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07.11.2016

17:06 Uhr

Deutsche Gefängnisse

Großer Bedarf an muslimischen Seelsorgern

Vondpa

In einigen westdeutschen Haftanstalten ist jeder vierte Häftling muslimischen Glaubens. Doch das Angebot an islamischer Seelsorge im Strafvollzug ist bundesweit noch gering. Das soll sich ändern.

Hinter den dicken Gefängnismauern mangelt es an muslimischen Seelsorgern. Politik und Islam-Verbände wollen das nun ändern. dpa

JVA Leipzig

Hinter den dicken Gefängnismauern mangelt es an muslimischen Seelsorgern. Politik und Islam-Verbände wollen das nun ändern.

BerlinDie Bundesregierung und die Islam-Verbände sehen einen wachsenden Bedarf an islamischer Seelsorge in deutschen Gefängnissen, Krankenhäusern und bei der Bundeswehr. Das Problem ist nur: Bislang gibt es bundesweit noch nicht genug Theologen mit anerkannten Abschlüssen, die diese Aufgaben übernehmen könnten. 
Der Parlamentarische Staatssekretär im Bundesinnenministerium, Günter Krings (CDU), warnte am Montag in Berlin bei einer Tagung der Deutschen Islamkonferenz (DIK) davor, Seelsorger mit zweifelhaftem Hintergrund zu beschäftigen: „Allzu improvisierte Lösungen laufen Gefahr, auf Dauer das Gegenteil zu bewirken.“ Kai Abraham von der Berliner Senatsverwaltung für Justiz sagte: „Wir mögen Abschlüsse, Abschlüsse beruhigen uns.“

Die seelsorgerische Betreuung muslimischer Häftlinge sei nicht alleine ein Instrument der Radikalisierungsprävention, erklärte Krings. Dies könne aber ein „erwünschter Begleiteffekt“ sein. Und zwar vor allem da, wo die Gefahr bestehe, dass radikale Gefangene Mithäftlinge beeinflussen. Die Seelsorge dürfe nicht „als Instrument der Gewaltprävention verstanden werden“, betonte Erol Pürlü, Dialogbeauftrager des Verbandes der Islamischen Kulturzentren (VIKZ).
An der DIK-Tagung nahmen auch Mitarbeiter des hessischen Justizministeriums teil, das im vergangenen April ein „Netzwerk Deradikalisierung im Strafvollzug“ eingerichtet hatte. „Wir setzen in allen Haftanstalten Imame ein, denen wir Stundenhonorare zahlen“, sagte der Leiter der Stabsstelle, Uwe Röhrig. In anderen Bundesländern werden auch Ehrenamtliche eingesetzt, die zum Teil eine Aufwandsentschädigung erhalten.

Die wichtigsten Islam-Verbände Deutschlands

Konfliktpotential

Die islamischen Verbände in Deutschland wirkten einig wie nie zuvor. Nach den tödlichen Anschlägen auf das Satiremagazin „Charlie Hebdo“ standen sie zusammen auf gegen Terror, Extremismus und Gewalt, zeigten Flagge für Meinungsfreiheit. Doch bei genauem Hinsehen wird klar: Es brodelt, knirscht, gibt Rivalitäten, Misstrauen, Streit. Das Ringen um gemeinsame Positionen bei den völlig unterschiedlichen Organisationen ist zäh. Bei weitem nicht alle der gut vier Millionen hier lebenden Muslimen sind in religiösen Gemeinden oder Vereinen organisiert. Eine Liste der Wichtigsten.

Quelle: dpa

Zentralrat der Muslime

Der ZDM ist am bekanntesten, weil sein Vorsitzender Aiman Mazyek bestens vernetzt und stark präsent ist. Er nimmt Stellung zu aktuellen Fragen, setzt sich ein für einen christlich-islamischen Dialog. Mazyek ist öffentliches Gesicht der Muslime geworden, was die anderen Verbände stört. Zumal der ZMD zu den kleineren gehört - mit 24 muslimischen Organisationen, 300 Moscheegemeinden und 15.000 bis 20.000 Mitgliedern. Im März sind weitere hinzugekommen. Der Verband vertritt - als einer der wenigen - Muslime aus vielen Ländern. Bei der Mahnwache in Berlin für die Terroropfer von Paris war Mazyek im Januar neben Bundespolitikern vertreten. Andere Islam-Organisationen werfen ihm Alleingänge, Profilierung vor, auch schon zuvor wegen seiner Rolle bei einer Antisemitismus-Demonstration. Dagegen wehrt er sich jetzt.

