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15.07.2015

14:41 Uhr

Der Staat als Familie

Minderjährige Flüchtlinge sollen verteilt werden

Viele minderjährige Flüchtlinge kommen ohne Begleitung nach Deutschland. In München kümmert sich das Jugendamt jetzt sogar um einen erst acht Jahre alten Jungen aus Eritrea, der allein auf die Reise in die EU ging.

Wäsche von Flüchtlingen hängt vor dem Fenster einer Unterkunft auf dem Gelände der Zentralen Erstaufnahmestelle in Eisenhüttenstadt (Symbolbild). dpa

Minderjährige Flüchtlinge

Wäsche von Flüchtlingen hängt vor dem Fenster einer Unterkunft auf dem Gelände der Zentralen Erstaufnahmestelle in Eisenhüttenstadt (Symbolbild).

BerlinKinder und Jugendliche, die als Flüchtlinge alleine nach Deutschland kommen, sollen künftig im gesamten Bundesgebiet verteilt werden. Das sieht ein Gesetzentwurf aus dem Haus von Bundesfamilienministerin Manuela Schwesig (SPD) vor, den das Kabinett am Mittwoch beschlossen hat.

Es ist ein Gesetz, um das lange gerungen worden war. Nicht so sehr auf politischer Ebene, sondern eher unter Sozialarbeitern und Pädagogen, die in ihrer täglichen Arbeit mit den schweren Schicksalen dieser ständig anwachsenden Gruppe zu tun haben.

Denn auf der einen Seite will man diesen Kindern, die oft durch die Flucht und meist auch durch ihre Erlebnisse in der Heimat schweren seelischen Schaden genommen haben, nicht noch einen erzwungenen Ortswechsel zumuten. Auf der anderen Seite sind die Jugendämter in Städten wie München, Passau, München, Dortmund und Berlin, wo besonders viele Minderjährige ankommen, so überlastet, dass an eine vernünftige Versorgung der jungen Flüchtlinge dort kaum noch zu denken ist.

So kommen die Flüchtlinge nach Europa

Lampedusa

Lampedusa ist ein beliebtes Ziel für Flüchtlingsboote. Die italienische Mittelmeerinsel liegt nahe der nordafrikanischen Küste. Doch es gibt noch andere Routen über die Flüchtlinge nach Europa gelangen.

Quelle: Frontex Annual Risk Analysis 2013

Osteuropäische Route

Irreguläre Grenzübertritte 2014 (Januar-Juni): 407

Top 3-Herkunftsländer der Migranten:
Ukraine: 330
Afghanistan: 52
Vietnam: 47

Balkan-Route

Irreguläre Grenzübertritte 2014 (Januar-Juni): 5.634

Top 3-Herkunftsländer der Migranten:
Afghanistan: 1.693
Syrien: 1.139
Kosovo: 979

Östliche Mittelmeer-Route

Irreguläre Grenzübertritte 2014 (Januar-Juni): 12.962

Top 3-Herkunftsländer der Migranten:
Syrien: 8.241
Afghanistan: 2.488
Somalia: 760

Albanien-Griechenland Route

Irreguläre Grenzübertritte 2014 (Januar-Juni): 3.515

Top 3-Herkunftsländer der Migranten:
Albanien: 3.466
Mazedonien: 14
Georgien: 13

Apulien und Kalabrien

Irreguläre Grenzübertritte 2014 (Januar-Juni): 7.751

Top 3-Herkunftsländer der Migranten:
Syrien: 3.040
Nigeria: 684
Eritrea: 475

Zentrale Mittelmeer-Route

Irreguläre Grenzübertritte 2014 (Januar-Juni): 56.446

Top 3-Herkunftsländer der Migranten:
Eritrea: 17.829

Unbekannt: 9.494
Syrien: 8.588

Westliche Mittelmeer-Route

Irreguläre Grenzübertritte 2014 (Januar-Juni): 3.331

Top 3-Herkunftsländer der Migranten:
Mali: 783
Kamerun: 730
Guinea: 294

Westafrikanische Route

Irreguläre Grenzübertritte 2014 (Januar-Juni): 146

Top 3-Herkunftsländer der Migranten:
Marokko: 30
Mali: 24
Guinea: 16

„Im vergangenen Jahr hatten wir gut 2500 Neuankömmlinge, da sind wir schon an unsere Grenzen gestoßen. In diesem Jahr rechnen wir mit rund 10.000, das übersteigt einfach das Maß dessen, was eine Stadt wie München leisten kann“, sagt der Leiter der Geschäftsstelle der Diakonie Jugendhilfe, Andreas Dexheimer nach dem Beschluss in einem Pressegespräch mit Schwesig in Berlin. Seinen Angaben zufolge geht es nicht nur um Geld, sondern vor allem darum, überhaupt an einem Ort genügend Dolmetscher, Pädagogen, Ärzte und Vormünder zu finden.

