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20.09.2013

16:25 Uhr

Debatte über Nachtflugverbot

Berliner Chaos-Flughafen droht neues Ungemach

VonDietmar Neuerer

ExklusivGeplatzte Starts, explodierende Kosten – vieles ist schief gelaufen am künftigen Hauptstadtflughafen. Nun hat ein Gericht den Planern einen weiteren Strich durch die Rechnung gemacht – zur Freude einiger Politiker.

Ein Passagierflugzeug der Fluggesellschaft easyJet landet in Schönefeld: Ein strengeres Nachtflugverbot würde die Fluglinie hart treffen. dpa

Ein Passagierflugzeug der Fluggesellschaft easyJet landet in Schönefeld: Ein strengeres Nachtflugverbot würde die Fluglinie hart treffen.

BerlinDer Berliner Flughafen droht in schwere Turbulenzen zu geraten - nicht nur wegen eines sich zuspitzenden Machtkampfs innerhalb der Flughafengesellschaft, sondern auch, weil Spitzenpolitiker von Grünen und Linken ein strengeres Nachtflugverbot für den neuen Großflughafen BER fordern. Hintergrund ist eine Entscheidung des Oberverwaltungsgerichts Berlin-Brandenburg. Die Richter sperrten einen weiteren Abschnitt des mühsam ausgehandelten Flugroutensystems für den Hauptstadtflughafen. Maschinen dürfen demnach in der Zeit von 22 Uhr bis 6 Uhr nicht über Blankenfelde-Mahlow hinweg starten.

Der Vorsitzende des Bundestags-Verkehrsausschusses, Anton Hofreiter (Grüne), plädierte dafür, die Entscheidung in eine generelle Regelung münden zu lassen. „Ein striktes Nachtflugverbot von 22 Uhr bis 6 Uhr ist aus Gründen des Gesundheitsschutzes angebracht. Fluglärm macht krank, nächtlicher Fluglärm ist besonders schädlich“, sagte Hofreiter Handelsblatt Online. Die Lärmwirkungsforschung habe das inzwischen überzeugend belegt. „Die Menschen haben einen Anspruch auf gesicherte Nachtruhe und gesunden Schlaf.“

Der Vorsitzende der Linksfraktion im Bundestag, Gregor Gysi, unterstrich, dass die Richter „völlig zu Recht“ entschieden hätten, dass die Gesundheit der Menschen nach Art. 1 und 2 des Grundgesetzes Vorrang vor der Wirtschaftlichkeit des Betreibens eines Flughafens habe. Letztere sei kein Grundrecht, sagte Gysi Handelsblatt Online. „Was für Blankenfelde-Mahlow gilt, muss nun auch für die Menschen in den anderen Gemeinden gelten, die in der Nähe des Flughafens liegen.“ Denn dort seien zwar andere, aber nicht weniger Menschen vom Nachtfluglärm betroffen. „Endlich besteht die Chance, dass sich das Nachtflugverbot von 22 bis 6 Uhr gegen den Willen der Bundesregierung und des Senats von Berlin durchsetzt“, sagte Gysi.

Fragen und Antworten zum Hauptstadtflughafen

Warum ist es so schwer, den Flughafen in Betrieb zu nehmen?

Die größten Probleme sind ungelöst: Noch haben die Ingenieure die Brandschutzanlage im Hauptgebäude des Terminals nicht im Griff. Der größte Entrauchungsabschnitt soll nun geteilt werden - in der Hoffnung, das Ungetüm dann beherrschen zu können. Außerdem strömt die Frischluft im Brandfall noch nicht so nach, wie sie sollte, und verwirbelt mit dem Rauch. Hier wird umkonzipiert. Umbauen können die Techniker aber erst, wenn ein anderes Problem gelöst ist: die hoffnungslos überbelegten Kabeltrassen zu entwirren.
Eigentlich wollte Mehdorn schon in diesen Wochen einen Inbetriebnahme-Zeitplan für den gesamten Flughafen nennen, nun hofft er, den in zwei bis drei Monaten liefern zu können. „Das muss ein Termin sein, den wir risikofrei erreichen können“, sagt Mehdorn nach der Blamage um vier geplatzte Starttermine.

Was hat Mehdorn jetzt vor?

