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11.05.2013

17:54 Uhr

Deutsche-Bank-Co-Chef Fitschen

„Die billige Liquidität der EZB ist nicht gesund“

Jürgen Fitschen, Co-Chef der Deutschen Bank, hat sich gegen die Niedrigzinspolitik der EZB gestellt. Er fordert eine Rückkehr zur Normalität – mit höheren Zinsen. Aber man solle nicht den nächsten Kollaps provozieren.

Bankchef Fitschen: „Wir sollten möglichst schnell dahin kommen, dass die Realzinsen wieder positiv werden.“ picture-alliance / dpa

Bankchef Fitschen: „Wir sollten möglichst schnell dahin kommen, dass die Realzinsen wieder positiv werden.“

BerlinDeutsche Bank-Co-Chef Jürgen Fitschen hat den geldpolitischen Kurs der Europäischen Zentralbank kritisiert. „Die billige Liquidität von der Zentralbank ist nicht gesund“, sagte Fitschen der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“ in einem Interview. „Wir sollten möglichst schnell dahin kommen, dass die Realzinsen – also Nominalzinsen abzüglich Inflationsrate – wieder positiv werden.“

Fitschen betonte jedoch, die jetzige Situation „währt nicht ewig – das ist erklärtes Ziel der EZB, sie will zur Normalität zurück.“ Es sei sehr wichtig, den richtigen Weg für ein Umsteuern zu finden, um nicht sofort den nächsten Kollaps zu provozieren. Dieser Grat sei für die Notenbanker sehr schmal. „Alle aber sind sich einig: Die Zinsen können dauerhaft nicht so bleiben, weil sonst die nächsten Verwerfungen die Folge sind“, erklärte Fitschen.

Stimmen zum Zinsentscheid der EZB

Marcel Fratzscher (Präsident des DIW-Instituts):

„Man sollte sich nicht an die Hoffnung klammern, dass die EZB-Entscheidung die Finanzierungsbedingungen in den Krisenländern deutlich verbessern wird. Die Entscheidung ist lediglich ein Signal an die Märkte, dass die EZB bereit und auch in der Lage ist, weiterhin zu agieren, um Finanzstabilität zu sichern. Die Krise ist noch immer vor allem eine Vertrauenskrise. Die EZB kann dieses Vertrauen nur begrenzt beeinflussen. Die EZB kann nicht die Strukturprobleme der Krisenländer lösen, sondern den Regierungen nur etwas Zeit erkaufen, notwendige Reformen umzusetzen. Aber diese Entscheidung wird den Ländern nur minimal mehr Spielraum geben. Die Entscheidung sendet auch ein negatives Signal. Sie zeigt, dass die EZB sich Sorgen um die Erholung der europäischen Wirtschaft macht, und nun eine noch stärkere Abschwächung erwartet. Die EZB hat mit der Entscheidung ihren Spielraum der Zinspolitik noch weiter reduziert und fast erschöpft.“

Jörg Warncke (Leiter G7-Rentenmärkte bei Union Investment):

„Ich sehe durch die Zinssenkung nicht die Gefahr einer Preisblase in Deutschland aufziehen. Ich glaube nicht, dass die deutschen Sparer nun ihre traditionelle Vorsicht über Bord werfen und auf einen kreditfinanzierten Konsum umsteigen. Die niedrigen Zinsen werden den Immobilienmarkt sicher weiter beflügeln. Aber eine bedrohliche Entwicklung sehe ich auch hier noch nicht. Deutschland hat einen Nachholbedarf an eigengenutzten Immobilien.

Ich mache mir mehr Sorgen über eine deflationäre Entwicklung. Die Euro-Zone steckt in der Rezession, die Arbeitslosigkeit steigt.

Wichtig ist deshalb, dass die EZB die Fragmentierung der Kreditvergabe in Angriff nimmt. Es kann nicht sein, dass ein Unternehmen in Südtirol deutlich schlechtere Konditionen bekommt als eines im benachbarten Tirol. Dagegen kann sie etwas tun - etwa, indem sie die Kreditvergabe an mittelständische Unternehmen lockert oder die Europäische Investitionsbank EIB mit mehr Liquidität versorgt.“

Michael Kemmer (Hauptgeschäftsführer des Bankenverbands):

„Die heutige Zinssenkung ist eine Reaktion auf die anhaltend trüben Konjunkturperspektiven im Euro-Raum sowie den nachlassenden Preisauftrieb. Angesichts der hohen Arbeitslosigkeit und der Rezession, in der der Euro-Raum insgesamt feststeckt, wird die Inflationsrate im Jahresverlauf unter der mittelfristigen Zielmarke der EZB von knapp zwei Prozent bleiben. Mit Blick auf das ohnehin schon extrem niedrige Zinsniveaus wird der heutige Zinsschritt - wenn überhaupt - nur äußerst geringe Auswirkungen auf die wirtschaftliche Entwicklung und die Kreditvergabe der Banken haben. Die hohen Kreditzinsen für kleine und mittlere Unternehmen in einigen Euro-Staaten können jedenfalls nicht mit der heutigen Zinssenkung behoben werden.

