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06.01.2010

18:26 Uhr

CSU-Klausur

Ein Hauch von Anarchie in Wildbad Kreuth

VonPeter Müller

Wahldebakel, BayernLB-Desaster, Führungschaos. Die CSU taumelt von einer Krise in die nächste. Seit gestern ist sie in Wildbad Kreuth in Klausur. Parteichef Seehofer ruft eine "Dekade der Erneuerung" aus. Doch die wird schwierig: Denn dafür müsste die Partei mit ihrem Edmund Stoiber brechen.

Seehofer, der Einzelkämpfer, versucht es allen Recht zu machen. dpa

Seehofer, der Einzelkämpfer, versucht es allen Recht zu machen.

WILDBAD KREUTH. Jahrzehntelang ging es so zu, wie es Otto Beck, 58, CSU-Bürgermeister aus Burk in Mittelfranken vor dem Zubettgehen noch einmal erzählt. Suchte der 1200-Einwohner-Sprengel für seine neue Diakoniestation ein Grundstück, stellte der Freistaat eines. Ein paar Anrufe des Bürgermeisters bei ein paar wichtigen Leuten in München, und die Sache ging klar. Auch bei Problemen, bei denen sich die Interessen aller nicht sofort aufs Beste verbanden, fand Beck, der kleine Mann aus Burk, immer ein offenes Ohr.

So war das eben, in der CSU

"Unter Edmund Stoiber wurde das massiv schwieriger", sagt Beck. Bürgermeister ist er im Nebenamt, sein Geld verdient er als Bäcker, daher muss er auch am nächsten Morgen früh aus den Federn. "Oft hatte man den Eindruck, jetzt wird alles zur Chefsache." Becks Forderung an die CSU-Chefs ist daher klar: "Wir müssen nicht den gesamten Globus bewegen." Er könnte auch sagen: Die CSU muss wieder kleinere Brötchen backen.

Bei Appellen wollte es Kurt Taubmann nicht mehr belassen, nachdem seine Partei bei der Bundestagswahl auf 42,6 Prozent abgestürzt war. Ein paar Kilometer von Bürgermeister Beck entfernt, Wieseth, Mittelfranken, bittet er den Zeitungsreporter in seine aufgeräumte Tischlerei. Kräftiger Händedruck, Holzfällerhemd, Cordhose mit Tasche für den Zollstock. Nach dem Wahldebakel fasste sich Taubmann, CSU-Ortsverbandschef, ein Herz und schrieb an Parteichef Horst Seehofer. Der hatte doch gesagt, wenn er ein schlechteres Ergebnis erziele als das glücklose Duo Huber/Beckstein bei der Landtagswahl zuvor, dann trete er zurück. War es also nicht an der Zeit, Konsequenzen zu ziehen?

Der Brief war unerhört, das gab es nie zuvor in der CSU

Der Brief machte Schlagzeilen. Etwas in der CSU Unerhörtes war geschehen: Einer von ganz unten im Parteiapparat machte seinem Ärger Luft. Nicht in einem Telefonat. Nein, da kündigte einer die alte Harmonie von Parteivolk und Führung auf - und zwar in aller Öffentlichkeit.

Die CSU ist in Aufruhr, und wann immer die Parteistrategen denken, schlimmer kann's nicht mehr kommen, passiert genau das. Zum Wahldebakel ist das Fiasko der Landesbank BayernLB gekommen, die bei der Kärntner Problembank Hypo Group Alpe Adria einstieg und mal eben 3,7 Milliarden Euro versenkte. Und in Berlin, wo die Regierungspolitik gemacht wird, wirkt es, als raufte die CSU mit der FDP um die Meinungsführerschaft in der Opposition.

Das in etwa ist die Ausgangslage, als Horst Seehofer am Mittwochmittag im verschneiten Wildbad Kreuth beschwingt aus seinem schwarzen Dienst-Audi steigt. Der Parteichef und seine Landesgruppe treffen sich in der ehemaligen Kuranstalt über dem Tegernsee, dort, wo einst Nervenleiden und Schwindsucht kuriert wurden - und Edmund Stoiber gestürzt. Sie wollen ihre Linien, die Politik für das Jahr besprechen.

Landesgruppenchef Hans-Peter Friedrich versucht, die Diskussion auf Energiepolitik und Bürokratieabbau zu lenken, doch seine Papiere interessieren niemanden. Alle warten auf Seehofers Referat am späten Nachmittag. Fällt ein kritisches Wort gegen die Höher-schneller-weiter-Mentalität der Stoiber-Ära, in der viele die eigentliche Ursache des Landesbank-Debakels sehen? Und: Schafft ausgerechnet Seehofer, der Einzelkämpfer, der CSU neuen Mannschaftsgeist einzuimpfen?

Kommentare (1)

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Lieber3103

06.01.2010, 23:05 Uhr

Arme CSU, armer Horsti,

eigentlich ward ihr wie der Fels in der brandung der politischen Landschaft in bayern.

ihr seid weichgespült, dank bayernLb. Aber nicht nur dies - ihr habt Euren eigenen politischen Kompass verloren. Wirtschaftspolitisch seid ihr eine Nullnummer. Soziale Geschenke könnt ihr Euch nicht mehr leisten. Die innere Sicherheit wird von den USA und nicht von Euch gelenkt (Nacktscanner an Flughäfen) und auch im Umweltschutz seid ihr rückschrittlich (Donauausbau). Da bleibt dann nur noch das Rauchverbot - aber wofür seid ihr? Für oder gegen eine Lockerung des Rauchverbots in bayerischen Wirtshäusern?

ihr habt in Kreuth 3 Tage Zeit die wirklich wichtigen Themen - finanzielle Ausstattung der Kommunen zur Finanzierung v. Kindergartenplätzen, die notwendige Schulreform (G-8 Lehrplan überarbeiten) oder den Ausbau der infrastruktur zur Sicherung von bayerischen Arbeitsplätzen zu besprechen.

Wenn das Ergebnis wie im letzten Jahr: Scheigen ist, seid ihr schnell beim Wähler abgeschrieben (auch beim bauern, denn der merkt den Preisverfall der Milch gewaltig!).

Also: ich wünsche Euch, liebe CSU, mehr Fortune als letztes Jahr - eine größere Pleite als bei der bayernLb ist auch schwer zu wiederholen!

Viel Erfolg und gute Stimmung in Wildbad Kreuth!

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