Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

26.11.2013

14:01 Uhr

Datenreport 2013

Arm trotz Arbeit

Das Jobwunder erreicht viele Deutsche nicht: Noch nie hatten so viele Menschen Arbeit, aber noch nie war die Gefahr so hoch, trotzdem arm zu werden und zu bleiben. Der Datenreport 2013 zeigt auch: Arme sterben früher.

Ein kleines Mädchen im Innenhof eines Plattenbau-Wohngebiets in Frankfurt (Oder): Auch Kinder sind von Armut betroffen. dpa

Ein kleines Mädchen im Innenhof eines Plattenbau-Wohngebiets in Frankfurt (Oder): Auch Kinder sind von Armut betroffen.

WiesbadenDeutschland erlebt seit Jahren zwar einen Beschäftigungsboom, nie zuvor gab es so viele Erwerbstätige. Trotzdem sind heute mehr Menschen von Armut bedroht und mehr Menschen bleiben dauerhaft arm – vor allem Frauen und Ältere zwischen 55- und 64 Jahre. Aber auch unter den jungen Erwachsenen (18 bis 24 Jahre) gilt jeder Fünfte als armutsgefährdet.

Das zeigt der am Dienstag in Berlin vorgestellte „Datenreport 2013. Ein Sozialbericht für Deutschland“. Statistiker und Sozialforscher haben darin Zahlen und Befunde zu wichtigen Lebensbereichen zusammengestellt.

So viel Geld haben die Deutschen

Private Haushalte...

... haben in Ost und West immer noch deutlich unterschiedliche Einkommen. Die Haushalte im Westen verfügen über ein Bruttoeinkommen von durchschnittlich 4090 Euro im Monat, im Osten waren es mit 3080 Euro mehr als 1000 Euro weniger und damit lediglich 75 Prozent des Westniveaus.

Alleinlebende...

... haben mit durchschnittlich 2371 Euro das niedrigste Bruttoeinkommen – nach Haushaltstyp. Die höchsten Bruttoeinkommen fanden sich 2011 in den Haushalten von Paaren mit Kind(ern) mit 5716 Euro brutto und mit Paaren ohne Kind (4449 Euro). Alleinerziehende hatten monatlich ein Brutto von im Schnitt 2656 Euro.

Das Netto im Monat...

... als deutlich aussagekräftigerer Wert (weil Steuern und Sozialversicherungsbeiträge schon abgeführt sind) ist zwar im Schnitt im Vergleich zu 2010 um zwei Prozent gewachsen, fiel aber geringer als als bei den Bruttoeinkommen, die um drei Prozent wuchsen. Damit lag das monatliche Netto 2011 bei 2988 Euro, 2010 waren es 2922 Euro gewesen.

Steuern und Abgaben...

... mussten private haushalte im Schnitt in Höhe von 917 Euro abführen. Damit werden einem Aushalt für Steuern und Sozialabgaben durchschnittlich fast 24 Prozent ihres Bruttoeinkommens abgezogen.

Die Last der Steuern

Damit ist die Steuer- und Abgabenbelastung 2011 im früheren Bundesgebiet um zwei Prozent höher als in den neuen Ländern und Berlin, wo „nur“ 22 statt 24 Prozent fällig werden. Ursache ist vor allem die stärkere Belastung der höheren Einkommen im Westen aufgrund der „kalten Progression“: Der Anteil der Steuern am Haushaltsbruttoeinkommen lag im Westen bei knapp elf (436 Euro) und im Osten bei acht Prozent (259 Euro).

Jeder fünfte Haushalt...

... muss mit einem Haushaltsnetto von unter 1300 Euro monatlich auskommen (19 Prozent). Im Jahr 2011 lag das Haushaltsnettoeinkommen von 29 Prozent aller Privathaushalte bei unter 1700 Euro im Monat. Rund 22 Prozent hatten zwischen 1700 bis unter 2600 Euro zur Verfügung, rund 19 Prozent zwischen 2600 bis unter 3600 Euro. 16 Prozent hatten ein Haushaltsnettoeinkommen von 3600 bis unter 5000 Euro. 14 Prozent derer Privathaushalte standen 5000 bis unter 18.000 Euro zur Verfügung.

Den größten Teil...

