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22.05.2012

06:48 Uhr

Dena-Chef Stephan Kohler

„Ich sehe 16 Energiewenden in Deutschland“

VonKlaus Stratmann

ExklusivStatt gemeinsam koordiniert vorzugehen, braut jedes Bundesland sein eigenes Süppchen. Stephan Kohler, Chef der Deutschen Energie-Agentur, fordert ein Gesamtkonzept - und die Abgabe von Kompetenzen.

Der Vorsitzende der Geschäftsführung der Deutschen Energie-Agentur (Dena), Stephan Kohler. dpa

Der Vorsitzende der Geschäftsführung der Deutschen Energie-Agentur (Dena), Stephan Kohler.

Herr Kohler, Bundeskanzlerin Angela Merkel trifft in dieser Woche die Ministerpräsidenten, um sie auf die Ziele der Energiewende einzuschwören. Sind die Regierungschefs der Länder denn noch nicht auf Kurs?
Im Moment sehe ich 16 verschiedene Energiewenden in Deutschland, weil jedes Bundesland seine eigenen, mitunter sehr ambitionierten Ziele verfolgt. Das geht so nicht weiter. Wir brauchen ein koordiniertes Vorgehen. Daher ist ein Treffen der Länderchefs mit der Kanzlerin dringend erforderlich.

Merkels Baustellen bei der Energiewende

Kosten

Im Jahr 2013 drohen für einen normalen Haushalt mit einem Verbrauch von 3500 Kilowattstunden Ökoförder-Kosten von bis zu 175 Euro (derzeit 125). Der Hintergrund: Die zuständigen Netzbetreiber rechnen mit einem deutlichen Anstieg der von allen Stromverbrauchern zu zahlenden Umlage zum Ausbau der erneuerbaren Energien. Der Grund liege auch in immer mehr Ausnahmen für Industriebetriebe und in einer neuen, sehr teuren Marktprämie für Wind- oder Solarparkbesitzer, die ihren Strom selbst vermarkten.

Stromnetz

Die 4450 Kilometer an neuen Stromautobahnen, die laut Deutscher Energie-Agentur gebraucht werden, gelten schon wieder als überholt. Das Wachstum der erneuerbaren Energien erfolgt zwar rasant. Dies treibt aber die Förderkosten - und es fehlen schlicht Netze zum Abtransport, gerade vom Norden in den Süden. Zudem bremsen technische Probleme die Anbindung der See-Windparks. Bisher ist unklar, wie der Netzausbau stärker auf den Ausbau der erneuerbaren Energien abgestimmt werden könnte. Im bisher Atomenergie-lastigen Süden gibt es zu wenig Ökoenergie und im Norden und Osten vielerorts zu viel.

Kraftwerksbau

Zwar gibt es nach der vom Branchenverband BDEW erstellten neuen Kraftwerksliste 84 Kraftwerksprojekte (Wind, Gas, Kohle) mit einer Leistung von 42.000 Megawatt. Aber bisher fehlen immer noch Dutzende Gaskraftwerke, um gerade nach 2022 den Ausfall aller Atomkraftwerke aufzufangen. Da jetzt schon an einigen Tagen Wind und Sonne den Bedarf fast decken können, gibt es eine zu große Unsicherheit, ob neue Kraftwerke genug Produktionsstunden bekommen. Sie sind aber notwendig, um zu jeder Tages- und Nachtzeit und zu allen Wetterlagen die Versorgungssicherheit zu gewährleisten. Gefordert werden daher besondere finanzielle Anreize.

Speicher

Dieses Thema hängt eng mit den Kraftwerksplänen zusammen. Bisher gibt es erst rund 6400 Megawatt Speicherkapazitäten in Pumpspeicherkraftwerken. Hier kann überschüssiger Strom bei zu viel Wind und Sonne durch das Heraufpumpen von Wasser in ein höher gelegenes Becken gespeichert werden. Bei Flaute und Wolken stürzt das Wasser herunter und treibt stromerzeugende Turbinen an. Das Potenzial ist hier aber begrenzt, daher ruhen Hoffnungen auf neuen Ideen wie der Wind-zu-Gas-Technologie. Aber: Das Ganze braucht Zeit. Gibt es einen Durchbruch bei Speichern, dann dürfte die Ökowende weltweit Nachahmer finden. Aber ohne Speicher bleibt die Stromproduktion aus Wind und Sonne schlicht unkalkulierbar und sehr teuer.

