Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

06.03.2012

03:06 Uhr

Deutschland Schlusslicht

Krasses Lohngefälle zwischen Männern und Frauen

Nirgendwo in Europa liegen die Löhne von Frauen und Männern so weit auseinander wie in Deutschland. Laut OECD verdienen Männer in Deutschland deutlich mehr als Frauen. Derweil rückt eine Frauenquote in der EU näher.

Ein weibliches Mitglied des niedersächsischen Kabinetts neben männlichen Kollegen. dapd

Ein weibliches Mitglied des niedersächsischen Kabinetts neben männlichen Kollegen.

HamburgIn keinem anderen Land in Europa liegen die Löhne von Frauen und Männern so weit auseinander wie Deutschland, das geht aus einer neuen Datenbank der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) hervor. Eine vollbeschäftigte Frau verdient danach in Deutschland knapp 22 Prozent weniger als ein Mann – der OECD-Schnitt liegt bei einem Minus von 16 Prozent. In der Berechnung haben die Statistiker der OECD die Löhne von Männern und Frauen in verschiedenen Ländern Europas verglichen - ohne Berücksichtigung anderer Faktoren wie Alterdifferenzen, Qualifikation oder unterschiedlicher Karriereverläufe.

Die Zahlen der OECD befeuern die Debatte um eine gesetzliche Frauenquote in der EU. Bis Sommer will EU-Justizkommissarin Viviane Reding konkrete Vorschläge hierzu machen. Reding rief darum am Montag in Brüssel Unternehmen, Sozialpartner, Bürger und Nichtregierungsorganisationen auf, zu gesetzlichen Quoten und anderen möglichen Maßnahmen bei der Kommission Stellung zu nehmen.

„Das Fehlen der Frauen in den Spitzenpositionen der Geschäftswelt schadet Europas Wettbewerbsfähigkeit und behindert das Wirtschaftswachstum“, urteilte die Spitzenbeamte in einer Mitteilung. Die Kommission verwies auf Studien, nach denen ein ausgewogenes Geschlechterverhältnis in Unternehmensspitzen zu besserer Leistung und mehr Gewinn beitrage. Das liege auch am „produktiveren und innovativeren Arbeitsumfeld“ durch mehr Frauen.

Frauen in den Chefetagen

Wie hoch ist der Frauenanteil europaweit?

In börsennotierten Unternehmen innerhalb der EU besetzen Frauen 13,7 Prozent der Posten in den höchsten Entscheidungsgremien. Besonders niedrig ist der Frauenanteil in Malta (3 Prozent), Zypern (4) und Ungarn (5). In Finnland (27 Prozent), Lettland (26) und Schweden dagegen (25) ist er relativ hoch. Deutsche Unternehmen kommen auf 16 Prozent. In Japan haben Frauen fast gar keinen Einfluss auf Entscheidungen: Sie besetzen nur 0,9 Prozent der Führungsposten.

Wie entwickelt sich der Frauenanteil?

Der Frauenanteil nimmt in den 27 EU-Ländern langsam, aber nahezu stetig zu. Seit 2003 steigt die Quote im Schnitt jährlich um 0,6 Prozentpunkte. In den vergangenen beiden Jahren beschleunigte sich die Entwicklung etwas. Ausreißer ist Frankreich: Der Anteil an weiblichen Führungskräften stieg innerhalb von 15 Monaten von 12,3 auf 22,3 Prozent. Per Gesetz müssen hier bis 2017 mindestens 40 Prozent der Posten in Führungsgremien weiblich besetzt sein.

Gesetzliche Quoten

Frankreich, Italien und Belgien haben 2011 eine verpflichtende Frauenquote für die Unternehmensspitzen erlassen. Auch die Niederlande und Spanien haben Gesetze beschlossen, bei Verstößen drohen aber keine Strafen. In einigen EU-Ländern gibt es Quoten in staatseigenen Betrieben.

Vorbild Norwegen

In Norwegen sind die Entscheidungsgremien in den größten börsennotierten Unternehmen zu 42 Prozent von Frauen besetzt. 2003 wurde eine gesetzliche Quote von 40 Prozent beschlossen, die seit 2006 verpflichtend ist. Ein Unternehmen, das die Vorgaben nicht erfüllt, kann per Gerichtsbeschluss aufgelöst werden.

