Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

08.03.2017

10:40 Uhr

Deutsch-Türken

Sie wählen ihre Heimat, nicht Erdogan

VonOzan Demircan

Viele Deutsch-Türken haben mit der Politik Erdogans nicht viel am Hut. Dennoch unterstützen sie den türkischen Präsidenten und seine Partei AKP. Erdogan gibt ihnen ein Gefühl, das sie lange vermisst haben.

Für viele Deutsch-Türken ist die Unterstützung Erdogans Ausdruck ihrer Heimatverbundenheit. dpa

Demo von Erdogan-Anhängern in Köln (im Juli 2016)

Für viele Deutsch-Türken ist die Unterstützung Erdogans Ausdruck ihrer Heimatverbundenheit.

ZürichTausende Deutsch-Türken kommen in deutschen Arenen oder Stadthallen zusammen, wenn der türkische Staatschef Recep Tayyip Erdogan dort auftritt. Im Februar 2014 waren es 4000, im Mai 2014 sogar knapp 16.000. Und selbst wenn eher unbekannte Regierungsmitglieder wie der türkische Wirtschaftsminister Nihat Zeybekci in einem kleinen Hotelsaal in Köln das Wort an ihre Landsleute richten wollen, strömen die Anhänger der Regierungspartei AKP zu den Kundgebungen und schwenken türkische Flaggen.

In Deutschland ist eine Debatte darüber entstanden, ob der türkische Präsident und seine Minister überhaupt noch in Deutschland auftreten dürfen, um für eine umstrittene Verfassungsänderung im eigenen Land zu werben. Lange hatte sich kaum ein türkischer Politiker für die Mitbürger in der deutschen Diaspora interessiert. Unter Erdogan hat sich das aber geändert: Er umgarnt erfolgreich die Auslandstürken in Europa. Die Zustimmung zu seiner Politik ist unter den in Deutschland lebenden Türken höher als in der Heimat.

Gabriel trifft türkischen Außenminister: Klare Worte an die Türkei

Gabriel trifft türkischen Außenminister

Klare Worte an die Türkei

Bundesaußenminister Gabriel hat sich mit seinem türkischen Amtskollegen Cavusoglu getroffen. Das Treffen war ein Spagat zwischen deutlicher Kritik und der Hoffnung, dass sich die Beziehung zur Türkei bald wieder bessert.

Die Gründe dafür liegen in den Anfängen der türkischen Zuwanderung nach Deutschland. Ab dem Jahr 1961 kamen aufgrund des Anwerbeabkommens mit der Türkei rund 900.000 Menschen nach Deutschland, deren Arbeitskraft hier benötigt wurde. Viele von ihnen kamen aus dem hinteren Anatolien. Sie brachten ihre konservativen und religiös orientierten Weltbilder aus der Provinz mit nach Deutschland. Und während sich ihre alte Heimat modernisierte und alte Rollenbilder längst ablegte, lebten die alten Traditionen und Weltanschauungen in den Köpfen der Deutsch-Türken fort.

Heute leben gut drei Millionen Menschen mit türkischem Hintergrund in der Bundesrepublik. 1,4 Millionen von ihnen sind in ihrer alten Heimat wahlberechtigt. Weil die damaligen Bundesregierungen davon ausgingen, die Türken kämen nur zum Arbeiten und würden bald wieder zurückgehen, gab es nie ein Konzept, um diese große Gruppe Ausländer zu integrieren.

Die Folgen können in jeder sozialwissenschaftlichen Studie zu dem Thema nachgelesen werden: Türkischstämmige in Deutschland sind durchschnittlich schlechter gebildet, werden schlechter bezahlt und sind häufiger arbeitslos. Ihr Armutsrisiko ist größer als das von Deutschen ohne Migrationshintergrund, der durchschnittliche Nettolohn eines Haushalts von Deutsch-Türken ist rund ein Drittel niedriger. „Die Deutschen haben nur wenig Hoffnung in die Türken gesetzt“, erklärte Detlef Pollack, Professor für Religionssoziologie an der Universität Münster, in einem Interview mit der Wochenzeitung „Das Parlament“.

Türkisches Wahlverhalten in Deutschland

Türken in Deutschland für türkische Wahlen wichtig

Die Türken in Deutschland können bei knappen Wahlergebnissen in der Türkei theoretisch den Ausschlag geben. Deswegen werden sie vor Abstimmungen heiß umworben - wie auch jetzt wieder vor dem Referendum über die Einführung des Präsidialsystems in der Türkei, das am 16. April stattfinden soll.