... ihres Einkommens geben die Deutschen für den privaten Konsum, das heißt für Essen, Wohnen, Bekleidung, Reisen und anderes aus. Im Jahr 2011 gaben die Haushalte in Deutschland dafür im Schnitt monatlich 2252 Euro
aus, das waren knapp 74 Prozent ihres ausgabefähigen Einkommens. Die Konsumausgaben der Haushalte in den neuen Ländern und Berlin waren mit 1866 Euro zwar niedriger als die der Haushalte im früheren Bundesgebiet (2358 Euro), bedingt durch das geringere ausgabefähige Einkommen lag die Konsumquote mit knapp 76 Prozent% jedoch im Osten höher als im Westen (73 Prozent).


Den höchsten Ausgabenposten...

... macht mit Abstand der Bereich Wohnen, Wohnungsinstandhaltung und Energie: Dafür gaben private Haushalte 2011 ein Drittel (34 Przent) des Konsumbudgets aus. Danach folgten die Verkehrsausgaben mit einem Anteil von gut 14 Prozent an den privaten Konsumausgaben und die Ausgaben für Nahrungsmittel, Getränke und Tabakwaren mit knapp 14 Prozent. Für Freizeit, Unterhaltung und Kultur wurden anteilig rund elf Prozent aufgewendet. Mit deutlicherem Abstand folgten dann die Ausgaben für Innenausstattung, Haushaltsgeräte und Haushaltsgegenstände (knapp sechs Prozent), danach Beherbergungs- und Gaststättendienstleistungen sowie Bekleidung und Schuhe mit je fünf Prozent.

Deutlich teurer...

... für Privathaushalte ist Energie geworden. Das gilt sowohl für Haushaltsenergie (plus neun Prozent) als auch für Kraftstoff (plus 5,6 Prozent). Überdurchschnittliche Preiserhöhungen zeigten sich 2012 auch bei Nahrungsmitteln (plus 3,4 Prozent) und dabei insbesondere bei Fleisch (plus 5,5 Prozent) und Obst (plus 5,4 Prozent gegenüber den Vorjahr)

Für die Grundbedürfnisse...

... Wohnen, Energie, Wohungsinstandhaltung, Nahrung, Getränke und Tabakwaren sowie Bekleidung und Schuhe gaben deutsche Haushalte im Schnitt 52,9 Prozent ihres Nettoeinkommens aus. Dieses Anteil fällt erwartungsgemäß mit dem Einkommen. Bei Haushalten, die unter 1300 Euro netto zur Verfügung haben liegt dieser Anteil ei 67,8 Prozent, bei den Einkommen zwischen 2600 und 3600 fast auf den Schnitt (mit 53,1 Prozent) und etwa bei den Einkommen zwischen 5000 und 18.000 Euro bei 45,5 Prozent.

Ein Auto...

... besaßen 2011 77,9 Prozent der Haushalte. 36,2 Prozent kauften ihren Wagen fabrikneu, 46,7 Prozent gebraucht. 3,6 Prozent leasten einen Wagen.

Privatinsolvenz...

... meldeten seit ihrer rechtlichen Einführung 1999 800.000 Personen an. Die Zahl pro Jahr ist in den vergangenen Jahren relativ konstant. So meldeten 2011 103.300 Menschen Insolvenz an, 2010 waren es 108.800 gewesen. Als häufigste Gründe gaben Berater die Arbeitslosigkeit (27 Prozent), gefolgt von Trennung oder Scheidung oder Tod des Partners (14 Prozent) sowie Erkrankung, Sucht oder Unfall (12 Prozent) an.

Die höchsten Schulden...

... haben die 45- bis 54-Jährigen mit Verbindlichkeiten von im Schnitt 31.300 Euro. Die bis 24-Jährigen haben im Schnitt Schulden in höhe von 7300 Euro, die 25- bis 34-Jährigen von 14.500 Euro, die 35- bis 44-Jährigen von 27.300 Euro, die 55- bis 64-Jährigen von 29.000 Euro und die 65-Jährigen und Älteren 28.300 Euro.

Quelle: „Datenreport 2013. Ein Sozialbericht für Deutschland“

Deutschland hatte 2012 mit 41,5 Millionen so viele Erwerbstätige wie noch nie, von 1991 bis 2012 ist das Bruttoinlandsprodukt um knapp 32 Prozent gewachsen. Doch Arbeit schützt vor Armut nicht: Denn gleichzeitig war das Arbeitsvolumen niedriger als 1991.

Die Zahl der Arbeitsstunden, die jeder Erwerbstätige durchschnittlich leistet, hat in den letzten 20 Jahren kontinuierlich abgenommen. Immer mehr Menschen arbeiten in Teilzeit – gewollt oder unfreiwillig.

