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09.01.2003

09:01 Uhr

"Deutschland kann den Rückstand in der Forschung noch aufholen“

Nachgefragt: Oliver Brüstle

Regina Krieger sprch mit Professor Oliver Brüstle, Inhaber des Lehrstuhls für rekonstruktive Neorobiologie an der Universität Bonn.

Handelsblatt: Die Nachricht über die Geburt von angeblich geklonten Kindern beunruhigt. Was halten Sie davon?

Professor Brüstle: Es geht um Sensationshascherei. Ich glaube nicht, dass Clonaid das Know-how hat, entsprechende Studien durchzuführen. So viel zur technischen Machbarkeit. Ich persönlich halte den Versuch, Menschen klonen zu wollen, für frevelhaft. Solche Versuche sollten mit Strafen belegt werden. Die medizinischen Risiken sind sehr hoch. Zum Glück ist so etwas in Deutschland nicht durchführbar. Es fehlt aber ein internationales Verbot für reproduktives Klonen.

Hat die hitzige Debatte über geklonte Babys Auswirkungen auf Ihre Forschungsarbeit?

Solche Ankündigungen schädigen die seriöse Forschung, die Schnittpunkte mit der Reproduktionsmedizin hat. Umgekehrt werden Wissenschaftler, die solche Ankündigungen machen, von der akademischen Szene zunehmend ausgeschlossen.

Nach mehr als zwei Jahren Wartezeit haben Sie vor kurzem die Genehmigung zur Einfuhr von embryonalen Stammzellen erhalten. Hat die Forschung nun begonnen?

Ja. Wir haben erste Stammzellen aus Israel erhalten. Es gibt nicht einen einmaligen Transport, sondern wir sind eine langjährige Zusammenarbeit mit dem Technion Institut in Haifa eingegangen.

Wie viel Kulturen haben Sie bekommen?

Wir haben zunächst vier Zell-Linien erhalten.

Was machen Sie damit?

Erst einmal vermehren wir diese Zellen, um Ausgangsmaterial für die folgenden Studien zu haben. Dann werden Verfahren angewandt, die wir mit Mauszellen erprobt haben, mit dem Ziel, Vorläuferzellen des Gehirns und des Rückenmarks zu züchten. Wir werden auch Methoden etablieren, diese Zellen genetisch zu verändern, um therapeutisch wirksame Gene einzuschleusen. In einer späteren Phase werden wir die Zellen dann in Ratten und Mäuse transplantieren, um zu prüfen, ob diese Zellen im Gehirn funktionieren und neurologische Defekte beheben können. Eines unserer wichtigsten Ziele wird sein, die Befunde der bisherigen Studien auf menschliche Zellen zu übertragen. Wir wollen überprüfen, ob die Verfahren, die so gut an den Mauszellen funktionieren, dass sie bereits therapeutisch eingesetzt werden, auf menschliche Zellen anwendbar sind.

In welchem Zeitrahmen bewegt sich Ihre Forschung?

Vor der Anwendung etwa als Therapie bei Morbus Parkinson oder Multipler Sklerose steht noch sehr, sehr viel Grundlagenarbeit. Bevor an erste klinische Studien überhaupt gedacht werden kann, vergehen sicher fünf bis zehn Jahre. In dieser Zeit werden sich auch neue Befunde aus der Forschung an adulten Stammzellen ergeben. Ich bin aber der Überzeugung, dass die embryonalen Stammzellen tatsächlich die besten Voraussetzungen mit sich bringen, weil sie sehr stark vermehrbar und genetisch veränderbar sind.

Sie sind Pionier der Stammzellenforschung, mussten aber auf das Votum des Bundestags warten, bis embryonale Stammzellen importiert werden konnten. Hinkt Deutschland hinterher?

Geforscht wird im außereuropäischen Ausland, vor allem in den USA und in Israel, schon seit 1998. In Deutschland war die Situation sehr restriktiv, und es ist ein Rückstand entstanden.

Kann man diesen Rückstand denn nun aufholen?

Ja, denn das Forschungsgebiet ist sehr groß. Das wird viele Forscher auf Jahre beschäftigen. Wir erhoffen uns durch unsere Vorarbeiten an Mauszellen auf diesem Gebiet noch immer eine international gute Position . . .

. . . und können dann die anderen Länder gar überholen?

Der Wettbewerb ist da, aber es gibt auch eine enge Zusammenarbeit. Wir sind momentan dabei, für das sechste Forschungsförderungsprogramm der EU mit mehreren europäischen Ländern Kooperationsprojekte zur Stammzellenforschung auf die Beine zu stellen, darunter mit Schweden, Frankreich, Großbritannien und Italien. Langfristig hat nur der Erfolg, der gut vernetzt ist, weil das Forschungsgebiet so komplex ist. Aus embryonalen Stammzellen können eben nicht nur Nervenzellen, sondern viele verschiedene Zelltypen hergestellt werden. Diese Expertise kann in einem Labor allein nicht zur Verfügung stehen.

Wirtschaftsminister Wolfgang Clement hat sich als NRW-Ministerpräsident besonders für Sie eingesetzt . . .

. . . die Unterstützung war von zentraler Bedeutung. Wir hoffen, dass die Begeisterung für die Forschung in Berlin anhält und gehen davon aus, dass auch die NRW-Landesregierung weiterfördert. Dafür spricht das neue Nachwuchsgruppenprogramm für Stammzellenforschung. Solche Schritte sind bei der gegenwärtigen Kassenlage nicht selbstverständlich.

Ist die Stammzellenforschung jetzt in Deutschland akzeptiert?

Es gibt nach wie vor Kritik, aber sie ist sachlicher geworden. Das Thema wird dank der umfassenden Diskussionen der vergangenen Jahre besser von kritischen Bereichen wie dem reproduktiven Klonen abgegrenzt. Dies hat zu einer realistischeren Einschätzung geführt, die zunehmend das medizinische Potenzial dieses faszinierenden Gebiets berücksichtigt.

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