Im Nordflügel des Terminals gibt es einen Großteil der Probleme nicht. In dem für Billigflieger gedachten Trakt will Mehdorn im März oder April die ersten Passagiere einchecken lassen. Es wäre ein Start auf Regionalflughafen-Niveau, mit höchstens fünf Starts und fünf Landungen pro Tag - gerade mal ein Prozent der Kapazität des Flughafens.
Mehdorns Kalkül: Der Großteil der Abläufe am Flughafen kann so getestet werden, bevor alle Airlines von Tegel und Schönefeld-Alt zum Neubau umziehen. Für die Gesamteröffnung wird seit längerem das Jahr 2015 genannt. Aber niemand legt sich fest.

Platzeck geht – übernimmt jetzt Wowereit?

Ja. Brandenburgs Regierungschef Matthias Platzeck (SPD) hört nach einem leichten Schlaganfall auf und gibt auch den Flughafen-Aufsichtsratsvorsitz ab. Als gewählter Stellvertreter war der Berliner Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit erst einmal eingesprungen. Nun übernimmt er wieder die Spitze im Aufsichtsrat – es gab schließlich keine Konkurrenz.

Seit einem Jahr ist Technikchef Amann auf der Baustelle. Was hat er bewegt?

Der Hoffnungsträger vom Frankfurter Flughafen hat sich in Schönefeld eine Mammutaufgabe gestellt: Eine Bestandsaufnahme aller Mängel, um dann planvoll neu durchzustarten. Von der gebrochenen Fliese bis zur defekten Brandschutzklappe kamen Zehntausende Mängel zusammen - für Projekte dieser Größenordnung keine ungewöhnliche Dimension. Mit dieser Akribie bringt Horst Amann aber den ungeduldigen Mehdorn auf die Palme, der dem Ingenieur im Frühjahr vor die Nase gesetzt wurde. Mehdorn nennt die Amann-Zeit „Schockstarre“ und startete sein Beschleunigungsprogramm „Sprint“. Beide Manager sind heillos zerstritten. Am Freitag brachten sie konkurrierende Konzepte für die Teileröffnung in den Aufsichtsrat.

Wie viel wird der Flughafen am Ende kosten?

Das weiß heute niemand. Bislang gilt die fast ein Jahr alte Zahl von 4,3 Milliarden Euro, doch sie ist nicht zu halten. Denn damals dachten die Verantwortlichen noch, dass in diesem Oktober die ersten Passagiere einchecken. Jeder weitere Monat Verzögerung kostet 34 Millionen Euro. Hinzu kommen Mehrkosten für den Schallschutz. Die 5-Milliarden-Marke ist also in Sichtweite.

Der Berliner CDU-Bundestagsabgeordnete Karl-Georg Wellmann hält die bisherigen Nachtflugregeln für ausreichend. Ein Nachtflugverbot werde es zwischen 0 Uhr und 5 Uhr „in jedem Fall“ geben, sagte Wellmann Handelsblatt Online. Flüge zwischen 23 und 0 Uhr sollen zudem die Ausnahme sein und vor allem Landungen betreffen. Überdies, so Wellmann weiter, könnten durch die Einschränkung auf die Südbahn Lärmbelästigungen reduziert werden.

Kommentare (4)

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Account gelöscht!

20.09.2013, 16:50 Uhr

.... und wir kritisieren Griechenland wegen ähnlicher bürokratischer Schieflagen und Unorganisiertheit.....???


Account gelöscht!

20.09.2013, 17:55 Uhr

Also, sollten von diesem Flcuhafen aus jemals Maschinen starten, werden wir ihn dauerhaft alimentieren müssen. Der kann niemals Kosten deckend betrieben werden.

Zieht ein Zaun drum herum, setzt ihn unter Starkstrom und siedelt die Angehörigen des (aktuellen) deutschen Bundestags dorthin um. Das kann unserem Land nur gut tun. Ein paar Pflegekräfte werden sich ja wohl noch auftreiben lassen.

Account gelöscht!

20.09.2013, 18:54 Uhr

@Allace64
Berlin ist nicht Deutschland, sondern irgendwo zwischen Deutschland und Griechenland, so in der Gegend von Süditalien würde ich sagen :-)

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