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13.12.2013

17:12 Uhr

Debatte über Debeka-Datenhandel

„Eher die Hand abhacken, als Adressen verscherbeln“

VonDietmar Neuerer, Thomas Sigmund

ExklusivTausende Beamte sollen der Debeka-Versicherung gegen Geld Namen für neue Policen genannt haben. Die Empörung ist groß – nicht nur in der Politik. Die Zunft selbst reagiert gereizt und fordert ein hartes Durchgreifen.

Logo der Debeka-Versicherungen: Skandal um illegalen Datenhandel weitet sich aus. dpa

Logo der Debeka-Versicherungen: Skandal um illegalen Datenhandel weitet sich aus.

BerlinDie Vorwürfe des illegalen Datenhandels gegen Mitarbeiter der Debeka-Versicherung könnten sich ausweiten. Nach Handelsblatt-Recherchen soll es ein Netz von mehr als 10.000 Beamten geben, die für die Vermittlung von Versicherungen bezahlt wurden.

Über Jahre hinweg sollen demnach weit über 100 Millionen Euro geflossen sein. Die Debeka teilte am Mittwoch mit, es gebe zwar sogenannte Tippgeber. Dies jedoch stehe im Einklang mit dem Bundesbeamtengesetz.

Es werde dennoch geprüft, ob das Vorgehen mit den Tippgebern als nebenberuflichen Mitarbeitern angemessen sei, teilte die Debeka mit. Das übernehme die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG, die bereits mit internen Prüfungen bei den Koblenzern beauftragt worden war.

Der Deutsche Beamtenbund zeigte sich entsetzt über die Vorwürfe. „Für Korruption darf es gerade im öffentlichen Dienst kein Pardon geben. Eine widerrechtliche Weitergabe von Personaldaten durch Verwaltungsmitarbeiter gegen Bezahlung ist keine genehmigungsfähige Nebentätigkeit, sondern ein Straftatbestand, der in jedem Einzelfall nachgewiesen und sanktioniert werden müsste“, sagte Klaus Dauderstädt, Chef des Deutschen Beamtenbundes, dem Handelsblatt.

Heimlicher Adressenhandel: Der Debeka-Skandal

Versicherer

Die Debeka ist mit Abstand der größte private Krankenversicherer. Mehr als 2,2 Millionen Menschen haben Vollversicherungen der Gesellschaft. Die meisten davon sind Beamte und deren Angehörige: 1,87 Millionen.

Adressenhandel

Das Handelsblatt berichtet am 1. November: Der Zeitung „liegen interne Unterlagen vor, die belegen, dass Debeka-Mitarbeiter über Jahre hinweg Adressen von Personen kauften, die kurz vor ihrer Verbeamtung standen. Debeka-Mitarbeiter verschafften sich damit einen starken Wettbewerbsvorteil, weil sie die Beamten auf eine Versicherung ansprechen konnten, kaum dass diese selbst von ihrer Verbeamtung erfahren hatten.“

Mit System

Ein ehemaliger Debeka-Vertreter versicherte dem Handelsblatt an Eides statt, er habe jahrelang Beamtenadressen genutzt, die sein Vorgesetzter gekauft hatte. „Das haben alle, die ich kannte, so gemacht“, versicherte er. „Ob das legal war oder nicht, habe ich nicht gefragt. Die Adressen kamen ja von meinem Chef, sie waren für uns wie Gold.“ 

Wie im Drogenhandel

„Das war streng geheim“, erzählt ein Beteiligter. „Die Originaladressen, die Schnipsel genannt wurden, durften nirgendwo aufbewahrt werden. Ich habe selbst gesehen, wie Führungskräfte diese Adressen in Plastiktüten zu ihren Autos trugen.“ Ein höherrangiger Vertreter berichtet von Zuständen wie beim Drogenhandel. Er selbst habe einmal spät abends mit einem Bezirksdirektor zum Autobahnkreuz Köln-West fahren müssen. „Am Treffpunkt stand ein Koffer mit Adressen“, erinnert er sich. „Den haben wir genommen und unseren Koffer mit Geld hingestellt. Und dann sind wir abgefahren.“ 

Kosten

Anfangs kosteten die Adressdaten angehender Beamter nach Angaben früherer Debeka-Mitarbeiter fünf D-Mark, zuletzt wurden etwa 25 Euro bezahlt. 