In der Spitze großer Unternehmen sind Frauen bisher spärlich vertreten. „Von sieben Aufsichtsrat- oder Vorstandsmitgliedern führender europäischer Unternehmen ist nur eins weiblich (13,7 Prozent)“, hieß es in der Erklärung. Deutschland liegt den EU-Zahlen zufolge mit 15,6 Prozent leicht über dem Durchschnitt, Spitzenreiter ist Finnland mit 27,1 Prozent, Schlusslicht Malta mit 3,0 Prozent. In Großbritannien sind es 15,6 Prozent und in Frankreich 22,3 Prozent.

Bei ihrer Erhebung hat sich die EU auf die 588 Großunternehmen aus der EU beschränkt - darunter auch die 30 im Deutschen Aktienindex (DAX) gelisteten Unternehmen. Die OECD kommt bei der Analyse einer deutlich breiteren Datenbasis zu einem deutlich schlechteren Ergebnis für Deutschland. Sie hat sich rund 50 000 Unternehmen in der EU anguckt, wovon mehr als 2000 aus Deutschland kamen. Das Ergebnis: Auf nur vier von hundert Vorstandsposten fand sich in Deutschland eine Frau. Im OECD-Durchschnitt waren es dagegen zehn Prozent.

Den höchsten Anteil an Führungspositionen hatten Frauen in Norwegen inne, das im Jahr 2006 eine Frauenquote von 40 Prozent eingeführt hat. Auch in Schweden, Frankreich, Finnland und der Slowakei lag der Anteil von Frauen im Top-Management mit 15 bis 20 Prozent vergleichsweise hoch. Zu den Schlusslichtern Europas gehörten neben Deutschland die Tschechische Republik und die Niederlande.

Kommentare (6)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

cittisurfer

05.03.2012, 17:21 Uhr

„Das Fehlen der Frauen in den Spitzenpositionen der Geschäftswelt schadet Europas Wettbewerbsfähigkeit und behindert das Wirtschaftswachstum“

Ich habe selten soviel Unsinn in einem Satz gelesen! Natürlich wird auf eine ominöse "Studie" verwiesen, nun darauf kann man getrost antworten: ich glaube nur der Studie, die ich selbst gefälscht habe - abgesehen davon weichen Auftragsstudien (ich vermute einmal, dass sich die EU-Tante auf eine solche bezieht) nur selten von dem "erwünschten" Ergebnis der Auftraggeber ab.

Und wenn ich leben muss, dass die "Statistiker" der OECD fleißig Löhne und Gehälter verglichen haben, ohne jedoch spezifische Faktoren zu berücksichtigen, die das Ergebnis beeinflussen müssen, dann kann ich nur sagen, das ist Äppel mit Birnen vergleichen oder der Bankrott der komparatistischen Methoden.

Zudem: in diesem Land gibt es Tarifverträge für viele Branchen - wie kann es da sein, dass Frauen lohntechnisch benachteiligt werden?

Und ein letzter Gedanke: warum kommen die Apparatschiks der EUdSSR und die Quotenschwafler in diesem Land nicht auf den naheliegenden Gedanken, dass es möglicherweise nicht genügend Frauen gibt, die sich einen solchen Führungsjob in der Wirtschaft antun möchten? Aber ich vergaß: was nicht sein darf, nicht sein kann. Ein Schelm, der Böses dabei denkt...

Nekar

05.03.2012, 17:27 Uhr

Absoluter Unfug:

"ohne Berücksichtigung anderer Faktoren wie Alterdifferenzen, Qualifikation oder unterschiedlicher Karriereverläufe."

Und Faktoren wie Erziehung der Kinder sind natürlich auch außen vor gelassen. Mich würde es mal interessieren wie hoch das durchschnittliche Alter beider Geschlechter in den Datenbanken sind.

Thomas-Melber-Stuttgart

05.03.2012, 17:30 Uhr

Zudem arbeiten Frauen (gewollt oder ungewollt) oft halbtags oder in Anlernberufen. Ansonsten differenzieren Tarifverträge ja nicht nach Geschlecht.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×