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06.03.2017

14:55 Uhr

Derivategeschäft

Wie Hessen vom Brexit profitieren will

Nach dem Willen von Hessens Wirtschaftsminister Tarek Al-Wazir soll Frankfurt Teile des Euro-Derivateclearings anlocken. Er ist überzeugt davon, dass es Verlagerungen geben wird – auf mehrere kontinentale Standorte.

„Es ist naiv zu glauben, dass viele Staaten nach dem Brexit nur darauf warten, Handelsabkommen mit Großbritannien abzuschließen.“ dpa

Tarek Al-Wazir

„Es ist naiv zu glauben, dass viele Staaten nach dem Brexit nur darauf warten, Handelsabkommen mit Großbritannien abzuschließen.“

WiesbadenDer hessische Wirtschaftsminister Tarek Al-Wazir setzt wegen des Brexit auf eine Verlagerung von Derivategeschäften von London nach Frankfurt. „Derzeit wickeln viele Geldhäuser Geschäfte über London ab. Das wird sich nach dem Brexit vermutlich ändern“, sagte der Grünen-Politiker der Nachrichtenagentur Reuters in einem am Montag veröffentlichten Interview. Nach dem Austritt Großbritanniens aus der EU könne nicht weiter ein Großteil der Euro-Derivategeschäfte (Clearing) in London abgewickelt werden. „Europa braucht Zugriff, wenn irgendetwas schiefgeht. Und aus Sicht der EZB ist London nach dem Brexit ein Offshore-Gebiet.“

Al-Wazir ist deshalb überzeugt, dass es Verlagerungen geben wird – auf mehrere kontinentale Standorte. „Ich bin zuversichtlich, dass auch Frankfurt einen Teil des Londoner Euro-Clearinggeschäfts anlocken kann.“ Die Stadt habe beim Aufbau der EZB-Bankenaufsicht gezeigt, dass sie relativ schnell Rahmenbedingungen schaffen könne, „wenn sich Chancen auftun“.

An der Abwicklung von Derivategeschäften hängen aus Sicht von Finanzmanagern zehntausende Arbeitsplätze. Bisher gibt in dem Bereich in Europa LCH.Clearnet den Ton an, eine Tochter der London Stock Exchange (LSE). Da die geplante Fusion der LSE mit der Deutschen Börse aller Voraussicht nach platzt, gehen viele Experten nun davon aus, dass die Londoner einen Großteil dieser Geschäfte zu ihrer in Frankreich beheimateten Tochter Clearnet SA verschieben werden.

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Zur Börsenfusion hielt sich Al-Wazir, der dem Zusammenschluss nach der EU-Kommission ebenfalls zustimmen müsste, bedeckt. Für das Land sei es wichtig, dass Deutschlands größter Börsenbetreiber genügend Geld in neue Technologien stecke. „Und wir müssen sicherstellen, dass der Konzern diese Investitionen in Frankfurt auch in Zukunft tätigen wird.“

Die Hoffnungen des britischen Außenministers Boris Johnson und anderer Brexit-Befürworter, das Vereinigte Königreich werde vom Austritt aus der EU profitieren, hält Al-Wazir für unrealistisch. „Es ist naiv zu glauben, dass viele Staaten nach dem Brexit nur darauf warten, Handelsabkommen mit Großbritannien abzuschließen.“ Wer Unternehmen mit Steuersenkungen anlocken wolle, werde dafür von anderen Ländern nicht mit großzügigen Handelsvereinbarungen belohnt. „Das wird nicht passieren.“

Wie geht es weiter beim Brexit?

EU-Austrittsgesetz

Das britische Parlament muss dem EU-Austrittsgesuch zustimmen. Das hat das höchste britische Gericht so entschieden. Ein entsprechendes Brexit-Gesetz soll nach dem Wunsch der Regierung bis zum 7. März durch beide Kammern gebracht werden.

Austrittserklärung

Spätestens am 31. März will Premierministerin Theresa May den Europäischen Rat offiziell vom Austrittswunsch in Kenntnis setzen. Das ist Voraussetzung für Austrittsverhandlungen.

EU-Mandat

Sobald das Schreiben aus London eintrifft, zurrt die Rest-EU in drei Schritten ihre Verhandlungslinie fest: Ein Sondergipfel der 27 Staats- und Regierungschefs beschließt drei bis fünf Wochen später Leitlinien. Auf dieser Basis schlägt die EU-Kommission den Start der Verhandlungen und ein Mandat vor und lässt es vom Rat bestätigen.

Verhandlungen

EU-Chefunterhändler Michel Barnier und sein Team von gut 20 Experten geben sich 18 Monate für die eigentlichen Verhandlungen über den Austritt Großbritanniens und Übergangsregelungen, also etwa bis Oktober 2018.

Ratifizierung

Auf EU-Seite muss das Austrittsabkommen vom Europaparlament gebilligt und dann vom Rat angenommen werden – und zwar ohne Großbritannien. Premierministerin May will den Vertrag auch dem britische Parlament vorlegen.

Fristende

Das ganze Verfahren muss binnen zwei Jahren nach dem offiziellen Austrittsgesuch abgeschlossen sein, in dem Fall also wohl bis Ende März 2019.

Frankfurt wird aus Sicht von Al-Wazir vom Brexit profitieren, auch wenn nicht alles an den Main ziehen werde. „Wir freuen uns über zusätzliche Aktivität im Finanzbereich, die aber sicher nicht zu einer überdimensionierten Finanzbranche führen wird – die würden wir auch nicht wollen, die Beispiele Island und Irland haben gezeigt, wie gefährlich das sein kann.“

Al-Wazir spricht regelmäßig mit Konzernen, die in den Großraum Frankfurt ziehen wollen. Bei einem Besuch in Japan und Korea im November habe er festgestellt, dass der Brexit auch dort das dominierende Thema sei. „Einige asiatische Unternehmen, die sich in Europa ursprünglich in London ansiedeln wollten, entscheiden sich nun wegen der Unsicherheiten rund um den Brexit für Frankfurt – zum Beispiel die südkoreanische Woori-Bank.“ In anderen Branchen sehe das ähnlich aus. Der südkoreanische Elektronikriese LG verlegte seine Europa-Zentrale kürzlich von London nach Eschborn.

Von

rtr

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