Eingeständnis

Debeka-Chef Uwe Laue räumte ein: „So wissen wir, dass in den 1980er- und 1990er-Jahren Vertriebsmitarbeiter auf eigene Rechnung Adressen potenzieller Kunden erworben haben, die zwischen Mitarbeitern weiter verteilt wurden. Auch der damaligen Führungsmannschaft fehlte die Sensibilität für diese datenschutzrechtliche Thematik.“

Empörung

„Die beunruhigende Praxis der Debeka in der Vergangenheit wirft ein Schlaglicht auf den wenig sensiblen Umgang mit Versichertendaten in der PKV insgesamt“, sagte der Gesundheitsexperte der SPD, Karl Lauterbach.

Sanktionen

Die Allianz verwies auf Nachfrage auf „weitreichende Sanktionen“ für eigene Mitarbeiter und Vertreter. Auf Nachfrage teilte die Axa mit: „Im Zeitalter von Verhaltenskodex und Compliance - einmal ganz abgesehen von Rechtsfragen - muss Fehlverhalten klare Konsequenzen nach sich ziehen.“

Konsequenzen

Edgar Wagner, Landesbeauftragter für Datenschutz in Rheinland-Pfalz: „Der jahrzehntelange illegale Handel mit Personaldaten von Beamten kann nicht geduldet werden.“

Aufsicht

Der oberste Versicherungsaufseher, Bafin-Exekutivdirektor Felix Hufeld, sagte dem Handelsblatt: Man werde „bewerten, ob und inwieweit aufsichtliche Maßnahmen gemäß Versicherungsaufsichtsrecht angezeigt sind“.

Soweit Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter als sogenannte Vertrauensleute von Versicherungen, Banken, Bausparkassen oder anderen Selbsthilfeeinrichtungen des öffentlichen Dienstes Vergütungen erhielten, würden die strengen Regeln des Nebentätigkeitsrechts mit seinen transparenten Anzeige- und Genehmigungspflichten greifen, so Dauderstädt.

Nach Einschätzung von Rainer Wendt, Vorsitzender der Deutschen Polizeigewerkschaft, steht mit dem Skandal um Datenhandel bei der Debeka-Versicherung die Zukunft des gesamten Geschäftsmodells des Unternehmens auf dem Spiel.

„Wenn dahinter sogar ein System mit Tausenden von Zuträgern steht, würde das gesamte Geschäftsmodell der Versicherung infrage gestellt“, sagte Wendt dem Handelsblatt. Er selbst sei schon mehrfach von Versicherungen nach Adressen gefragt worden, fügte er hinzu. „Aber eher würde sich ein ehrbarer Beamter die Hand abhacken, als dass er Adressen verscherbeln würde.“

Kommentare (20)

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Datenhaendlern-auf-der-Spur

13.11.2013, 16:52 Uhr

Nicht nur vielen sogenannten "Volksvertretern" ist der Sinn für Recht und Unrecht offenbar abhanden gekommen sondern auch vielen sogenannten "Dienern des Volkes"


Denn selbstverständlich handelt es sich bei der Entgegennahme von "Provisionen" für die Herausgabe der Personaldaten um Bestechungsgelder.

Vorbild für diese Beamten war vermutlich ein Herr Hans-Peter Uhl (CSU)
der vor kurzem noch die Melderegister gegen Bezahlung für Datenhändler nutzbar machen wollte.

Bundesregierung fördert systematisch den Adressdatenhandel
http://www.indiskretionehrensache.de/2012/07/bundesregierung-datenschutz/

Account gelöscht!

13.11.2013, 16:53 Uhr

Herr Wendt macht sich mit seinen populistischen Äueßerungen doch selbst lächerlich. Mir persönlich liegt ein hochoffizielles "Empfehlungsschreiben" der Deutschen Polizeigewerkschaft vor, in dem die Debeka als "der" Ansprechpartner in Sachen Versicherungen für den öffentlichen Dienst empfohlen wird. Unterschrieben von einem gewissen "Rainer Wendt"....
Auch in den Gewerkschaften müffelt der Fisch vom Kopf zuerst, bitte abtreten Herr Wendt

Account gelöscht!

13.11.2013, 17:05 Uhr

Hallo.
Habe ich das jetzt überall überlesen oder wie sieht es
eigentlich mit den "Empfohlenen" aus. Also wussten sie von dem "Tipp" oder geschah der im Geheimen? Die Spitzfindigkeiten in punkto Nebentätigkeit und ob das ein Verein ist, wären mir egal. Aber würde ich jemals herausfinden das ein Kollege meine Daten an eine Versicherung verschachert hat, würde es so knallen - aber richtig.

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