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23.05.2011

09:57 Uhr

Debatte um Chefposten

Deutsche Zurückhaltung bei IWF alarmiert Ökonomen

VonDietmar Neuerer

ExklusivImmer wenn internationale oder europäische Spitzenpositionen zu besetzen sind, gehen sie nicht an einen Deutschen. Dieses Phänomen zeigt sich auch in der IWF-Debatte. Ökonomen schlagen deshalb Alarm.

Warten auf den Neuen: Wer wird den IWF künftig führen? Quelle: dpa

Warten auf den Neuen: Wer wird den IWF künftig führen?

DüsseldorfImmer wieder spitzen die Deutschen die Lippen - zuletzt, als es um die Nachfolger von EZB-Präsident Jean-Claude Trichet ging. Für den Posten hielten sie den damaligen Bundesbankpräsidenten Axel Weber in petto. Doch bis zum Pfeifen bringen sie es nicht.

Die Dinge wiederholen sich: auch im Wettstreit einen neuen IWF-Chef nach dem skandalträchtigen Abgang des Franzosen Dominique Strauss-Kahn tauchten Deutsche nur in allerersten Kandidatenlisten auf. Inzwischen zeichnet sich Frankreichs Wirtschafts- und Finanzministerin Christine Lagarde als die Kandidatin der Europäer ab - auch der Deutschen.

Ökonomen alarmiert diese Zurückhaltung. Deutschland habe mit Altkanzler Gerhard Schröder, Ex-Finanzminister Peer Steinbrück, dem ehemaligen Bundesbankpräsidenten Weber und dem Chef der Osteuropa-Bank EBWE, Thomas Mirow, durchaus eine Reihe erfahrener Persönlichkeiten aufzubieten, "die man ins Spiel bringen könnte", sagte der Direktor des Bonner Instituts zur Zukunft der Arbeit (IZA), Klaus Zimmermann, Handelsblatt Online. "Den erklärten Gefallen der Bundeskanzlerin an der französischen Kandidatin Lagarde kann man angesichts ihrer wirtschaftspolitischen Vorstellungen, die den Interessen Deutschlands zuwiderlaufen, kaum verstehen."

Für Zimmermann zeigt sich in der deutschen Zurückhaltung in der IWF-Personaldebatte einmal mehr ein Versagen der Politik hierzulande. "Bei allem wirtschaftlichen Erfolg und der daraus erwachsenden politischen Stärke sind unsere Vorstellungen und Orientierungen zu sehr nach Innen orientiert und deshalb provinziell", sagte der frühere Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW). Im deutschen Regierungsapparat befänden sich deshalb auch kaum Ausländer und eine zeitweise Abordnung ins Ausland aus dem Apparat in internationale Organisationen habe immer ein wenig den Beigeschmack einer Degradierung und diene bei einer Rückkehr jedenfalls nicht dem weiteren beruflichen Aufstieg.

Der renommierte Krisenökonomen Max Otte regte eine spezielle Ausbildung für politischen Führungskräftenachwuchs an. Deutschland habe kein Korps internationaler Spitzendiplomaten, wie zum Beispiel Frankreich. "Hier müsste für besonders geeignete Ministerialbeamte ein Fast-Track geschaffen werden, wie dies zum Beispiel in Frankreich, den USA oder England besteht, wo die Selektionsfunktion durch entsprechende Eliteuniversitäten erfolgt", sagte der Wirtschaftsprofessor an der Fachhochschule Worms Handelsblatt Online. Otte beklagte, dass Deutschland traditionell in den internationalen Institutionen unterrepräsentiert sei. "Die deutschen Regierungen haben selten aktiv deutsche Kandidaten und Interessen durchgesetzt."

