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06.01.2012

07:22 Uhr

Debatte um Übernachtungsgeld

ZDF-Journalistin Schausten reagiert auf Internet-Häme

Das TV-Interview mit Bundespräsident Wulff hat nicht nur ihm beißenden Spott im Internet beschert. Auch Fernsehjournalistin Schausten traf Häme. Jetzt reagierte sie – und korrigierte eine Behauptung gegenüber Wulff.

Ob Bettina Schausten in diesem Augenblick bereits gewusst hat, dass ihre Antwort ihr noch eine Menge Ärger einbringen würde? Screenshot

Ob Bettina Schausten in diesem Augenblick bereits gewusst hat, dass ihre Antwort ihr noch eine Menge Ärger einbringen würde?

BerlinInternetnutzer und Online-Medien sind mitunter ebenso böse wie kreativ - Bundespräsident Christian Wulff kann seit Tagen ein Lied davon singen. Die Satire-Seite „Der Postillon“ verbreitete am Donnerstag eine fingierte Stellungnahme Wulffs zu den Anrufen bei der „Bild“-Zeitung. Unter anderem heißt es in dem mit zahlreichen Anspielungen auf den ehemaligen Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg gespickten Text, Wulff wolle „vorübergehend, ich betone vorübergehend, auf das Führen der Bezeichnung Bundespräsident verzichten“.

Stellungnahme: „Was schausten so?“

Stellungnahme

„Was schausten so?“

Die ZDF-Journalistin Bettina Schausten reagiert gelassen auf den Spott, den sie sich durch einen einzigen Satz im Interview mit Bundespräsident Wulff eingehandelt hat. 150 Euro für eine Übernachtung bei Freunden?

Auf Facebook hat eine Gruppe inzwischen dazu aufgerufen, sich vor dem Schloss Bellevue zu versammeln und nach arabischem Vorbild dem Bundespräsidenten die Schuhe zu zeigen. Diese Geste drückt Verachtung aus.

Wulffs TV-Interview am Mittwochabend stoppte die Flut an Häme zwar nicht, brachte den Spöttern aber ein weiteres Ziel. Nachdem die ZDF-Journalistin Bettina Schausten gesagt hatte, sie zahle ihren Freunden für Übernachtungen 150 Euro, machten sich bei Facebook mehrere Gruppen über die Moderatorin lustig. Die Seiten „Fr. Schausten muss ihre bezahlten Übernachtungen bei Freunden offenlegen“, „Übernachte bei Bettina Schausten“ und „400 Fragen an Frau Schausten“ hatten am Donnerstagnachmittag zusammen über 5500 Fans.

Vier goldene Regeln im Umgang mit Affären

Rasch reagieren

„Man muss schnell reagieren, um handlungsfähig zu bleiben. Eine Salamitaktik, das scheibchenweise Einräumen von Fehlern, hat noch nie funktioniert", sagt Bernhard Pörksen, Professor für Medienwissenschaft an der Universität Tübingen. Er forscht zu Medienskandalen und Medienethik.

Medienwandel begreifen

Der Professor sagt auch: „Die Salamitaktik funktioniert ganz besonders schlecht unter den gegenwärtigen Bedingungen digitaler Kommunikation, denn bei einem möglichen, eventuell dann wieder fehlerhaften Teilgeständnis ist der Gegenbeweis blitzschnell sichtbar.“

Maximale Transparenz

Ein weiterer Tipp des Experten: „Man muss die Vorfälle schonungslos aufklären und dann mit einer möglichst ernsten, überzeugenden Geste um Verzeihung bitten.“

Image und Inhalt

Ebenfalls sei die Übereinstimmung von Institution und Inhalt laut dem Medienexperten Pörksen sehr wichtig: „Die Art und Weise des Skandalmanagements darf dem eigenen Image und vor allem dem Repräsentationskorsett des Amts, das man ausübt, nicht widersprechen."

Schausten selbst reagierte auf die Häme gegen sich gelassen. „Die Welle, die da heute durch das Internet ging, fand ich amüsant“, sagte die Leiterin des ZDF-Hauptstadtstudios der Nachrichtenagentur dpa. „Ich darf Ihnen sagen: Nein, ich nehme kein Übernachtungsgeld von Freunden, die auf meiner Gästematratze übernachten. Darum ging es in dem Interview mit Wulff aber auch nicht.“

Der Bundespräsident habe versucht, das ganze Thema auf die Ebene von normalen Besuchen bei Freunden herunterzubrechen. Sie habe sich dabei den Einwand erlaubt, dass man bei Urlaubsaufenthalten selbstverständlich auch Freunden anbieten könne, einen finanziellen Beitrag zu leisten, betonte Schausten. Das habe sie in der Vergangenheit auch selbst schon getan.

