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28.04.2011

19:39 Uhr

Debatte in Berlin

Eon-Chef warnt vor schnellem Atomausstieg

Eon-Chef Johannes Teyssen hat bei einer öffentlichen Sitzung der Ethikkommission vor steigenden Strompreisen bei einem schnellen Atomausstieg gewarnt. Umweltverbände wiesen die Bedenken zurück.

Eon-Chef Johannes Teyssen (Mitte) warnt vor einem Turboausstieg aus der Atomkraft. Quelle: dapd

Eon-Chef Johannes Teyssen (Mitte) warnt vor einem Turboausstieg aus der Atomkraft.

BerlinEon-Chef Johannes Teyssen hat die Bundesregierung vor einem Scheitern der Klimaschutzziele und steigenden Strompreisen bei einem vorschnellen Atomausstieg gewarnt. „Eine zu kurze Brücke ist eine sinnlose Brücke“, sagte Teyssen am Donnerstag in einer öffentlichen Sitzung der Ethikkommission der Regierung in Berlin.

Insgesamt waren rund 30 Experten zu der rund elfstündigen Anhörung des „Rates der Weisen“ eingeladen. Vertreter der Ökostrom-Anbieter und von Umweltverbänden wiesen die Attacken gegen einen Atomausstieg als Folge der Reaktorkatastrophe im japanischen Fukushima zurück. Energie aus Wind, Sonne, Wasserkraft und Biomasse könne schon in einem Zeitraum von 2017 bis 2020 die Atom-Lücke komplett schließen. Der Mieterbund rief die Regierung auf, die Bürger mit den Kosten der Energiewende nicht allein zu lassen.

Der Kommissionsvorsitzende und frühere Umweltminister Klaus Töpfer betonte, die deutsche Atomausstiegsdebatte werde im Ausland mit großem Interesse verfolgt. „Die Signalwirkungen sind enorm groß“, sagte Töpfer. Die von Phoenix übertragene Marathonsitzung wurde auch bei kleineren Public-Viewing-Veranstaltungen am möglichen Atommüll-Endlager Gorleben und am AKW-Standort Neckarwestheim verfolgt. Vorbild für das Experiment ist die Schlichtung bei Stuttgart 2l.

Teyssen sagte, ohne die Kernenergie als Brücke in das Zeitalter der erneuerbaren Energien müsse Deutschland mehr Kohle- und Atomstrom importieren, Strompreise für energieintensive Betriebe könnten um zehn Prozent steigen und man brauche mehr Gas- und Kohlekraftwerke, was die deutschen Verpflichtungen beim Klimaschutz gefährde. Mit der Kernenergie könne Deutschland bis 2020 den CO2-Ausstoß womöglich um bis zu 30 Prozent im Vergleich zu 1990 senken. „Diese Vorteile muss man im Auge behalten, bevor man sie leichtfertig beiseite schiebt“, sagte der Chef von Deutschlands größtem Stromkonzern.

Bis zum 28. Mai will die 17-köpfige Ethikkommission einen Bericht vorlegen. Dieser soll der Bundesregierung bei ihrer für Mitte Juni geplanten Entscheidung darüber helfen, wie viele Atomkraftwerke in Deutschland dauerhaft vom Netz gehen sollen und bis wann der letzte der 17 Meiler abgeschaltet wird. Der Co-Kommissionsvorsitzende und Präsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft, Matthias Kleiner, betonte, die kontroverse Debatte um die Atomkraft habe Jahrzehnte das gesellschaftliche Klima vergiftet. „Damit muss Schluss sein.“

Der Präsident des Bundesverbands Erneuerbare Energien, Dietmar Schütz, sagte, bis 2020 würden vor allem Windkraft und Solaranlagen massiv ausgebaut und Ökostrom könne den Atomstrom ersetzen. Laut Schätzungen können die Erneuerbaren bis dahin einen Anteil von 47 Prozent an der Stromerzeugung haben. Heute sind es 17 Prozent.

Kommentare (7)

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Account gelöscht!

28.04.2011, 22:04 Uhr

ich finde es bedauerlich für eine Zeitung Ihres Renommés eine "Warnung vor einem zu schnellen Atomausstieg" als "Attacke" abzuqualifizieren. Noch schlimmer: dies geschieht nicht in einem Kommentar, sondern in einem Bericht. Wo bleibt hier Ihre journalistische Kultur? Leider fallen mir in letzter Zeit solche Ausrutscher immer häufiger auf.
Mit freundlichem Gruß
Pamela Knapp

Willie

28.04.2011, 22:24 Uhr

Eon-Chef Johannes Teyssen hat in der für ihn bekannten sachlichen und ruhigen Art (live auf Phoenix nachvollziehbar) seine berechtigten Bedenken geäußert. In keinster Weise war hier Anlaß gegeben, dies als eine -Attacke- abzuqualifizieren ....... Schon bei der Handelsblatt-Berichterstattung über die kürzliche RWE-Hauptversammlung fielen mir ähnliche diverse journalistische Lapsi auf.<br/>Wollen Sie eine Wirtschaftszeitung sein oder neuerdings eine Politpostille a la Spiegel ????

AndreAdrian

28.04.2011, 23:11 Uhr

Was der Nicht-Ausstieg kostet

Hr. Teyssen hat Angst um die Gewinne und damit um seinen persönlichen Arbeitsplatz. Damit ist seine Argumentation verständlich. Wer die Kostenfrage beim Atomausstieg stellt, muss auch die Frage erlauben was der Nicht-Atomausstieg kostet. Deutschland ist heute noch ein Vorreiter in alternativen Technologien - angefangen bei Isolierglassscheiben über Windräder bis zu Gleichspannungshochspannungsleitungen. Diese gewinnträchtigen Industrien werden durch einen Atomausstieg gefördert. Wenn E.On und Co. Atomstrom Exportweltmeister sind, dann ist dies gut für die Firmenbilanz von E.On, aber schlecht für den Industriestandort Deutschland. Eine Aluminiumhütte ist ein riesengrosser Stromverbraucher, aber auch Aluminiumschmelze ist in Deutschland eine Nischenbranche. Die Bauxitvorkommen sind in Australien und in China. Dort wo der Rohstoff abgebaut wird ist die Verhüttung viel sinnvoller als in Deutschland. Wer heute heult hat früher auf das falsche Pferd gesetzt. Damit Deutschland als Industrienation gewinnt ist es nötig, dass einige Firmen die auf schlechte Fundamente gebaut haben verlieren, nämlich die Atomstromproduzenten und die Stromgrossverbraucher.

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