Kommentare (4)

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adel-ar

23.05.2011, 10:28 Uhr

"Deutschland verzichtet nicht auf einen eigenen Kandidaten, sondern Deutschland setzt sich für einen europäischen Kandidaten ein"
"Bei der Kür der Kandidaten zur Nachfolge von EZB-Chef Trichet preschte Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy vor und plädierte - nicht abgesprochen mit den Deutschen - für den italienische Kandidaten Mario Draghi."

Das ist das Problem: einseitige Solidarität in Deutschland und in Rest-Europa purer Egoismus und Beute-Staat. Da ist eine Europa-Verdrossenheit die einzige gesunde Reaktion. Begeisterung pathologische Ignoranz.

Merkel ist so schwach und setzt weder deutsche Interessen durch noch verhindert sie EU-Entscheidungen, die Deutschland enorm schaden. Die anderen lachen sich ins Fäustchen und beschweren sich natürlich trotzdem, dass das deutsche Geld nicht schneller, freudiger und in größerer Menge fließt.

Ich war immer eine EU- und Euro-Befürworter, aber die Koalition aus egoistischen, Deutschland ausbeutenden Mit-Europäern und traditionell schwachen deutschen Regierungen (die mit der Nazi-Keule niedergehalten werden) kann uns alle nur gebieten aus dem Euro auszusteigen und aus der EU soweit wie es Macht über uns und unser Geld für sie bedeutet. Also sollte maximal ein gemeinsamer Binnenmarkt erhalten bleiben - Unterstützungszahlungen an befreundete EU-Staaten wären dann bilateral. Nicht wie jetzt, wo Griechenland Jährlich viele Milliarden hauptsächlich aus deutschen Beiträgen erhält, aber zum einen keine Dankbarkeit zeigt und zum anderen immer wieder mit Reparationen für den 2. WK droht. Da ist etwas völlig aus den Fugen geraten. Wir müssen da schnell raus bevor es uns aushöhlt. Frankreich war jahrzehntelang auch nur auf einfachste und unintegrierte Art in die Nato-Organisation eingebunden. Das sollten wir mit der EU tun.

Die anderen können einfach nicht unsere Solidarität und Zusammengehörigkeitsgefühl nachempfinden, sie können nur gierig nach allem greifen und lassen uns nichts.

20cent

23.05.2011, 11:17 Uhr

Schön das wenigstens die Ökonomen endlich erkennen, worunter die arbeitende Bevölkerung in Deutschland seit Jahrzehnten leidet. Wer am meisten Zahlt sollte auch den größten Einfluss haben. Gerhard Schröder und Peer Steinbrück als geeignete Kandidaten zu bezeichnen ist wahnsinnig. Schröder war mit den Grünen treibende Kraft für die Sklaverei in Form von Arbeitnehmerüberlassungen und Steinbrück hat in der Krise Zit A:...und keine Boni..Zit E. bewiesen, dass ihm alle auf der Nase herumtanzen. Unterm Strich sind wir alle Schuld, die Wahl in Bremen zeigt wie wenig in der Wahlurne nachgedacht wird.

Account gelöscht!

23.05.2011, 16:42 Uhr

Ihre Einschätzung läuft in die richtige Richtung, aber die Realitäten sind viel härter! Werfen Sie alle Europa-Propaganda über Bord, alles das, was Ihnen in der Schule erzählt worden ist: Wir haben es mit FEINDEN zu tun, wie 1914, 1938/39! EU und EURO, ja sogar der Großteil der politischen Parteien einschließlich der Grünen sind Instrumente zur Niederhaltung Deutschlands. Ohne die geschichtliche Gesamtschau der Vorgänge seit ca. 1840, spätestens 1870/71 bleiben diese Deutschland systematisch benachteiligenden "Vorkommnisse" und Verhaltensweisen abstrakt, unverständlich, nicht nachvollziehbar, befremdlich und deprimierend.

Nur wer seine Geschichte genau und umfassend kennt, kann die Vorgänge seiner Zeit verstehen und die Geister unterscheiden, die das Geschehen antreiben!

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