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10.03.2017

10:06 Uhr

Deutsch-türkische Bezieheungen

Özdemir ruft zur Besonnenheit auf

Der türkische Außenminister Mevlüt Cavusoglu wirft Deutschland erneut Nazi-Methoden vor, weil Auftritte türkischer Minister untersagt wurden. Grünen-Vorsitzender Cem Özdemir versucht die erhitzen Gemüter zu beruhigen.

Cem Özdemir (Grüne) hofft auf eine Niederlage des von Präsident Recep Tayyip Erdogan geforderten Präsidialsystems in der Türkei. Im April soll eine Volksbefragung über die Einrichtung entscheiden. dpa

Bundestag

Cem Özdemir (Grüne) hofft auf eine Niederlage des von Präsident Recep Tayyip Erdogan geforderten Präsidialsystems in der Türkei. Im April soll eine Volksbefragung über die Einrichtung entscheiden.

BerlinDer deutsche Grünen-Vorsitzende Cem Özdemir hat trotz eines erneuten Nazi-Vergleichs des türkischen Außenministers zu Besonnenheit aufgerufen. „Das hat schon was von einer Karnevalsveranstaltung, wenn das nicht alles so schlimm wäre für die Betroffenen, die im Gefängnis sitzen“, sagte der in Baden-Württemberg geborene Sohn türkischer Einwanderer am Freitag im Deutschlandfunk. „Aber ich glaube, wir müssen unseren Zorn noch etwas zügeln und warten bis zu dem Referendum in der Türkei.“

Das Ziel müsse jedoch sein, dass Präsident Recep Tayyip Erdogan die Volksbefragung über die Einrichtung eines Präsidialsystems im April verliere. Auch rund 1,4 Millionen Türken in Deutschland dürfen abstimmen. Özdemir rief sie dazu auf, gegen die Verfassungsänderung zu stimmen.

Die schwierigen deutsch-türkischen Beziehungen

Flüchtlingspakt

Ankara droht immer wieder damit, die Zusammenarbeit mit der EU in der Flüchtlingskrise aufzukündigen. Hintergrund ist unter anderem eine EU-Forderung, die Türkei müsse ihre Anti-Terror- Gesetze reformieren, damit diese nicht politisch missbraucht würden. Ohne diese Reform will die Europäische Union die Visumpflicht für Türken nicht aufheben – ohne Visumfreiheit aber fühlt sich Staatschef Recep Tayyip Erdogan nicht an das Flüchtlingsabkommen gebunden.

Militärputsch

Die Türkei ist verärgert darüber, dass sich nach dem gescheiterten Putschversuch im Juli 2016 zunächst keine hochrangigen Mitglieder der Bundesregierung zum Solidaritätsbesuch haben blicken lassen. Im November reiste dann Außenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) nach Ankara. Er kritisierte aber auch Maßnahmen in dem Ausnahmezustand, unter anderem die Einschränkung der Pressefreiheit.

Auslieferung

Ankara fordert die Auslieferung mutmaßlicher Anhänger des Predigers Fethullah Gülen in Deutschland, gegen die in der Türkei ermittelt wird. Die türkische Regierung macht Gülen für den Putschversuch verantwortlich.

Verhaftungen

Elf Parlamentarier der pro-kurdischen Oppositionspartei HDP sitzen in Untersuchungshaft, darunter deren Chefs Selahattin Demirtas und Figen Yüksekdag. Erdogan hält sie für den verlängerten Arm der verbotenen kurdischen Arbeiterpartei PKK. Die Bundesregierung sieht mit dem Vorgehen gegen die Parlamentarier „alle internationalen Befürchtungen“ bestätigt. Apropos PKK: Ankara fordert ein härteres Vorgehen gegen PKK-Anhänger in der Bundesrepublik und wirft Deutschland sogar vor, deren Anhänger zu schützen. In Deutschland ist die PKK ebenfalls verboten und gilt als Terrororganisation.

Pressefreiheit

Auf der Rangliste der Pressefreiheit von Reporter ohne Grenzen lag die Türkei schon vor dem Putschversuch und dem anschließend verhängten Ausnahmezustand auf Platz 151 von 180 Staaten. Seitdem sind Dutzende weitere Medien geschlossen worden. Zahlreiche regierungskritische Journalisten sitzen in Haft, darunter zehn Mitarbeiter der „Cumhuriyet“.

Asylanträge

Erst vor wenigen Tagen haben etwa 40 in Nato-Einrichtungen stationierte türkische Soldaten – größtenteils ranghohe Militärs – in Deutschland Asyl beantragt. Die Türkei hat Deutschland aufgefordert, die Asylanträge abzulehnen, ansonsten würde das „sehr ernste Folgen mit sich bringen“. Nach türkischen Angaben werden die Soldaten beschuldigt, Teil einer Organisation zu sein, die für den Putschversuch verantwortlich sein soll.

Präsidialsystem

Das Parlament in Ankara stimmte einer Verfassungsänderung für ein Präsidialsystem zu, das Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan mehr Macht verleihen und das Parlament schwächen würde. Die Reform muss in einer Volksabstimmung Ende März oder Anfang April noch eine einfache Mehrheit bekommen. Mit der Reform würde auch der Einfluss des Präsidenten auf die Justiz zunehmen. Nach Ansicht des Deutschen Anwaltvereins (DAV) gibt es schon jetzt faktisch keine unabhängige Justiz mehr in der Türkei.

Armenier-Resolution

Im Juni 2016 beschloss der Bundestag eine Resolution, die die Gräuel an den Armeniern im Osmanischen Reich vor 100 Jahren als Völkermord einstuft. Die Türkei reagierte erbost und unter anderem mit einem Besuchsverbot für deutsche Parlamentarier für die Militärbasis Incirlik, wo Bundeswehrsoldaten stationiert sind. Kanzlerin Angela Merkel erklärte im September, die Resolution sei für ihre Regierung rechtlich nicht bindend – das war aus Sicht Ankaras die geforderte Distanzierung von dem Beschluss und aus Sicht von Bundestagsabgeordneten ein Einknicken Merkels vor Erdogan. Das Besuchsverbot wurde aufgehoben, vergessen ist die Resolution nicht.

DITIB-Affäre

Die Türkisch-Islamische Anstalt für Religion (Ditib) soll Gülen-Anhänger in Deutschland bespitzelt haben. Die Ditib hat inzwischen eingeräumt, dass Imame des Verbands Informationen über Gülen-Anhänger nach Ankara geschickt haben. Die Spitzelaffäre hat in Deutschland Empörung ausgelöst.

Der türkische Außenminister Mevlüt Cavusoglu hatte im Streit über Wahlkampfauftritte türkischer Politiker das heutige Deutschland wiederholt mit der Nazi-Zeit verglichen. Erdogans Partei sei nervös und brauche für ihren Wahlkampf einen Gegner im Ausland. „Diese Äußerung muss man auch in diesem Kontext verstehen“, sagte Özdemir.

Von

dpa

Kommentare (1)

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Herr Alessandro Grande

10.03.2017, 11:03 Uhr

Beitrag von der Redaktion gelöscht. Bitte bleiben Sie sachlich. http://www.handelsblatt.com/netiquette

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