Chronologie: Wulffs Kredit-Affäre

25. Oktober 2008

Christian Wulff, damals Ministerpräsident von Niedersachsen, bekommt von der Unternehmergattin Edith Geerkens einen Privatkredit über 500.000 Euro zum Kauf eines Hauses in Burgwedel bei Hannover.

18. Februar 2010

Die Grünen im niedersächsischen Landtag wollen vom damaligen Ministerpräsidenten Wulff unter anderem wissen, welche Spenden beziehungsweise Sponsoringleistungen er oder die CDU in den vergangenen zehn Jahren vom Unternehmer Egon Geerkens erhalten haben und ob es geschäftliche Beziehungen zu Geerkens gab. Wulff verneint dies.

21. März 2010

Die im Dezember 2009 aufgenommenen Gespräche mit der Stuttgarter BW-Bank führen zur Unterzeichnung eines kurzfristigen günstigen Geldmarktdarlehens, mit dem Wulff das Geerkens-Darlehen ablöst. Der Zinssatz beträgt 2,1 Prozent. Das Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ vermutet Ende 2011 einen Zusammenhang zwischen dem sehr günstigen Darlehen und dem Einsatz Wulffs als niedersächsischer Ministerpräsident für den Einstieg des VW-Konzerns bei Porsche.

17. August 2011

Der Bundesgerichtshof (BGH) entscheidet, dass Journalisten das Grundbuch von Wulffs Haus einsehen dürfen, wenn dies für eine journalistische Recherche erforderlich ist. Mehrere Medien recherchieren zu dem Fall.

12. Dezember 2011

Bundespräsident Wulff besucht die Golfregion und versucht Medienberichten zufolge, den „Bild“-Chefredakteur Kai Dieckmann zu erreichen, um auf die anstehende Berichterstattung über seinen Privatkredit Einfluss zu nehmen. Er spricht Diekmann auf die Mailbox und droht den „endgültigen Bruch“ mit dem Springer-Verlag für den Fall an, dass diese „unglaubliche“ Geschichte tatsächlich erscheine.

13. Dezember 2011

Die „Bild“-Zeitung berichtet erstmals über das Darlehen und fragt, ob Wulff das Landesparlament getäuscht habe. Sein Sprecher Olaf Glaeseker teilt mit, Wulff habe die damalige Anfrage korrekt beantwortet. Es habe keine geschäftlichen Beziehungen zu Egon Geerkens gegeben und gebe sie nicht.

15. Dezember 2011

Der Bundespräsident bedauert in einer schriftlichen Mitteilung, den Kredit von Edith Geerkens vor dem niedersächsischen Landtag nicht erwähnt zu haben. Zudem teilt er mit, er habe das Geldmarktdarlehen in ein langfristiges Bankdarlehen umgewandelt und er wolle Einsicht in Vertragsunterlagen gewähren.

16. Dezember 2011

„Der Spiegel“ berichtet, dass offenbar doch Egon Geerkens der Kreditgeber war. „Ich habe mit Wulff verhandelt“ und „Ich habe mir überlegt, wie das Geschäft abgewickelt werden könnte“, zitiert das Nachrichtenmagazin den Unternehmer.

21. Dezember 2011

Sechs Tage nach dieser Erklärung unterschreibt Wulff den Vertrag zur Umwandlung seines Darlehens. Das Dokument war nach Angaben der BW-Bank am 12. Dezember an Wulff geschickt worden.

22. Dezember 2011

Wulff tritt erstmals persönlich in der Affäre an die Öffentlichkeit und entschuldigt sich für seinen Umgang mit den Vorwürfen. Er bekräftigt jedoch, im Amt bleiben zu wollen. „Ich habe zu keinem Zeitpunkt in einem meiner öffentlichen Ämter jemandem einen unberechtigten Vorteil gewährt“, versichert das Staatsoberhaupt. Kurz vor seiner Erklärung im Schloss Bellevue entlässt Wulff seinen langjährigen Sprecher Olaf Glaeseker ohne Angabe von Gründen.

27. Dezember 2011

Der von Wulff unterschriebene Vertrag geht bei der BW-Bank ein. Die Laufzeit des Darlehens beginnt am 16. Januar 2012.

