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27.12.2014

10:25 Uhr

Debatte um neue Wahlverfahren

Grüne geben Merkel Schuld an Politikmüdigkeit

Wahlwochen statt -tage, Kabinen in Supermärkten: Die SPD sucht nach Wegen, die Wahlbeteiligung zu erhöhen, stößt aber auf Ablehnung. Die Grünen kritisieren dagegen die Kanzlerin, die das Interesse der Menschen einnebele.

Grünen-Chefin Peter: Die schwindende Wahlbeteiligung an der Wurzel bekämpfen. dpa

Grünen-Chefin Peter: Die schwindende Wahlbeteiligung an der Wurzel bekämpfen.

BerlinDie Vorschläge von SPD-Generalsekretärin Yasmin Fahimi für ein neues Wahlverfahren stoßen beim Koalitionspartner CSU auf strikte Ablehnung. Nach CSU-Generalsekretär Andreas Scheuer wandte sich auch Landesgruppenchefin Gerda Hasselfeldt gegen Fahimis Idee, als Mittel gegen sinkende Wahlbeteiligung ganze Wahlwochen einzuführen und Wahlkabinen auch an öffentlichen Orten wie Supermärkten aufzustellen.

Mit der Briefwahl könnten die Menschen schon heute am heimischen Küchentisch ihre Bürgerpflicht erfüllen, sagte die Vorsitzende der CSU-Landesgruppe im Bundestag der „Neuen Osnabrücker Zeitung“. „Näher am Wähler geht nicht.“ Wer die Möglichkeit der Briefwahl nicht wahrnehme, gehe auch nirgendwo anders hin.

CSU-Generalsekretär Scheuer vertrat die Ansicht, Fahimis Vorschlag werde allenfalls Kopfschütteln hervorrufen – bei Wählern, Wahlhelfern und Kandidaten. „Etwas Praxisfernes und Manipulationsanfälliges werden wir in unserer funktionierenden Demokratie nicht zulassen“, sagte er der „Welt am Sonntag“.

Auch Grünen-Chefin Simone Peter äußerte sich skeptisch. Generell beteiligten sich die Grünen gern an Diskussionen darüber, wie Wahlbeteiligung erhöht werden könne, sagte sie der „Welt“. „Aber die schwindende Wahlbeteiligung muss man auch an der Wurzel bekämpfen.“ Dazu seien wieder mehr ehrliche Diskurse und glaubwürdige Politik nötig.

Peter warf Kanzlerin Angela Merkel (CDU) vor, mit ihrem Regierungsstil zur Politikmüdigkeit beizutragen. „Die Regierungsarbeit Frau Merkels setzt bewusst darauf, das Interesse der Menschen an Politik einzunebeln.“ Sie verwies zugleich auf die Vorschläge der Grünen zur Ankurbelung der Wahlbeteiligung, zum Beispiel eine Absenkung des Wahlalters auf 16 Jahre sowie mehr direkte Demokratie und Bürgerbeteiligung.

Stärken und Schwächen von Angela Merkel

„Alternativlos“

Das ist eines der Lieblingswörter, wenn Kanzlerin Angela Merkel andere von ihrer Politik überzeugen möchte. Alternativlos ist derzeit für die CDU auch Merkels achte Wahl zur Parteichefin. Die Christdemokraten können sich momentan nicht vorstellen, wer außer der Physikerin aus der DDR die Partei führen sollte.

Ausdauer

Merkel schreibt sich selbst „kamelartige Fähigkeiten“ zu: Reserven anlegen, dosiert einsetzen. Krank ist sie selten - wenn doch, erfährt man es in der Regel nicht. Anders am Montag. Da war ihr so unwohl, dass sie eine Interview-Aufzeichnung unterbrach. Noch am Abend präsentierte sie sich wieder munter. Wer nicht zäh ist, kann Kanzleramt und Parteivorsitz nicht machen.

Geduld

Merkel kann zuhören - und abwarten. Selten reagiert sie im Affekt. So dauerte es lang, bis sie Russlands Präsident Wladimir Putin offen attackierte.

Uneitel

Anhänger wie Gegner schätzen Merkels Bodenhaftung, ihre unaufgeregte Art. Keine Skandale, keine Eskapaden, keine Diva. Oder wie Wolfgang Schäuble sagt: „Die ist nicht so Hurra-mäßig wie bei Napoleon - aber erfolgreicher.“

Ideologiefrei

Merkel zeigt sich erst einmal für alles offen und denkt nicht in den Grenzen der Unionspolitik.

Kein Redetalent

Merkel kann ein Publikum nicht mitreißen. Öffentlich formuliert sie selten scharf und pointiert.

Erklärungsdefizit

Viele Menschen sagen auch, sie wüssten nicht, was Merkels Botschaft sei. Sie erkläre ihre Politik nicht.

Keine Nachwuchsförderung

Dass Merkel so unangefochten in der CDU ist, liegt auch daran, dass sie Konkurrenten kalt gestellt hat und keine Talente gezielt fördert.

Keine Vision

Kritiker beklagen, dass Merkel keine eigenen Ziele entwerfe, sondern Ideen anderer sammele und dann die Mehrheitsmeinung suche, um nicht zu unterliegen.

Nachtragend

Merkel vergisst nichts. Wer bei ihr einmal in Ungnade fällt, ist abgemeldet. Bei nächst passender Gelegenheit zieht sie Konsequenzen. Vor allem viele Männer sehen darin wieder eine Stärke. „Sie kann Rache kalt genießen“, sagt einer aus der Opposition.

Auch die Linke sieht zunächst die Politik in der Pflicht. „Die Ursache für die Wahlmüdigkeit sehe ich weniger im Wahlgesetz als vielmehr in der Politik der Bundesregierungen der letzten Jahre und dem politischen Zustand des Landes allgemein“, sagte die Parlamentarische Geschäftsführerin der Linksfraktion im Bundestag, Petra Sitte, der „Passauer Neuen Presse“.

Fahimi hatte auf das Beispiel Schweden verwiesen, wo es nicht nur einen einzigen Wahltag gebe, sondern ganze Wahlwochen, in denen man seine Stimme abgeben könne – „und zwar nicht nur an seinem Wohnort, sondern überall“. Ihre Vorschläge will sie Anfang des Jahres mit ihren Kollegen der anderen Parteien diskutieren.

Von

dpa

Kommentare (1)

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Herr D. Dino54

29.12.2014, 09:33 Uhr

".......Schuld an Politikmüdigkeit"

Die Katastrophe in der Politik fing mit ROT/GRÜN an !!!

DIESE Politiker-Generation, nicht alle aber zu viele, die durch Kompetenzleere und kranker Lobby-Politik sich in der EU + D "auszeichnet", ist Demokratiegefährdend !

DIESE Marionetten der Lobby riskieren, verursachen eine gefährliche Diplomatie in Europa und die Medien (nicht alle) wackeln mit fragwürdigem Einfluß im Hintergrund hinterher !

NUR eine ausgewogene, qualifizierte Politik erhöht die Wahlbeteiligung und kein Zirkus !

Oder ist dies auch eine "Deutschtümmelei" Frau Fahimi, die Sie im SPD-Forum geäußert haben ? Unfassbar !

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