Obwohl immer mehr Menschen arbeiten, sind auch immer mehr Deutsche von Armut bedroht. 2011 lag der Anteil armutsgefährdeter Personen bei 16,1 Prozent (2007: 15,2 Prozent). Als arm galt 2011, wer weniger als 980 Euro im Monat zur Verfügung hatte. Gerade bei den 55- bis 64-Jährigen stieg das Armutsrisiko innerhalb von vier Jahren deutlich an: von 17,7 Prozent im Jahr 2007 auf 20,5 Prozent im Jahr 2011.

Unter den 18- bis 24-Jährigen galten 2011 bereits 20,7 Prozent als armutsgefährdet (2007: 20,2 Prozent). Auch die sogenannte dauerhafte Armut stieg den Auswertungen der Statistiker zufolge. 2011 waren demnach 40 Prozent der von Armut gefährdeten Menschen bereits in den vorangegangenen fünf Jahren arm. 2000 lag der Anteil der dauerhaft Armen bei 27 Prozent.

Kommentare (8)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

Mazi

26.11.2013, 14:44 Uhr

War es etwa die Absicht des Altkanzlers Schröder gewesen, durch Verarmung der Arbeitnehmer diese noch näher an die SPD zu binden?

Man könnte es vermuten. Aber die Denke ist Pervers wie seine gesamte Agenda 2010 oder das was er unter dem Stichwort Hartz noch so alles in die Welt gesetzt hat.

Es ist wahr. Noch nie waren so viele in Arbeit. Noch nie konnten so viele von ihrer Arbeit ihren Lebensunterhalt selbst besteiten.

Es gibt Aufgaben für eine SPD, die in der Tat als sozialverantwortlich zu bezeichnen sind. Und ihre Verdienste sollten auch in kritischen Zeiten nicht unterschätzt werden. Aber die letzten 15 Jahre kann die SPD-Basis im wahrsten Sinne "wegkippen". Sie waren gekennzeichnet von Führungskrägten, die auszogen, sich die Taschen vollzumachen. Leute, denen es sonst nie gelungen wäre, mit ihrer Hände Arbeit den Lebensunterhalt für die Familie zu bewerkstelligen.

Klopfen wir getrost Schröder, Clement, Müntefering, ... einmal vor diesem Hintergrund ab. Welches Ergebnis stellen Sie für sich fest?

Die SPD-Basis steht wiederum vor einer entscheidenden Frage: Soll sie dem Vertrag über eine große Koalition zustimmen?

Für einige mag diese Frage einfach zu beantworten sein, für andere ist es schwer.

Schwer ist die Antwort dann, wenn man erkennt, dass diese große Koalition in der Lage ist, jedweden Damm der Demokratie einzureißen. Man darf die Frage für die SPD-Basis auch darauf verkürzen: Abstimmung über Demokratie oder Diktatur!

Es heißt ja nicht, wenn die Basis nicht zustimmt, dass keine demokratische Politik in Deutschland gemacht werden darf. Es heißt aber, dass die Diktatur, die einige bereits heute in der Politik ausmachen wollen, in ihre Grenzen verwiesen wird und die Demokratie wieder Einzug halten kann.

Es spricht nichts dagegen, Europa, die EU, den Euro kritischer zu überdenken. Es spricht nichts dagegen, dass die Abgeordneten wieder freier denken dürfen. Dass sie nicht mehr unter dem Druck des Koalitionszwangs ihr Gehirn abschalten müssen.

Winfried

26.11.2013, 16:14 Uhr

Als 1989 der eiserne Vorhang fiel war ich besorgt und traurig. Ich bin zwar gut ausgebildet, bilde mir aber nicht ein besser zu sein als alle Arbeitskräfte Osteuropas. Ein Angleichen der Löhne zwischen den westlichen und östlichen Nationen war mir damals bereits klar. Jetzt sind die Lohnstückkosten innerhalb der EU stark angeglichen und es lohnt kaum noch in z.B. Polen produzieren zu lassen.
Wer gegen Grenzen, Zölle und Handelsbarrieren ist, muss auch für den Wettbewerb der Löhne zwischen den Handelspartnern sein. Nun zahlen alle den Preis für das panikhafte, unüberdachte Handeln der gesamten Nation.

maxwell

26.11.2013, 16:45 Uhr

Die SPD wird die Rechnung dafür bekommen.Sie wird auf ewig eine getriebene sein.Dann was dort seit Jahren unter mitwirkung der grossen Parteien inkl.FDP gelaufen sind Volksverarmung in Grössenordnungen die jedes Rentensystem zur Kernschmelze bringen wird.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×