Es war richtig, dass die EZB ihren Einlagezins unverändert bei null gelassen hat. Negative Zinsen wären keine gute Maßnahme, um Erwartungen zu stabilisieren und die Investitionsneigung zu erhöhen.“

Martin Wansleben (DIHK-Hauptgeschäftsführer):

„Der Zinsschritt nach unten ist ein Tribut der EZB an die Rezession in weiten Teilen der Eurozone. Ob er hilft, ist allerdings sehr fraglich. Denn die Banken hatten bereits zuvor genügend Liquiditätsspielraum für die Unternehmensfinanzierung, nutzten ihn aber nicht. So lange sich die Geschäftsaussichten in der Eurozone nicht aufhellen, überwiegen die Kreditrisiken. Daran ändert auch ein Leitzins von nur noch einem halben Prozent nichts. Was Europa braucht ist Ausdauer und ein starker Reformwille. Nur so gelingt die Rückkehr zu Wachstum und Beschäftigung.“

Michael Meister (Vizechef der Unionsfraktion im Bundestag):

„Die jetzige Zinsentscheidung ist für Deutschland allein betrachtet zwar nicht unbedingt optimal, es gibt aber auch keinen Grund, sie zu dramatisieren: Die EZB muss in ihren geldpolitischen Entscheidungen den gesamten Euro-Raum im Blick haben und nicht nur ein einziges Teilgebiet.

Für mich ist klar die Fiskalpolitik in den Euro-Staaten gefordert. Je schneller die Krisenstaaten durch die Umsetzung der Reformzusagen aus der Krise herauskommen und je besser die Koordination der Fiskalpolitik im Euro-Raum funktioniert, desto weniger wird es künftig solche Spannungen im Zuge der EZB-Geldpolitik geben.“

Sahra Wagenknecht (Vizechefin der Fraktion der Linken im Bundestag):

„Die Zinssenkung wird die Unternehmen nicht erreichen. Die privaten Großbanken finanzieren eher Hedge-Fonds als den Kauf einer Maschine durch den Mittelstand. Selbst in Deutschland sind kleine Unternehmen gezwungen, Investitionen über teure Dispokredite mit mehr als zwölf Prozent Zinsen zu finanzieren. In Südeuropa ist die Kreditklemme offensichtlich. Die Sparbomben verschärfen die Staatsverschuldung, den Investitionsstreik und die Refinanzierungsbedingungen von Staaten und Unternehmen.

Wir müssen die Kreditvergabe an die Realwirtschaft ankurbeln, statt besinnungslos Liquidität in die Finanzmärkte zu pumpen. Die EZB übernimmt lediglich die riskanten Papiere der Banken und Vermögenden und befreit die Finanzhaie von jeder Haftung bei Schuldenschnitten.“

Jörg Zeuner (KfW-Chefökonom):

„Ich begrüße die Zinssenkung. Sie ist ein positives Signal und dürfte die Stimmung heben. Die EZB denkt europäisch: In 13 von 17 Ländern steigt die Arbeitslosigkeit und in 12 von 17 Ländern entzieht die Sparpolitik der Wirtschaft in diesem Jahr Nachfrage und die Kredite an den Privatsektor schrumpfen seit acht Monaten in Folge. Die Inflation ist zuletzt auf 1,2 Prozent gefallen, und die Inflationserwartungen für die nächsten fünf Jahre sind fest bei 2,1 Prozent verankert. Die EZB nutzt ihren Handlungsspielraum also verantwortungsvoll.“

Maxence Mormède (Leiter Rentenmanagement Deutschland bei Allianz Global Investors):

„Die Nachfrage nach Anleihen von Peripherieländern könnte im kurzen Laufzeitbereich steigen. Auch für andere Anlageklasse mit Risikoprämien sind niedrige Zinsen eine Unterstützung, weil sie attraktiver werden. Wir erwarten unter dem Strich aber keine großen Auswirkungen auf die Preise der verschiedenen Anlagekategorien. In den Anlagestrategien sind die niedrigen Zinsen schon reflektiert.

Relevanter ist jetzt, wie sich die neue Regierung in Italien verhält oder was Länder wie Frankreich machen, um ihre Wettbewerbsfähigkeit zu erhöhen. Die EZB hat ihre Hausaufgaben erledigt. Jetzt haben die Krisenländer die einmalige Chance, sich zu reformieren. Das ist jetzt viel einfacher umzusetzen als in Phasen mit hohen Zinsen.“

Die EZB hatte Anfang Mai die Zinsen in der Euro-Zone auf das Rekordtief von 0,5 Prozent gesenkt, um dem Währungsgebiet aus der Rezession zu verhelfen.

