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06.07.2017

10:37 Uhr

Demografie

Rezepte gegen den Wachstumskiller

VonFrank Specht

Die Alterung der Gesellschaft bedroht Deutschlands wirtschaftliche Leistungsfähigkeit, zeigt eine neue IW-Studie. Aber ist die Politik machtlos?

Die kommende Wahlperiode werde wohl die letzte sein, in der Deutschland demografisch gesehen optimal dastehe, sagte IW-Direktor Michael Hüther bei der Vorstellung der Ergebnisse. dpa

Gefährdetes Wachstum

Die kommende Wahlperiode werde wohl die letzte sein, in der Deutschland demografisch gesehen optimal dastehe, sagte IW-Direktor Michael Hüther bei der Vorstellung der Ergebnisse.

BerlinDeutschland droht ein Wachstumseinbruch, wenn die Politik die Folgen der alternden Gesellschaft nicht abfedert. Ohne Gegenmaßnahmen würde das mögliche jährliche Wirtschaftswachstum von heute 1,7 Prozent auf 0,7 Prozent im Jahr 2035 zurückgehen, zeigt eine neue Studie des Kölner Instituts der deutschen Wirtschaft (IW). Mit steigender Erwerbsbeteiligung, einem Renteneintrittsalter von 68 Jahren, einer leicht erhöhten Wochenarbeitszeit sowie mehr Investitionen in Infrastruktur, Bildung und Forschung lasse sich der demografische Effekt aber mildern. Nach den IW-Berechnungen würde das Bruttoinlandsprodukt (BIP) im Jahr 2035 um sieben Prozent oder 265 Milliarden Euro höher ausfallen als in einem Szenario ohne diese Impulse.

Die kommende Wahlperiode werde wohl die letzte sein, in der Deutschland demografisch gesehen optimal dastehe, sagte IW-Direktor Michael Hüther bei der Vorstellung der Ergebnisse. „Die Generation der Babyboomer steht überwiegend noch im Arbeitsleben, die Beschäftigung liegt auf Rekordniveau, die Beschäftigungsquoten älterer Beschäftigter steigen weiterhin, die Arbeitslosigkeit liegt auf dem niedrigsten Stand seit der Wiedervereinigung, die Anzahl der offenen Stellen dagegen auf einem Höchststand.“ Hinzu komme, dass die öffentlichen Haushalte Überschüsse erzielten, die Staatsverschuldung leicht sinke und die Sozialversicherungen Einnahmerekorde verzeichneten. „Doch diese derzeit so makellos wirkende Bilanz ist nur eine Momentaufnahme“, warnte Hüther.

Die wichtigsten Handelspartner Deutschlands

Die Trump-Verunsicherung

US-Präsident Donald Trump hat den Freihandel in Frage gestellt. Die stark exportorientierte deutsche Wirtschaft macht sich zunehmend Sorgen.

Der wichtigste Handelspartner

Tatsächlich sind die USA unter den Einzelstaaten der wichtigste Handelspartner. 2015 wurden nach endgültigen Ergebnissen Waren im Wert von rund 174 Milliarden Euro zwischen Deutschland und den Vereinigten Staaten gehandelt (Exporte und Importe). Insgesamt gingen knapp 10 Prozent der deutschen Exporte in die USA. Von dort kamen 7 Prozent der deutschen Importe.

Die Nachbarstaaten

Lange Zeit war Frankreich für Deutschland das wichtigste Land bei der Ein- und Ausfuhr von Waren. 2014 wurde Frankreich jedoch von den USA überholt. Dazu trugen der schwächere Euro, aber auch das vergleichsweise stärkere Wirtschaftswachstum in den USA bei. Drittwichtigster Handelspartner für Deutschland sind die Niederlande, die mit ihren Häfen ein wichtiger Umschlagplatz für den Welthandel sind.

Die Euro-Zone

Als Staatenverbund ist die EU der größte Handelspartner Deutschlands. Von den deutschen Exporten gehen 58 Prozent in die übrigen Länder der EU. In die Länder der Euro-Zone gehen 36 Prozent der Ausfuhren.