Viele Wahlberechtigte in Deutschland

Nach Angaben der Wahlbehörde sind in der Türkei rund 55,3 Millionen Wahlberechtigte registriert. Hinzu kommen rund 2,9 Millionen Wahlberechtige im Ausland. Von den stimmberechtigten Auslandstürken lebt fast die Hälfte in Deutschland.

Türken in Deutschland wählen traditionell AKP

Bei den Türken in Deutschland können Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan und seine AKP traditionell auf sehr starke Unterstützung zählen. Das dürfte sich auch beim Referendum niederschlagen. Erdogan und die Partei werben für ein „Ja“ für das Präsidialsystem, das dem Staatschef einen deutlichen Machtzuwachs bescheren würde.

Erfolreiche Wahl für Erdogan in Deutschland

Bei der Präsidentenwahl im August 2014 konnte Erdogan in Deutschland 68,8 Prozent der Stimmen verbuchen - deutlich mehr als sein Gesamtergebnis, das bei 52,2 Prozent lag. Bei der Wahl stimmten die Türken in Deutschland in ihren diplomatischen Vertretungen ab. Im Konsulat in Essen erzielte Erdogan sogar 79,4 Prozent - deutschlandweit sein bestes Ergebnis.

Wahlablauf 2017

Türken im Ausland können ihre Stimme zwischen dem 27. März und dem 9. April in dem Land abgeben, in dem sie leben. Organisiert wird das über die diplomatischen Vertretungen der Türkei. Alternativ können Türken, die im Ausland leben, zwischen dem 27. März und 16. April an Grenzübergängen der Türkei wählen.

Noch schlimmer aber: Ihnen fehlten wegen der sozialen Abgrenzung die Vorbilder, um aufzusteigen, schreibt der Jurist und Kolumnist Mehmet Daimagüler in seinem 2011 erschienenen Buch „Kein schönes Land in dieser Zeit“. Sowohl was ihre neue als auch ihre alte Heimat anging, hätten viele Deutsch-Türken das Gefühl gehabt, dass niemand an ihrem Weiterkommen interessiert gewesen sei. Zwar geben laut einer Umfrage unter Türkeistämmigen in Deutschland 90 Prozent der Befragten an, mit ihrem Leben in der Bundesrepublik zufrieden zu sein. Trotzdem lautete Daimagülers trostloses Fazit: „Wir bleiben die Kanaken, egal, was wir tun.“

Erdogan erkannte diese Wunde und wusste, den Schmerz zu seinen Gunsten umzuleiten. In seiner Rede 2008 in der Kölner Lanxess-Arena warnte appellierte er an den Nationalstolz der Auslandstürken. „Assimilierung ist ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit“, klagte er vor etwa 16.000 Anhängern. Sie jubelten ihm zu.

Kommentare (71)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

Account gelöscht!

08.03.2017, 10:46 Uhr

Wenn diese Türken ihre Heimat und Erdogan so vermissen, dann sollen die doch zurück in die Türkei! Was suchen diesen demokratiefremden und kulturfremden Menschen dann noch bei uns?!
Die Werte des aufgeklärten und demokratischen Europa wird hier durch die Deutsche Bundesregierung unter der Führung von Merkel komplett auf den Kopf gestellt und an den Diktator Erdogan und seinen Anhängern in Deutschland und der Türkei verkauft.

Frau Lana Ebsel

08.03.2017, 10:52 Uhr

Da 60% der Türken in Deutschland SPD-Wähler sind, braucht es einen nicht zu wundern, dass sich Gabriel von seinem türkischen Kollegen in die Eier treten lässt und anschließend alleine vor der Presse berichtet, was für einen guten Dialog er gerade mit dem türkischen Außenminister führte. Wenn Türken selbst in der dritten Generation in Deutschland immer noch so tun, als lebten sie hier in einem türkischen Protektorat, dann brauchen sie kein Verständnis, sondern einen Therapeuten.

Rainer von Horn

08.03.2017, 10:54 Uhr

Das Einzige, was einen wirklich wundert, ist daß dieser ausgeprägte türkische Nationalsismus nicht auf das Schärfste von den sogenannten Migrationsbeauftragten und den Vertretern der ökologischen Fraktion kritisiert und bekämpft wird. Scheinbar ist dieser türkische Nationalismus - im Gegensatz zum deutschen Nationalismus- SALONFÄHIG.

Aber wenn ich es mir recht überlege, wundert es mich eigentlich doch nicht.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×