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18.10.2014

12:28 Uhr

DDR-Flucht als Kind

Wenn die Freiheit nach Joghurt schmeckt

Im Jahr 1989 hat Außenminister Genscher die DDR-Flüchtlinge in der überfüllten Prager Botschaft erlöst. Unter den Tausenden Wartenden war auch David Altheide. Für den damals zehnjährigen war die Ausreise ein Abenteuer.

David Altheide steht an der Grenzgedenkstätte Point Alpha in Geisa. Als der damalige Außenminister Genscher die DDR-Flüchtlinge 1989 in der proppenvollen Prager Botschaft erlöst und die Ausreise verkündet, ist auch Altheide als Zehnjähriger unter ihnen. dpa

David Altheide steht an der Grenzgedenkstätte Point Alpha in Geisa. Als der damalige Außenminister Genscher die DDR-Flüchtlinge 1989 in der proppenvollen Prager Botschaft erlöst und die Ausreise verkündet, ist auch Altheide als Zehnjähriger unter ihnen.

Rasdorf Noch heute bekommt David Altheide Gänsehaut, wenn er an den 30. September 1989 in der Prager Botschaft zurückdenkt. Bundesaußenminister Hans-Dietrich Genscher verkündete den Tausenden wartenden DDR-Flüchtlingen, dass alles gut wird. Vom spärlich beleuchteten Balkon sprach er den berühmten Satz, der in einem Jubelsturm unterging: „Wir sind heute zu Ihnen gekommen, um Ihnen mitzuteilen, dass heute Ihre Ausreise...“

Für David Altheide, als Kind damals mit seiner Mutter und seiner Halbschwester (8) in der Prager Botschaft, ändert sich nach diesem historischen Tag das Leben grundlegend. Es geht von Osten nach Westen. Doch bis es soweit war, vergingen Tage der Ungewissheit. „Die Erinnerungen daran sind auch 25 Jahre danach noch immer präsent. Die Flucht wirkte auf uns Kinder wie ein großes Abenteuer.“

Zunächst ist aber von Flucht nicht die Rede. Die Familie fährt von Gera in Thüringen mit dem Zug nach Prag. Die Eltern trichtern den Kindern ein: Es geht nur zu Verwandten. „Als Gastgeschenk hatten wir eine Flasche Pfefferminzlikör im Gepäck“, erinnert sich Altheide.

Die Fahrt verläuft ängstlich. „Bei der Grenzkontrolle haben Uniformierte dann Leute aus dem Zug gezerrt. Bei uns ging aber alles glatt. Meinen Eltern waren sichtlich erleichtert“, erzählt Altheide. In Prag angekommen weisen Passanten den Weg zur Botschaft.

Die Berliner Mauer in Zahlen

Gesamtlänge

Die innerdeutsche Grenze war knapp 1400 Kilometer lang.

West-Berlin

Die Mauer um den Westteil Berlins umfasste 155 Kilometer und war knapp vier Meter hoch; 43 Kilometer davon trennten das Stadtgebiet von Ost- und West-Berlin.

Wasser

Auf 24 Kilometern durchquerte die Grenze Wasserwege.

Verkehr

Die Mauer unterbrach zwölf S- und U-Bahnlinien sowie 193 Straßen.

Grenzübergänge

Es gab acht Grenzübergänge zwischen West- und Ost-Berlin sowie sechs zwischen der DDR und West-Berlin.

Aufbau

Ab 1975 wird auf fast 42 Kilometern die Grenzmauer mit 3,60 Meter hohen Segmenten neu errichtet. Auf die jeweils 2,75 Tonnen schweren Elemente werden vier Meter lange Rohrauflagen gesetzt. Daneben besteht die Grenze um West-Berlin aus einer Mauer in Plattenbauweise, einem Metallzaun oder Gewässern.

Soldaten

11 500 Soldaten kontrollierten die Grenze rund um Berlin; sie spähten von 302 Beobachtungstürmen nach „Grenzverletzern“.

Signalzäune

Vor der Mauer gab es 127 Kilometer Signalzäune.

Gräben

105 Kilometer Gräben sollten ein Durchbrechen mit Autos verhindern.

Laufanlagen für Wachhunde

Zur Grenzbefestigung gehörten 259 Laufanlagen für Wachhunde.

Fluchtversuche

In den 28 Mauerjahren bewachen insgesamt mehr als 10.000 Soldaten der Nationalen Volksarmee die Berliner Grenze. Mehr als 5000 Menschen gelingt die Flucht - aus der gesamten DDR fliehen rund 40.000. Die Bundesrepublik kauft knapp 34.000 politisch Inhaftierte aus DDR-Gefängnissen frei.

Tote

Über 600 von ihnen kamen ums Leben. Mindestens 136 Menschen starben allein an der Berliner Mauer.

Grenzkontrollen

251 Reisende aus Ost und West starben während oder nach Kontrollen an Berliner Grenzübergängen, zumeist an Herzinfarkten.

Frauen und Kinder dürfen rein, Altheides Vater muss sich vor der Botschaft allein durchschlagen. „Ich erinnere mich noch an die enorme Hektik, die vor der Botschaft herrschte. Es hieß auch, Stasi-Spitzel hätten sich unters Volk gemischt.“

In der Botschaft angekommen, bekommt Altheides Familie Platz im Matratzenlager im Keller. Und dort merkt er auch erstmals, wie der Westen schmeckt. „Dort stand eine Palette mit Joghurt, Pfirsich-Maracuja, mit Fruchtstücken. So guten Joghurt hatte ich noch nie gegessen. Ich habe es bis zum Abwinken genossen“, erzählt er. Doch er erinnert sich auch an die Enge. „Jeder Winkel des Gebäudes und Gartens wurde ausgenutzt. Die Menschen lagen selbst auf Treppen. Wer zur Toilette musste, musste eine Stunde anstehen.“

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