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07.11.2014

14:39 Uhr

Claus Weselsky

Entsetzen über „Hetzjagd“ auf den GDL-Chef

VonDietmar Neuerer

ExklusivDer Lokführerstreik ärgert viele. Doch dass GDL-Chef Weselsky deshalb mit persönlichen Anfeindungen überzogen wird, geht einigen Politiker zu weit. Für sie sind die roten Linien des Anstands überschritten.

Kein Kompromiss in Sicht

Die Bahn geht den nächsten Schritt gegen die GdL

Kein Kompromiss in Sicht: Die Bahn geht den nächsten Schritt gegen die GdL

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BerlinMit einer Dauer von knapp fünf Tagen ist es der längste Streik seit Gründung der Deutschen Bahn 1994. Kaum einer hat dafür noch Verständnis. Sogar bei Mitgliedern der Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer (GDL) stößt das harte Vorgehen des Bundesvorsitzenden Claus Weselsky auf Widerspruch. Auch dort gibt es den Vorwurf, es gehe vor allem um Machtspiele zwischen der GDL und der Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft (EVG) und nicht um Lohnerhöhung und kürzere Arbeitszeiten für die Angestellten.

Inzwischen hat sich der Konflikt soweit zugespitzt, dass es in der Debatte immer weniger um die Sache und immer mehr um den GDL-Chef geht. Dass dabei alle Dämme zu brechen scheinen, sorgt in der Politik und auch im Gewerkschaftslager für großes Entsetzen – zumal Weselsky, wie er selbst sagt, um seine Privatsphäre fürchten muss.

„Hier steht auch die Bahn in der Verantwortung. Die öffentliche Hetzjagd auf den GDL-Vorsitzenden muss aufhören“, sagte der Bundesvize der Christlich Demokratischen Arbeitnehmerschaft (CDA), Christian Bäumler, dem Handelsblatt (Online-Ausgabe). „Weitere personelle Zuspitzungen könnten den Rechtsfrieden gefährden.“ Der CDU-Politiker betonte, dass das Anliegen der GDL, einen Tarifvertrag auch für Zugbegleiter zu erstreiten, legitim und vom Streikrecht gedeckt sei. „Über die Grenzen des Streikrechts und die Verhältnismäßigkeit der Dauer des Streiks sollten die Arbeitsgerichte entscheiden“, so Bäumler.

Die längsten Streiks der deutschen Geschichte

Tarifkampf

Im Tarifstreit bei der Bahn hat die Lokführer-Gewerkschaft GDL mehrfach gestreikt. Der längste Ausstand dauerte 109 Stunden im Güterverkehr und 98 Stunden im Personenverkehr, der längste in der Geschichte der Deutschen Bahn. Im Vergleich zu anderen Branchen ist dies noch moderat. Es folgt eine Zusammenstellung besonders langer Streiks in Deutschland.

1956/1957

1956/57 dauerte der Streik in der Metallindustrie in Schleswig-Holstein 16 Wochen. 34.000 Beschäftigte setzten sich für eine höhere Lohnfortzahlung im Krankheitsfall ein. Sie erreichten eine Aufstockung auf 90 Prozent des Nettoeinkommens.

1984

1984 streikten die Beschäftigten der Metallindustrie in Hessen und Baden-Württemberg sieben Wochen lang für die 35-Stunden-Woche. Die Drucker waren bundesweit sogar zwölf Wochen im Ausstand. Die Arbeitgeber reagierten mit massiven Aussperrungen. Am Ende wurde in beiden Branchen die 38,5-Stunden-Woche vereinbart.

1994

1994 legten 100.000 Drucker 17 Wochen lang die Arbeit nieder, um Vorruhestand-Regelungen und einen besseren Gesundheitsschutz sowie eine Gleichstellung von Frauen durchzusetzen. Die Arbeitgeber verpflichteten sich am Ende nur, über diese Themen zu verhandeln.

