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19.01.2007

10:06 Uhr

CSU-Krise

Nach dem Kampf ist vor dem Kampf

VonMaximilian Steinbeis

Auch nach der Rücktrittankündigung Edmund Stoibers wird in der CSU wohl nicht so schnell Ruhe einkehren. Die Situation schafft ungewohnte Allianzen. An Horst Seehofers Seite kämpft einer, der sonst nicht zu seinen Freunden zählt. Eine Kampfkandidatur gegen Konkurrent Erwin Huber zeichnet sich ab. Kein Mensch interessiert sich indes mehr für die Frau, die die ganze Krise ausgelöst hatte.

BERLIN. Er hatte keine Ahnung. Man hatte ihm nicht Bescheid gesagt über den Deal, den Erwin Huber und Günther Beckstein eingefädelt hatten. Die Münchener. Fern, in Wildbad Kreuth. Horst Seehofer, der Parteivize, Verbraucherminister und Liebling der Massen, marschiert mit unbewegter Miene über die Berliner „Grüne Woche“, die zu eröffnen und zu besuchen zu den vornehmsten Pflichten seines Amtes als Bundeslandwirtschaftsminister gehört. 580 Kilometer vom eigentlichen Ort des Geschehens entfernt.

Es war alles plötzlich rasend schnell gegangen im Streit um die Frage, ob Edmund Stoiber die Macht abgibt und an wen. Am Dienstag hatte sich die Landtagsfraktion bei ihrer Klausur in Wildbad Kreuth bis nach Mitternacht gequält. Zehn Stunden lang bis zur totalen Erschöpfung mit dem widerstrebenden Stoiber um eine Idee gerungen, wie man, ohne die Partei zu zerreißen, seine Nachfolge geordnet regeln könne. Vergebens: Die gespaltene Fraktion hatte sich nur auf eine Formel einigen können, wonach die Entscheidung beim Parteitag liege und Stoiber dieselbe gemeinsam mit Partei- und Fraktionsspitze „rechtzeitig vorbereiten“ solle.

Was heißt rechtzeitig? Mancher hatte sich schon auf ein wochenlanges Gewürge eingestellt. Doch in Kreuth war der engsten Führungsspitze unter dem Eindruck des Vorabends binnen Stunden gelungen, was zuvor über Monate nicht hatte glücken wollen. Am späten Abend ist klar: Huber überlässt Beckstein das Amt des Ministerpräsidenten und bewirbt sich dafür im September um den Parteivorsitz.

Das soll freilich einstweilen keiner wissen. Darauf kommt es entscheidend an: Wäre es nur darum gegangen, Stoiber zu stürzen, hätte man das wohl schon früher hinbekommen. Aber auf keinen Fall wollte man den Eindruck eines Putsches entstehen lassen: Stoiber selbst und niemand anderes musste als Handelnder erscheinen, der in Würde seine politische Karriere beschließt und seine Autorität ein letztes Mal ausübt, um seine Nachfolge zu regeln.

Doch daraus wurde nichts: Am Morgen plaudern Abgeordnete in Kreuth über den Durchbruch in der Nacht, und wenig später laufen die Eilmeldungen über den Ticker.

Stoibers Leute sind entsetzt: Er habe diese Art der Nachfolgeregelung zwar „mit angedacht“, ihr aber noch nicht endgültig zugestimmt, lässt er verbreiten. Die schöne Fassade vom Abgang in Würde droht vom Nachrichtenorkan in Stücke gerissen zu werden. In Kreuth wird denn auch erst einmal dementiert: Es habe überhaupt keine „Nacht-und-Nebel-Entscheidung über die Köpfe der Betroffenen hinweg“ gegeben, sagt Beckstein. Doch die Sache ist in der Welt und lässt sich nicht mehr stoppen. Wenig später schafft Stoiber Klarheit.

Alle hatten sie telefoniert am Mittwochabend. Und Seehofer? „Es war schwer, mit ihm gestern zu reden“, heißt es an der Parteispitze. Nach den Enthüllungen über seine heimliche Geliebte hatte der Berliner Minister alle Hände voll zu tun, seine privaten Angelegenheiten zu ordnen. „Am Tag der Entscheidung war er abgetaucht.“

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