2. Januar 2012

Der Deutsche Journalistenverband (DJV) kritisiert den angeblichen Versuch Wulffs, Einfluss auf die Berichterstattung der „Bild“-Zeitung zu nehmen. Zuvor hatten Medien erstmals über den Anruf Wulffs vom 12. Dezember 2011 bei Diekmann berichtet. (Quelle: dapd, dpa)

4. Januar 2012

Der Bundespräsident bricht sein Schweigen. In einem Fernseh-Interview zur besten Sendezeit beantwortet Christian Wulff Fragen zur Kredit-Affäre. Im Gespräch mit ARD und ZDF räumte Wulff ein, dass der Drohanruf bei „Bild“-Chefredakteur Kai Diekmann „ein schwerer Fehler“ gewesen sei, der mit seinem eigenen Amtsverständnis nicht vereinbar sei. Der Fehler tue ihm leid und er habe sich auch entschuldigt. Zugleich betonte Wulff, er wolle nicht Präsident in einem Land sein, in dem man sich kein Geld von Freunden leihen könne. Ungeachtet des anhaltenden Drucks in der Kredit- und Medienaffäre machte der Bundespräsident in dem Interview auch klar, dass er nicht zurücktreten wolle. „Ich nehme meine Verantwortung gerne wahr“, sagte Wulff. Mit Blick auf das Darlehen der BW Bank sagte er, es handele sich um normale und übliche Konditionen. Das gesamte Risiko der Zinsentwicklung liege bei ihm, so Wulff. Er habe keine Vorteile genossen, es handele sich um ein Angebot wie für andere auch.

5. Januar 2012

Der Bundespräsident bleibt auch nach seinem TV-Auftritt unter Druck. Die Opposition hält Wulffs Erklärungen für unzureichend, die „Bild“-Zeitung widerspricht zentralen Aussagen und einer Umfrage zufolge verliert Wulff in der Bevölkerung an Unterstützung.

Wulff war in dem Fernseh-Interview gefragt worden, ob es nicht für einen Bundespräsidenten tabu sein müsse, unliebsame Berichterstattung verhindern zu wollen. „Ich habe nicht versucht, sie zu verhindern. Ich habe darum gebeten, einen Tag abzuwarten“, sagte er dazu. Nikolaus Blome, Leiter des Hauptstadt-Büros der „Bild“-Zeitung, reagiert: „Das haben wir damals deutlich anders wahrgenommen. Es war ein Anruf, der ganz klar das Ziel hatte, diese Berichterstattung zu unterbinden.“

Von

dpa

Kommentare (13)

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Beobachter

06.01.2012, 08:29 Uhr

Im Ernst:
Hier im Handelsblatt und im allgemeinen in den Medien wird mit den allerhöchsten moralischen Maßstäben gemessen und geurteilt. (Und verurteilt.)

Großartige moralische Maßstäbe.

Aufruf an die Redaktion, an Steingart, Schausten, an Deppendorf, wie sie alle heißen:
Bitte legen Sie diese Maßstäbe nun an sich selbst an:
- legen Sie sämtliche Mitgliedschaften in politischen Parteien und Verbänden offen
- legen Sie offen, ob Sie in Anlageprodukten investiert sind, über die Sie berichten
- bzw. bei denen Sie durch Informationsvorsprünge aus redaktioneller Arbeit profitieren
- legen Sie offen, welche Vergünstigungen Sie dank Ihrer Medienfunktion und -Macht für private Unteressen genutzt haben und nutzen
- legen Sie offen, wer, wenn nicht Sie selbst und nicht die Redaktion Ihre letzten zwanzig Reisen bezahlt haben:
zeigen Sie das alles auf, wie es sich gehört...

Es wird höchste Zeit, dass diese Fragen endlich gestellt werden.

HansC

06.01.2012, 08:30 Uhr

Im Umgang mit der Wahrheit, und mit anschliessender Kritik, mit der Offenheit und dem "Bekenntnis zu Fehlern" sind manche Journalisten keinen Deut besser als manche Politiker.

Nastrowje

06.01.2012, 08:42 Uhr

Na los Herr Steingart, machen Sie mal. Ich bin gespannt.
Über andere herziehen, selbst aber schweigen.
Ein Sumpf sondergleichen.

Hier wird aufgeführt:

Ein weiterer Tipp des Experten: „Man muss die Vorfälle schonungslos aufklären und dann mit einer möglichst ernsten, überzeugenden Geste um Verzeihung bitten.“

Das möchte ich mal vom Schreiber dieses Pamphlets wissen, was er so treibt. Seit wann gibt es eine Immunität für Journalisten?
Gleiches Recht für alle.

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