Was spricht gegen ehrgeizige Ziele in den Bundesländern beim Ausbau der erneuerbaren Energien?

Wir stoßen an Grenzen. Nehmen Sie ein Land wie Schleswig-Holstein. Politisches Ziel dort ist es, bis 2020 Windräder an Land mit einer Leistung von 13 000 Megawatt (MW) installiert zu haben. In der Spitze werden in dem Land selbst aber nicht mehr als 2000 MW verbraucht. Der Strom muss also abtransportiert werden. Schleswig-Holstein kann seine Pläne nur umsetzen, wenn gewährleistet ist, dass der Strom auch abtransportiert werden kann. Das ist aber aus heutiger Sicht nicht sichergestellt. Die Erneuerbaren müssen daher in ein Gesamtkonzept integriert werden.

Wo sind die Grenzen des Ausbaus der erneuerbaren Energien?

Wir brauchen objektive energiepolitische Parameter, auf deren Basis wir den Ausbau steuern. Der Ausbau der erneuerbaren Energien muss an den Ausbau der Infrastruktur angepasst werden. Wenn wir in Zukunft immer häufiger Situationen erleben, in denen der Strom aus Wind oder Sonne nicht mehr in die Netze eingespeist werden kann, weil deren Kapazitäten nicht mehr ausreichen, sinkt die Akzeptanz für die Erneuerbaren in der Bevölkerung. Das müssen wir auf jeden Fall vermeiden. Wenn wir nicht mehr das gesamte System im Blick haben, nicht nur national, sondern auch europäisch, machen wir uns zu Totengräbern der Energiewende.

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Diese Erkenntnis dürfte auch den Ministerpräsidenten zu vermitteln sein…

Da habe ich manchmal meine Zweifel. Für mich ist beispielsweise völlig unverständlich, dass die thüringische Ministerpräsidentin Christine Lieberknecht die wichtige Stromtrasse durch den Thüringer Wald wieder in Frage stellt. Sie begründet das mit dem Hinweis, in Süddeutschland entstünden ja mittelfristig ausreichend Stromerzeugungskapazitäten, da sei es nicht mehr erforderlich, den Strom von Nord nach Süd zu transportieren. Dahinter steckt die Überlegung, es könne Energieautarkie in den einzelnen Bundesländern geben. Das ist ein Irrweg. Energiewirtschaftlich sinnvoll kann nur der Verbund der Länder sein, eingebunden in einen europäischen Strommarkt. 

Kommentare (4)

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22.05.2012, 07:31 Uhr

Wenn man das so ließt verstärkt sich der Eindruck das Dilettanten mit der Energieversorgung Deutschlands beauftragt wurden .
Erst werden Kapazitäten abgebaut , dann merkt man das es viel zu wenig Kapazität gibt .
Aber so ist das, wenn man grüne Soziologen oder Melkerinnen eine Sitz im Parlament gibt .

joe

22.05.2012, 09:36 Uhr

...und nicht zu vergessen die ganzen Lehrer und Juristen (die immer alles besser wissen wollen).

Mazi

22.05.2012, 10:01 Uhr

Wenn sich die Bundesregierung in Länderregierungen auflöst, brauchen wir sie dann noch? Brauchen wir dann noch einen Umweltminister?

Ist Altmaier schon ein Auslaufmodell bevor er im Amt ist?

Mal wieder eine gute Arbeit der Lobbyverbände. Wie hoch ist die Spende und an wen geht sie?

Langsam müssen wir eine Diskussion über die Effizienz führen. Ist es effzienter viele Wahlbürger Parteien wählen zu lassen oder es ist effizienter, die "richtigen" mit den "richtigen" Mitteln zu bearbeiten.

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