Der Kontinent Nr. eins

Wichtigster Kontinent außerhalb Europas für den Handel ist Asien, noch vor Amerika. Allein nach China gehen rund sechs Prozent der Exporte. Insgesamt belegt China als Handelspartner den vierten Platz. Bei den Importen liegt das Land für Deutschland sogar auf Platz eins. Fast zehn Prozent der Einfuhren kommen von dort.

Die Mini-Partner

Nach Afrika gehen lediglich zwei Prozent der deutschen Exporte und nach Australien und Ozeanien weniger als ein Prozent.

Quelle: dpa / alle Werte für 2015

In der Studie gehen die IW-Forscher zwar davon aus, dass die deutsche Bevölkerung angesichts der Flüchtlingsmigration und einer erwarteten Nettozuwanderung von gut 200.000 Personen im Jahr weiter wachsen wird. Ihrer Prognose zufolge werden 2035 hierzulande 83,1 Millionen Menschen leben, etwa 1,2 Millionen mehr als heute. Der Zuwachs verhindert aber nicht die Alterung der Bevölkerung, weil auch die Zuwanderer die geburtenstarken Jahrgänge, die in Rente gehen, nicht aufwiegen können. In der Folge wird der Anteil der über 67-Jährigen an der Gesamtbevölkerung von heute 17,7 Prozent auf gut ein Viertel steigen.

Das hat zur Folge, dass die Zahl der Erwerbspersonen nach den IW-Berechnungen um rund eine Million auf gut 41 Millionen sinken wird. Das Arbeitsvolumen wird demnach in den Jahren 2015 bis 2035 um 2,8 Prozent abnehmen. Dies hat weitreichende Folgen für den Fiskus und die Sozialsysteme.

Zwar rechnen die Kölner Forscher noch für gut zehn Jahre mit steigenden Einnahmen aus der Einkommensteuer. Ab 2029 wird sich der Trend aber drehen. Bis 2035 wachsen die demografiebedingten Ausfälle nach den IW-Berechnungen auf fast 15 Milliarden Euro. Der Steuerzuschuss zur gesetzlichen Rentenversicherung könnte von fast 90 Milliarden Euro im vergangenen Jahr auf mehr als 100 Milliarden Euro steigen.

In der Kranken- Pflege- und Rentenversicherung drohen angesichts wachsender Ausgaben empfindliche Kostensteigerungen. Sollen die heutigen Leistungsansprüche auch in Zukunft bedient werden, würden die Ausgaben von heute 15,7 Prozent des Bruttoinlandsproduktes bis 2035 auf 17,2 Prozent steigen. Diese 1,5 Prozentpunkte Unterschied machten beim BIP des Jahres 2016 immerhin knapp 47 Milliarden Euro aus, rechnen die IW-Forscher vor.   

„Eine kluge Wirtschaftspolitik kann den demografiebedingten Wachstumseinbruch ausgleichen, sagte Hüther. „Nichts zu machen, würde teurer werden.“ Das IW schlägt verschiedene Maßnahmen vor. Allein eine weitere schrittweise Anhebung des Rentenalters auf 68 Jahre würde dazu führen, dass die Erwerbsbevölkerung von 2017 bis 2035 im Jahresschnitt nur um 0,2 Prozent sinkt und nicht um 0,3 Prozent. Spielraum sehen die Wissenschaftler auch bei der Arbeitszeit. Das tarifliche Jahressoll sei im internationalen Vergleich niedrig, der Anteil der Teilzeitbeschäftigten dagegen überdurchschnittlich hoch. Zu oft scheitere aber etwa der Wunsch junger Mütter, länger zu arbeiten, noch an fehlenden Kinderbetreuungsmöglichkeiten, sagte Hüther.

Durch eine höhere Erwerbsbeteiligung vor allem von Frauen und Älteren, längere Arbeitszeiten und ein höheres Rentenalter lasse sich der demografische Effekt schon dämpfen, schreibt das IW. Der Staat sollte aber zusätzlich dafür sorgen, den Rückgang bei der Zahl der Erwerbspersonen durch eine höhere Produktivität wettzumachen.

Dazu seien nicht nur höhere Investitionen in moderne Infrastruktur und Maschinen notwendig, sondern auch in Bildung. Erhöhte Kompetenzen der Schüler und bessere Angebote im naturwissenschaftlich-technischen Bereich seien Voraussetzungen für Innovationen, sagte Hüther.

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