Ditib

Die einflussreiche Türkisch Islamische Union ist mit Abstand die größte muslimische Organisation, wächst weiter und vertritt gut 900 Gemeinden. Sie untersteht der türkischen Religionsbehörde Diyanet, wird vom türkischen Staat mitfinanziert. In Köln baut die Ditib den bundesweit größten Moscheekomplex. Sie gilt als sehr konservativ. Der Dachverband richtet sich inhaltlich strikt an den Vorgaben aus Ankara aus, ihr Vorstandsvorsitzender wechselt häufig. Die Ditib wirft Mazyek „Vertrauensbruch“ vor - erst hinter den Kulissen, dann öffentlich. Der Dialogbeauftragte und Geschäftsführer, Bekir Alboga, ist zentral bei der Ditib.

Koordinationsrat der Muslime

Neben ZMD und Ditib haben sich 2007 auch Islamrat und VIKZ im KRM zusammengeschlossen. Die Verbände wollten sich so besser Gehör verschaffen, gegenüber der Politik mit möglichst einer Stimme sprechen. Der KRM sagt, er vertrete 85 Prozent der Moscheegemeinden. Experten gehen von weniger aus, Islamwissenschaftler Ralph Ghadban sogar von nur maximal 15 Prozent. Trotz des aktuellen Streits beteuern die Spitzen von ZMD und Ditib bisher, der KRM solle seine Arbeit fortsetzen.

Islamische Kulturzentren (VIKZ)

Mit 300 Moschee- und Bildungsvereinen gilt der Verband als unpolitisch, tief religiös. Er bildet Imame aus. Öffentliche Äußerungen sind selten. Das Karlsruher Kopftuchurteil - ein pauschales Kopftuchverbot für Lehrerinnen ist demnach verfassungswidrig - begrüßte der VIKZ als richtungsweisend.

Islamrat

Bekennt sich laut Selbstdarstellung uneingeschränkt zu Grundgesetz und Prinzipien der freiheitlich demokratischen Grundordnung. Umstritten ist sein größtes Mitglied, Milli Görüs. Der Verfassungsschutz führt MG als islamistische Organisation, diese Einschätzung wird aber nach Reformen bei Milli Görüs diskutiert. Auch der Islamrat ist in der Öffentlichkeit praktisch nicht präsent.

Liberal-Islamischer Bund

Der kleine LIB grenzt sich bewusst von den konservativ-traditionellen Verbänden ab. Der Islam wird zeitgemäß ausgelegt. Die Vorsitzende Lamya Kaddor ist gefragte Interview-Partnerin. Zum LIB gehört die Muslimische Gemeinde Rheinland, die allen Klischees widerspricht. Dort beten Männer und Frauen zusammen, der Vorbeter (Imam) ist weiblich.

An der Universität Osnabrück gibt es einen neuen Studiengang für Sozialarbeiter im muslimischen Umfeld. Abdelmalek Hibaoui vom Zentrum für Islamische Theologie an der Universität Tübingen sagte, im Justizvollzug gebe es großes Interesse an qualifizierten muslimischen Seelsorgern. Die Studiengänge für islamische Theologie seien in Deutschland aber noch sehr jung. Er sagte: „Wir fühlen uns auch ein bisschen überfordert.“
Für die mehr als 1500 Muslime bei der Bundeswehr gibt es bislang keine eigenen Seelsorger. Sie können sich mit ihren Fragen aber an eine Stelle für Angehörige anderer nicht-christlicher Religionsgemeinschaften beim Zentrum Innere Führung in Koblenz wenden. Wenn Muslime oder ihre Vorgesetzten dort anrufen, geht es nach Auskunft von Oberfeldwebel Hülya Süzen häufig darum, wo es am neuen Standort eine „soldatenfreundliche Moschee“ gebe und wie man im Dienst die Fastenregeln einhalten könne.

Der Militärische Abschirmdienst (MAD) hat mindestens 20 Islamisten in der Bundeswehr enttarnt. Darüber hinaus würden 60 Verdachtsfälle verfolgt, hatten die Zeitungen der Funke Mediengruppe am vergangenen Samstag berichtet. In „islamistischen Kreisen“ werde der Dienst in der Bundeswehr befürwortet, um den Umgang mit Waffen zu lernen. Es bestehe die Besorgnis, „dass gewaltbereite Extremisten der Propaganda Folge leisten“.

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