Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

08.07.2014

09:09 Uhr

Der Präzedenzfall

Deutscher Atommüll in die USA?

Hinter den Kulissen wird um eine Lösung für 152 Castor-Behälter mit Atommüll gerungen, die wegen fehlender Genehmigung raus müssen aus dem Zwischenlager. Wohin mit dem Atommüll? Werden sie per Schiff in den USA entsorgt?

Ein Schild warnt vor Strahlung im atomaren Zwischenlager in Morsleben. Wohin soll der deutsche Atommüll? dpa

Ein Schild warnt vor Strahlung im atomaren Zwischenlager in Morsleben. Wohin soll der deutsche Atommüll?

Berlin/WashingtonDie große Koalition hüllt sich noch in Schweigen, nun wird sie aber zu einer Entscheidung gezwungen. Seit Jahren wird um die Entsorgung von 288.161 tennisballgroßen Atomkugeln aus dem Forschungsreaktor Jülich bei Aachen gestritten. Am 2. Juli hat die nordrhein-westfälische Atomaufsicht verfügt, dass die Kugeln nicht mehr im Zwischenlager bleiben dürfen. Weil das Lager als nicht erdbebensicher gilt, müssen die in 152 Castor-Behältern lagernden Kugeln weg. Eine wahrscheinliche Option: die USA. Das wäre Neuland.

Nun wächst die Protestfront gegen die mögliche Atommüll-Fracht per Schiff aus Deutschland. Zuständig ist federführend im Bund das Bundesforschungsministerium, mit dem US-Energieministerium wurde im April eine Absichtserklärung zur Rücknahme der hochaktiven Brennelemente in die USA unterzeichnet - denn von hier stammen sie ursprünglich.

Neustart bei der Atommüll-Endlagersuche

Welche Aufgabe hat die 33-köpfige Endlager-Kommission?

Sie ist beim Bundestag angesiedelt und soll „gesellschaftspolitische sowie wissenschaftlich-technische Fragestellungen zur Endlagersuche erörtern“. Die Arbeit ist auf zwei Jahre angelegt, es können Vorschläge für eine Veränderung oder Erweiterung des schon 2013 beschlossenen Standortauswahlgesetzes gemacht werden. Die Vertreter aus Bundestag und Ländern haben in der Kommission kein Stimmrecht. Im Bundestag hat nur die Linke die Einsetzung nicht mitgetragen. Sie fordert einen Volksentscheid über die Grundlagen der neuen Suche.

Wer leitet das Gremium?

Die Sitzungen werden im Wechsel von Ursula Heinen-Esser (CDU) und Michael Müller (SPD) geleitet - beide waren parlamentarische Staatssekretäre im Umweltministerium. Damit enden aber auch schon die Gemeinsamkeiten. Müller, heute Vorsitzender der Naturfreunde Deutschlands, ist Gorleben-Gegner und fordert, den Salzstock, der seit 1977 als einzige Option im Fokus stand, zu beerdigen. Die Union pocht auf das Suchgesetz, wonach Gorleben im Rennen bleiben wird. Umweltschützer meinen, der Salzstock sei zu unsicher als Endlager.

Wer sitzt alles in der Kommission?

Vier Abgeordnete von CDU/CSU, zwei der SPD. Grüne und Linke haben je einen Sitz. Dazu acht Politiker aus den Ländern und acht Vertreter aus der Wissenschaft, darunter der Geschäftsführer des Öko-Instituts, Michael Sailer sowie der frühere Vattenfall-Manager Bruno Thomauske, der auch an Gutachten zur Eignung Gorlebens mitgearbeitet hat. Dazu acht Vertreter der Zivilgesellschaft: Edeltraud Glänzer und Erhard Ott (beide DGB), Ralf Meister (Evangelische Kirche), Georg Milbradt (Kommissariat der Deutschen Bischöfe), der Präsident des Atomforums, Ralf Güldner und der langjährige RWE-Manager Gerd Jäger; zwei Plätze für die Umweltverbände sind noch unbesetzt. Diese kritisieren, es sei kein echter Neustart, Gorleben bleibe im Rennen und solle womöglich durch eine „Pseudo-Suche“ nur rechtssicher durchgedrückt werden.

Wann beginnt die neue Suche?

Zunächst muss jetzt erörtert werden, ob Ton-, Salz- und Granitgestein infrage kommen sollen. Nicht vor 2016 wird mit der Prüfung geeigneter Regionen begonnen. Bis Ende 2023 wird der Kreis weiter eingeengt. Dann müssen Bundestag und Bundesrat entscheiden, welche Standorte unterirdisch erkundet werden sollen. Bis Ende 2031 soll der Lagerort für hoch radioaktiven Müll gefunden sein, doch die bisherige Erfahrung lehrt: Das zu schaffen, wäre ein Meisterstück. Die Suche wird über zwei Milliarden Euro kosten - dies sollen die Atomkonzerne zahlen.

Kommt ganz Deutschland für einen Standort infrage?

Sicher nicht. Aber Greenpeace hat geologische Untersuchungen seit 1974 geprüft und meint, dass die meisten Bundesländer theoretisch infrage kommen könnten. „Über kein untersuchungswürdiges Gestein verfügen demnach nur das Saarland, Rheinland-Pfalz und Berlin.“ Rund 80 Prozent aller möglichen Endlagerstandorte lägen in Niedersachsen. Nach einem Beschluss, wo der Atommüll für immer eingelagert werden soll, muss das Lager noch gebaut werden. Womöglich ist es erst ab 2040 oder 2050 fertig. Aber die Lagerungsgenehmigung für das oberirdische Zwischenlager Gorleben gilt nur bis Ende 2034 - dann müssten die 113 dort stehenden Atommüll-Behälter eigentlich in ein Endlager.

„Ein endgültiger Vertrag zur Rücknahme kann erst erfolgen, wenn an der Savannah River Site in South Carolina, wohin die Brennelemente transportiert werden sollen, die notwendigen Voraussetzungen für eine Annahme geschaffen worden sind“, betont das Forschungszentrum. Die Anlage wurde in den 50er Jahren aufgebaut, um Atomwaffen zu produzieren. Laut „Spiegel“ soll Deutschland bis zu 450 Millionen Euro für die Rücknahme bezahlen.

Der Versuchsreaktor in Jülich wurde von 1967 bis 1988 betrieben. Auf der Grundlage der Erkenntnisse wurde 1983 der Kugelhaufen-Reaktor Hamm-Uentrop gebaut – letztlich setzte sich diese Technik anders als Druck- und Siedewasserreaktoren nicht durch. Das Zwischenlager war nur bis zum 30. Juni 2013 genehmigt. Zunächst war eine Lagerung im Zwischenlager Ahaus geplant, bis sich die US-Option konkretisierte. „Das Forschungszentrum Jülich hat es bisher nicht geschafft, die notwendigen Nachweise zur Sicherheit des Zwischenlagers zu erbringen, damit eine Genehmigung erteilt werden könnte“, kritisiert der Sprecher des Bundesamtes für Strahlenschutz, Florian Emrich.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×