohe Strompreise hat, allerdings sind die energieintensiven Industrien schon heute von Zahlungen der erneuerbaren Energien Umlage, der Ökosteuer und der CO2-Zertifikate weitestgehend ausgenommen. Diese Ausnahmen hat man eingerichtet, um die Wettbewerbsfähigkeit nicht zu gefährden. Für die Industrie sind zudem die Börsenpreise für Strom entscheidend – diese können sogar sinken mit der Zunahme des Angebots aus erneuerbaren Energien.

Im Übrigen zeigen unsere Modellrechnungen, dass die Strompreise auch ohne Energiewende steigen würden, aufgrund von Preissteigerungen bei fossilen Energien und mangelndem Wettbewerb. Selbst ohne Energiewende würde das Netz wie geplant erneuert und überarbeitet und alte Kraftwerke durch neue ersetzt. Der Strompreisanstieg beim Börsenstrompreis, der allein auf die Energiewende zurückzuführen ist, ist sehr gering.  Der Ausbau der Netze auf dezentraler Ebene sowie ins europäische Ausland sollte auch ohne Energiewende getätigt werden.

Das heißt für die Preise?

Auch ohne Energiewende steigen die Energiekosten. Umso wichtiger ist es, sparsamer mit Energie umzugehen und alles zu tun, um die Energieeffizienz zu verbessern. Ein Zusammenschluss starker Industrieunternehmen, die beispielhaft Energieeffizienzmaßnahmen umsetzen (Deneff) zeigt eindrucksvoll, was die deutsche Industrie in diesem Punkt leistet. Ich würde mir wünschen, man würde derartige Initiativen stärker unterstützen.

Herkulesaufgabe Energiewende

Mammutprojekt Energiewende

Der neue Bundesumweltminister Peter Altmaier (CDU) erbt von Norbert Röttgen eine Menge Probleme. Diese sind aber weniger Röttgens Arbeit geschuldet als der Tatsache, dass die Energiewende ein Mammutprojekt ist. Ein Jahr nach dem Start drängt die Zeit: Weichenstellungen für Investitionen in neue Netze, mehr Energiespeicher und neue Gaskraftwerke sind dringend nötig.

Solarstrom-Reform

Im Vermittlungsausschuss muss Altmaier wegen des Widerstands gerade der ostdeutschen Länder die Pläne für die Kürzung der Solarförderung wohl etwas abmildern lassen. Dadurch drohen aber steigende Belastungen für die Bürger. Sie zahlen die Förderkosten über den Strompreis.

Die Regierung will, dass die Bürger nicht mehr als die derzeit 125 Euro (bei einem Verbrauch von 3500 Kilowattstunden) pro Jahr für die Ökostromförderung zahlen. Das auch im Bundestagswahljahr 2013 zu schaffen, wird immer schwerer.

Ökoenergie-Kosten und fehlende Kraftwerke

Bisher gibt es kein tragfähiges Modell, um erneuerbare Energien wettbewerbsfähig zu machen, also die Subventionierung massiv zurückzufahren. Und wegen des Einspeisevorrangs für Wind- und Sonnenstrom lohnen sich zum Beispiel neue Gaskraftwerke kaum noch. Die braucht man aber, wenn es keine Sonne oder Wind gibt und die Atomkraftwerke abgeschaltet sind.

Daher müssen hier Anreize oder Regelungen geschaffen werden, damit diese jetzt bald gebaut werden, denn bis 2022 sollen die restlichen neun Atomkraftwerke abgeschaltet werden.

Speicher und Netze

Die Regierung investiert in Speicherforschung, doch schnelle Lösungen sind nicht zu erwarten. Immer mehr Wind- und Solarparks bringen nur etwas, wenn überschüssiger Strom eines Tages auch gespeichert werden kann. Zudem können die Netze mit dem Ausbau der erneuerbaren Energien (Stromanteil schon rund 20 Prozent) kaum noch mithalten.

Tausende Kilometer an neuen Leitungen sind nötig. Hier muss Altmaier mit Wirtschaftsminister Philipp Rösler (FDP) Lösungen finden, in Kürze soll ein Bundesnetzplan vorliegen. Besonders der Anschluss der See-Windparks muss beschleunigt werden.