2004

2004 blieben in Leverkusen die Busse 395 Tage lang in den Depots, weil die Mitarbeiter einer Tochterfirma der Kraftverkehr Wupper-Sieg (KWS) höhere Löhne verlangten.

2012/2013

2012/2013 streikten Beschäftigte des Verpackungsherstellers Neupack in Hamburg acht Monate lang, um einen Tarifvertrag durchzusetzen. Erreicht wurde eine tarifvertragsähnliche Vereinbarung mit dem Betriebsrat.

2013

2013 legten Beschäftigte im Einzelhandel über einen Zeitraum von acht Monaten immer wieder die Arbeit nieder, bis Anfang 2014 die letzten Lohn-Abschlüsse unter Dach und Fach waren. In mehr als 950 Betrieben wurde vorübergehend nicht gearbeitet.

Auch der SPD-Bundesvize Ralf Stegner warnt vor überzogener Kritik. „Was immer man vom langen Streik der GDL hält - und es gibt wirklich gute Gründe, diesen als völlig unverhältnismäßig zu kritisieren - rechtfertigt in keiner Weise Drohungen oder Gewaltanwendung“, sagte Stegner dem Handelsblatt (Online-Ausgabe). „Harte politische Kritik an Herrn Weselsky und der Spaltung der Beschäftigten, die dem Ansehen der Gewerkschaften massiv schadet, ist sicher berechtigt, ihn deswegen an den Pranger zu stellen, bleibt dennoch inakzeptabel.“

Zudem sollten Weselsky und die GDL „nicht in eine politische Märtyrerrolle gedrängt werden“, warnte der SPD-Vize, „sonst werden eine Lösung des Konflikts und eine Rückkehr der GDL zur Vernunft nicht gerade leichter“.

Hintergrund sind nicht nur persönliche Attacken auf den GDL-Chef, sondern auch die teilweise tendenziöse Berichterstattung, die auch vor Privatem nicht Halt macht. So veröffentlichte „Focus Online“ ein Foto des Wohnhauses der Familie Weselsky und nennt es den „geheimen Rückzugsort des GDL-Chefs“. „Hier bejubelt der Streik-Rambo den Gerichtsentscheid“ , titelt dasselbe Medium, nachdem die Klage der Bahn gegen den Lokführerstreik abgewiesen wurde.

Kommentare (42)

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Herr Muk allah

07.11.2014, 13:28 Uhr

Dieser Typ ist die größte Plage Deutschlands. Er legt die komplette Infrastruktur lahm nur um sein Ego zu pushen. Streiken ist rechtens, keine Frage aber nicht wenn dabei Millionen Schäden entstehen. Diese werden sowieso dem Bahnkunden bzw. dem Steuerzahler zugeschrieben. Wir dürfen die Rechnung am Ende zahlen. (...)


Beitrag von der Redaktion editiert. Bitte bleiben Sie sachlich.

Herr Jens Muche

07.11.2014, 13:38 Uhr

@ Muk allah

„Streiken ist rechtens, keine Frage aber nicht wenn dabei Millionen Schäden entstehen.“

Ein Streik verursacht immer „Schäden“ beim Bestreikten, sonst hätte er auch keine Wirkung. Sie sollten sich mehr um die Hintergründe, die zu diesem Streik führten, kümmern als in das Horn der Streikgegner zu stoßen.

„Für mich gehört dieser Typ aus dem Weg geräumt. 100 Millionen Euro Schaden pro Tag oder einmal "Beseitigen" für 50.000 Euro.“

Beitrag von der Redaktion editiert. Bitte achten Sie auf unsere Netiquette: „Nicht persönlich werden“ http://www.handelsblatt.com/netiquette

Herr Ylander Ylander

07.11.2014, 13:38 Uhr

Ich verstehe auch nicht, warum sich die Deutsche Bahn von diesem Menschen so auf der Nase herumtanzen lässt.

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