Nach Fitschens Worten sind die Einlagen der Sparer in Deutschland – anders als beim Euro-Rettungspaket in Zypern – sicher. „Bei uns gibt es über die gesetzliche 100.000-Euro-Grenze hinaus freiwillige Sicherungssysteme der Banken, die den Sparer schützen“, sagte Fitschen, der als BdB-Präsident oberster Lobbyist der Privatbanken in Deutschland ist. Der Steuerzahler dürfe nicht für die Rettung einer Bank geradestehen müssen. „Welche Gläubiger in welcher Form in Haftung genommen werden, wird derzeit intensiv diskutiert.“

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Die EZB hat den Schlüsselzins auf Rekordtief gesenkt. Damit kommen Banken so günstig an Geld wie nie. Allerdings könnten ihnen künftig Strafen drohen, wenn sie das Geld nicht weitergeben. Die Märkte reagieren verstimmt.

Banken buhlen um Mittelstandskunden

Im Mittelstands-Geschäft der Banken erwartet Fitschen harte Konkurrenz. „Richtig ist, dass viele Banken zum gleichen Zeitpunkt den deutschen Mittelstand zu entdecken scheinen und damit die Gefahr eines exzessiven Wettbewerbs entsteht.“ Die Banken dürften nicht vergessen, „dass jeder Kredit mit einem Risiko verbunden ist, und dass dieses Risiko in die Preise, also die Zinsen, mit eingerechnet werden muss“.

Fitschen geht von einem anhaltenden Jobabbau im Bankensektor aus. „Es wird nicht zu vermeiden sein, dass in einigen Bereichen weniger Personal benötigt wird.“ Ein Filialsterben hingegen sieht Fitschen nicht, der zusammen mit Anshu Jain die Deutsche Bank führt.

Die Zinsschritte der EZB in der Krise

8. Oktober 2008:

Die EZB kappt erstmals seit Juni 2003 den Leitzins für den Euro-Raum und verringert ihn um 0,5 Prozentpunkte auf 3,75 Prozent – Grund sind die Folgen der Finanzmarktkrise und Rezessionsängste.

6. November 2008:

Der Leitzins im Euro-Raum wird zum zweiten Mal in Folge drastisch gesenkt, auf 3,25 Prozent.

4. Dezember 2008:

Es folgt die bisher größte Zinssenkung in der Geschichte der EZB: Der Leitzins fällt um weitere 0,75 Punkte auf 2,50 Prozent.

15. Januar 2009:

Es geht weiter bergab: Der Leitzins sinkt auf 2,0 Prozent. Damit reagiert die EZB auf die sich weiter verschärfende Krise.

5. März 2009:

Der Leitzins sinkt auf 1,5 Prozent, Anfang April dann auf 1,25 Prozent.

7. Mai 2009:

Der niedrigste Stand seit dem Zweiten Weltkrieg ist erreicht: Der Zinssatz fällt auf 1,0 Prozent. Seit Herbst 2008 ist der Zinssatz damit um 3,25 Punkte gesunken.

7. April 2011:

Wegen der wachsenden Inflationsgefahr heben Europas Währungshüter den Leitzins um 0,25 Punkte auf 1,25 Prozent und im Juli auf 1,5 Prozent an.

3. November 2011:

Gleich bei der ersten Sitzung unter Vorsitz des neuen EZB-Präsidenten Mario Draghi wird der Leitzins überraschend wieder auf 1,25 Prozent gesenkt. Anfang Dezember fällt er wieder auf 1,0 Prozent.

5. Juli 2012:

Erstmals seit Einführung des Euro sinkt der Satz unter ein Prozent - auf 0,75 Prozent.

Von

rtr

Kommentare (30)

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Account gelöscht!

11.05.2013, 18:01 Uhr

Der nächste Kollaps muss nicht provoziert werden...der ist bereits voll im Gange.

RumpelstilzchenA

11.05.2013, 18:19 Uhr

Die EZB ist ein Krebsgeschwür! Und Draghi nicht gerade vertrauenswürdig. Rechte Tasche, linke Tasche!

Account gelöscht!

11.05.2013, 18:20 Uhr

Was Herr Jürgen Fitschen sagt, ist voellig einleuchtend und nachvollziehbar, wohl fuer jeden finanziell verantwortungsvoll handelten deutschen Buerger - und davon gibt es zum Glueck (trotzdem noch - und bisher noch) viele. Nicht nachvollziehbar ist fuer mich die scheinbar kritiklose Euro-Politik unserer Regierung.

Bei dieser Aussage von Herrn Fitschen habe ich jedoch Zweifel:

"währt nicht ewig – das ist erklärtes Ziel der EZB, sie will zur Normalität zurück"

Was fehlt ist den Begriff "ewig" klarer zu definieren...unser aller Dasein ist leider endlich ;-)

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