Koordinierung

Jedes Bundesland hat sein Energiekonzept, hinzu kommen hunderte kommunale Pläne. Hier ist dringend mehr Abstimmung und eine einheitliche Koordinierung nötig, damit neue Wind- und Solarparks da entstehen, wo sie gebraucht werden und wo es Netze gibt.

Zudem muss ein Ausufern von Subventionen vermieden werden, denn der Netzausbau treibt in diesem Jahr stark die Netzentgelte, die wie die Ökoförderkosten über den Strompreis zu zahlen sind.

Geld für Energiewende-Projekte

Damit die Einnahmen aus dem Handel mit CO2-Verschmutzungsrechten wieder anziehen, wäre eine Anhebung des EU-Klimaziels auf 30 Prozent weniger Treibhausgasemissionen bis 2020 (im Vergleich zu 1990) notwendig. Doch das Kohleland Polen blockiert. Die Einnahmen sind nötig zur Finanzierung von Energiewende-Projekten. Bleiben diese weiter aus, könnten bis zu fünf Milliarden Euro in den kommenden Jahren fehlen.

Besonders Maßnahmen für Energieeinsparungen würden darunter leiden. Wird weniger Energie verbraucht, werden auch weniger Netze und Kraftwerke gebraucht - ein Schlüssel zum Erfolg.

Atom-Endlager

Röttgen hat viel Vorarbeit geleistet für eine neue Suche nach einem Endlager für hoch radioaktiven Atommüll. Doch geklärt werden muss noch, wie der bisher favorisierte Standort Gorleben in das Suchverfahren integriert wird und wer das Sagen bei der Suche haben soll.

Bis zum Sommer soll das Problem abgeräumt werden und mit SPD und Grünen ein Suchgesetz erarbeitet werden.

Asse

Altmaier muss klären, wie das Problem in dem maroden Lager für schwach- und mittelradioaktive Abfälle bei Wolfenbüttel gelöst werden soll, wo 126.000 Atomfässer geborgen werden sollen.

Es kommt aber zu ständigen Verzögerungen, und die Zweifel wachsen, ob eine Bergung angesichts mangelnder Stabilität des Lagers noch möglich ist.

Kommentare (33)

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vandale

05.06.2012, 08:17 Uhr

Auch ein Energieminister kann die Gesetze der Physik und Ingenieurwissenschaften nicht überwinden.

Fr. Kempfert ist eine Oekoaktivistin und hat sich in vorangegangenen Interviews, z.B. FAZ, nicht gescheut gänzlich fiktive Aussagen ohne Realitätsbezug zu machen. Da solche Aussagen von den Politikern und Journalisten gerne gehört werden ist die Dame trotz bescheidener Kenntnisse in den Medien sehr präsent.

Grundsätzlich konnten sich "Erneuerbare" Energien in der Antike und im Mittelalter häufig gegenüber der Muskelkraft durchsetzen. Gegenüber modernen fossilen und nuklearen Energiequellen gerieten diese im Zuge der Industrialisierung ins Hintertreffen.

Die Energiedichte, Beispiel Solarenergie, in Deutschland ergibt sich eine Sonneneinstrahlung von ca. 1000 kWh/a/m2 x 10% realer Wirkungsgrad und einem Wert des gewonnenen Zufallsstroms von ca. 1c/kWh ergibt einen Ertrag von 1 €/m2/a trägt nicht einmal den Bau der Gestelle für die Solarzellen.

Sonnen- und Windstromeinspeisung erfolgen entprechend den Launen des Wetter. In einem bedarfsgesteuertem Stromnetz in dem zu jedem Zeitpunkt Einspeisung und Verbrauch im Einklang stehen müssen sind solche Energiequellen weitgehend wertlos. Es bedarf teils befeuert in Bereitschaft gehaltener Schattenkraftwerke.

Ein Energieminister kann diese Realität nicht ändern. Er steht dann zwischen den der Bevölkerung vermittelten Visionen/Illusionen und der Wirklichkeit und wird dann früher, oder später zerrieben.

Vandale
Ein Energieminister kann

peter13

05.06.2012, 08:40 Uhr

Claudia Kemfert, ich scheine mich zu erinnern. Ist das nicht die hoffnungslos vergrünte Frau die sich mit Ihren Aussagen bereits in einer bekannten Polittalkshow lächerlich gemacht hat?

Account gelöscht!

05.06.2012, 08:45 Uhr

Nen Minister für Tütensuppe wurde noch vergessen... kommt wahrscheinlich auch noch.

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