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15.09.2011

06:32 Uhr

Debatte über Griechen-Pleite

Top-Ökonomen weisen Rösler zurecht

Ob FDP-Chef Rösler wohl ahnte, was er mit seinen Griechenland-Äußerungen alles auslösen würde? Nicht nur in der Koalition herrscht helle Aufregung, auch Ökonomen reagierten verärgert auf den Vorstoß des Vizekanzlers.

Philipp Rösler. Reuters

Philipp Rösler.

BerlinPhilipp Rösler (FDP) hat sich in der Euro-Debatte offensichtlich vergaloppiert. Mit seinem Versuch, eine populäre, harte Haltung gegen Griechenland einzunehmen, hat er nicht nur die Bundesregierung in einen echten Stresstest versetzt, er hat auch sich selbst größten Schaden zugefügt. Dass Oppositionspolitiker an Röslers Eignung als Wirtschaftsminister zweifeln, ist nicht überraschend. Doch dass nun auch aus der CDU auf ihn verbal gefeuert wird, entbehrt nicht einer gewissen Brisanz. Immerhin ist Rösler auch Vizekanzler und steht als solcher in großer Verantwortung. Wenn das in Frage steht, dann trifft das irgendwann auch Kanzlerin Angela Merkel (CDU). Dass die Lage brenzlig ist, darauf deuten auch Reaktionen aus der Wissenschaftswelt hin.

Führende Ökonomen in Deutschland halten es für völlig unverantwortlich, dass Rösler (FDP) Gedankenspiele über einen möglichen Staatsbankrott Griechenlands anstellt. „In der gegenwärtigen Situation kann Politik nicht öffentlich über alles philosophieren, was einem so einfällt“, sagte der Direktor des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW), Michael Hüther, Handelsblatt Online. Vorschläge, die nicht zu Ende gedacht seien und deren Wirkungen nicht bedacht und ohne überzeugende Begründung als der rettende Ausweg bewertet würden, seien kein sinnvoller Beitrag zur Debatte. „Sie sind unverantwortlich.“

Hüther hält auch Stammtischbeschimpfungen gegen Griechenland, die alles Erreichte einfach ignorierten, für inakzeptabel. „Es ist Regierungsmitgliedern nicht angemessen, solchermaßen Stimmung zu bedienen oder gar zu machen“, warnte der IW-Chef. Denn nirgends sei zu erfahren, welche Probleme durch eine Insolvenz gelöst würden, und es werde verschwiegen, welche Probleme so entstehen könnten. „Die Bundeskanzlerin ist gut beraten, wenn sie dem Einhalt gebietet und die Führung übernimmt“, verlangte Hüther. „Der Euro ist ein zentrales Thema unserer Zukunft.“

Der Direktor des Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK), Gustav Horn, hält die Debatte zwar prinzipiell für notwendig, um auch der Bevölkerung aufzuzeigen  um was es gehe. „Entscheidend ist aber, wer sie führt und wie sie geführt wird“, sagte Horn Handelsblatt Online. „Wenn verantwortliche Regierungsmitglieder die bisherige Strategie der Bundesregierung in Frage stellen, dann rufen sie verstärkte Unsicherheit in einem ohnehin verunsicherten Umfeld hervor“, warnte der IMK-Chef. „Das ist der Stoff, aus dem Finanzmarktkrisen entstehen.“  Dies gelte umso mehr, wenn Vorschläge gemacht würden, die offensichtlich noch nicht zu Ende gedacht sind. Dazu zähle die Forderung nach  einer   geordneten Insolvenz Griechenlands, ohne dass es bisher auch nur Ansätze einer gültigen Insolvenzordnung gebe. „Dieses Verhalten ist  unverantwortlich“, sagte Horn.

Planspiel: Euro-Zone ohne Griechenland

Welche Folgen hätte ein Austritt Griechenlands aus dem Euro?

Die konkreten ökonomischen Folgen eines Euro-Austritts Griechenlands sind kaum vorhersehbar, da es eine vergleichbare Situation bisher noch nicht gegeben hat. Viele Experten sind sich aber sicher, dass die Auswirkungen sowohl für Griechenland als auch für die anderen Länder des Währungsraums verheerend wären. Experten befürchten schwere Konsequenzen für den europäischen Bankensektor - dem Hauptkreditgeber Griechenlands. Und da keine entwickelte Volkswirtschaft ohne gesunde Banken auskommen kann, würden auch Verbraucher und Unternehmen stark getroffen werden.

Welche Folgen würden sich für Griechenland ergeben?

Für Griechenland würde ein Euro-Austritt vermutlich den wirtschaftlichen Zusammenbruch bedeuten. Ohne Euro müssten die Hellenen wieder ihre alte Währung Drachme einführen, die vermutlich drastisch abwerten würde. Über billigere Produkte würde dies zwar der internationalen Wettbewerbsfähigkeit Athens zugute kommen.

Was würde sich am Schuldenstand Athens ändern?

Die in Euro aufgenommenen Altschulden würden infolge der Abwertung der neuen eigenen Währung drastisch steigen. „Selbst ein starker Schuldenschnitt würde Griechenlands Probleme dann nicht lösen, da das Land über Jahre hinweg vom Kapitalmarkt abgeschnitten wäre“, unterstreicht ein HSBC-Experte. Hinzu kommt, dass das Land seine Staatsausgaben mangels Kreditfähigkeit nur aus seinen Einnahmen finanzieren könnte. Die Folge wäre ein vermutlich noch viel stärkerer Abschwung als bisher schon.

Ist ein Austritt Griechenlands im Interesse anderer Euro-Länder?

Mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit nicht. An den Finanzmärkten würden nach einem Euro-Austritt Griechenlands wohl schnell andere finanzschwache Länder unter starken Druck geraten, möglicherweise auch wirtschaftsstarke Länder. Denn letztlich könnte sich kein Investor mehr darauf verlassen, dass nicht auch andere Länder - möglicherweise in Verbindung mit einem Schuldenschnitt - aus dem Euroraum ausscheren. Die Risikoaufschläge für Staatsanleihen entsprechender Länder würden vermutlich drastisch steigen, und die jeweiligen Länder ähnlich wie Griechenland an den Rand der Zahlungsunfähigkeit führen. Letztlich könnte so der gesamte Währungsraums ins Wanken geraten.

Kommentare (66)

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jesses13

15.09.2011, 07:13 Uhr

Ich glaube es wäre gut, wenn die FDP Stammwähler mal langsam wieder anfangen ihre Partei zu wählen. Man sieht ja was los ist: wer die Wahrheit anspricht wird jetzt sogar direkt für Markturbulenzen verantwortlich gemacht. Wachen Sie auf! Es sind die Banken.

Account gelöscht!

15.09.2011, 07:20 Uhr

Dieser Typ muß raus. Er hat nicht zu tun in einner Bundesregierung. Mehr unverantwortlich kann man nicht sein.
Nür Populismus. Schande. Schande für Deutschland. Schande für die Politik.

SlingShot

15.09.2011, 07:30 Uhr

das Juergen Stark der EZB den Ruecken gekehrt hat ist wohl auch nur populismus?
Ja, die deutsche Politik ist eine Schande;...ganz besonders fuer die deutschen Buerger!

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