„Dann ist der Staat die Familie“, sagt Schwesig. Sie will die Argumente einiger Verbände, die einen Verbleib der Kinder in den Großstädten fordern, nicht gelten lassen. Deshalb hat sie den Jugenddezernenten des Landkreises Vorpommern-Greifswald, Dirk Scheer, eingeladen. Er sagt, sein Landkreis sei bereit, junge Flüchtlinge aufzunehmen und zu betreuen. Er sagt: „Für unseren dünn besiedelten Landkreis ist das auch eine Chance.“ Denn trotz ihrer schwierigen Lebenslage seien die meisten unbegleiteten minderjährigen Flüchtlinge lernwillig und motiviert, eine Ausbildung zu machen.

Die Umverteilung von zentralen Erstaufnahmeeinrichtungen in andere Kommunen und Länder gab es bisher nur für erwachsene Asylbewerber. Sie erfolgt nach dem sogenannten Königssteiner Schlüssel. Dieser legt fest, welchen Anteil von Asylbewerbern jedes Bundesland aufnehmen muss. Für Minderjährige war diese Verteilung bisher verboten, weil man für sie möglichst rasch eine stabile Umgebung schaffen wollte.

Schwesig hat bei der Formulierung des Gesetzes versucht, einen Kompromiss zwischen den Interessen der Länder und Kommunen und den Bedürfnissen der Kinder zu finden. Das neue Gesetz sieht vor, dass innerhalb von zwei Wochen über den neuen Wohnort des jungen Flüchtlings entschieden werden soll. Sollte sich dieser Prozess länger als einen Monat hinziehen, dann bleibt der Betroffene an seinem ursprünglichen Ort.

Ende Mai wurden nach Angaben des Familienministeriums bundesweit 22 092 minderjährige Flüchtlinge betreut. Das waren 23 Prozent mehr als zu Jahresbeginn.

Von

dpa

Kommentare (4)

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Account gelöscht!

15.07.2015, 15:00 Uhr

Diese Willkommenskultur in der deutschen Flüchtlings- und Asylpoltiik stößt so langsam an seine Grenzen. Der Staat ist zusehends mit den Flüchtlingsstrom einer Willkommenspolitik in Deutschland überfordert. Es müssen ja jetzt schon die Bürger und die Gesellschaft an sich für die Betreuung und Bedürfnisse der Flüchtlinge/Asylbewerber her halten. Dies wird früher oder später zu Spannungen zwischen der Politik und den Helfenden bzw. Flüchtlingen führen. Die Helfer werden überlastet und der Staat wird an seine finanzellen Grenzen stoßen. Diese "Willkommenspolitik" der deutschen Bundesregierung werden die Helfer und Flüchtlinge auszubaden haben. In finanzeller und körperlicher-seelischer Hinsicht.

Herr Horst Meiller

15.07.2015, 15:47 Uhr

In einem Brandbrief an Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) warnte der GdP-Vize Radek kürzlich vor den Gefahren auch für die innere Sicherheit. "Niemand weiß bei diesen Verfahren, welche Personen tatsächlich nach Deutschland gekommen sind und zu welchem Zweck, ob es sich um Flüchtlinge oder "Rückkehrer" aus Bürgerkriegsregionen handelt", heißt es in dem Schreiben, das die dpa zitiert.

Herr Pedro Jimenez Duarte

15.07.2015, 16:33 Uhr

Im Spiege ist die Kommentarfunktion schon wieder deaktiviert. Da stimmt doch was nicht: ähnlich wie beim Thema TTIP wird hier hinter verschlossenen Türen gemauschelt und getrickst. Deutschland konnte doch schon die Mio. Türken, Frankreich die Algerier und GB die Pakistani nicht integrieren (oder andersrum). Unsere Städte sehen doch eh schon aus, wie die Herkunftsländer. Zumindest in einigen Vierteln in JEDER Großstadt Europas.

Aber eine demokratische Diskussion hierzu findet nicht statt. Einwanderung, findet durchs offene hintere Scheunentor statt. Wer glaubt denn, dass die diesmal, bei Leuten aus noch viel integrationsunwilligeren Kulturen, als es die Türken je waren, klappt?

Das wird noch böse enden. Ich will aber keine Rechten an der Macht. So wird es aber kommen, siehe ehemalige Horte der Toleranz, Dänemark, Holland, Schweden.

Was soll das? Ihr verschenkt leichtfertig unsere Länder.

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