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01.05.2013

11:13 Uhr

DGB-Kundgebungen zum 1. Mai

„Wir sind eine riesige Selbsthilfegruppe“

VonStefan Kaufmann

Mindestlohn, Rente, Arbeitslosigkeit – für den Gewerkschaftsbund liegen die Themen auf der Straße. Mitgliederschwund? Wurde abgewendet. Trotzdem hat der DGB ernste Probleme: mit Arbeitgebern, aber auch den Beschäftigten.

„Wir müssen deutlich machen, was die Gewerkschaften für jeden einzelnen erreicht haben“, sagt DGB-Ehrenamtler Holger Schild (l.). SO-PRESS

„Wir müssen deutlich machen, was die Gewerkschaften für jeden einzelnen erreicht haben“, sagt DGB-Ehrenamtler Holger Schild (l.).

DüsseldorfDer Flyer ist zugleich ein Gutschein. Für eine Waffel. Gebacken von den DGB-Frauen. Die bauen ihren Stand heute auf dem Rathausplatz im nordrhein-westfälischen Lippstadt auf. Ab 11 Uhr spielt die College Cave Band, dann spricht Manfred Menningen von der IG Metall, nach ihm beginnt das Familienfest mit internationaler Folklore. Und den Waffeln.

„Es gab vor einigen Jahren 1. Mai-Veranstaltungen von uns, da sind die Leute nur wegen des Familienfests gekommen“, sagt Holger Schild, seit 20 Jahren für den Deutschen Gewerkschaftsbund aktiv, mittlerweile ehrenamtlicher Vorsitzender für den Kreis Soest. Doch das hat sich zuletzt wieder geändert. Jobsorgen und Themen wie Leiharbeit und Mindestlohn treiben die Menschen um. „Und schon ist der Platz auch zur Kundgebung wieder gut gefüllt.“

Fakten zum neuen Armuts- und Reichtumsbericht

Schere geht auseinander

Der Graben zwischen Arm und Reich ist tiefer geworden. Auf die vermögensstärksten zehn Prozent der Haushalte entfielen 53 Prozent (Stand: 2008, neuere Zahlen liegen nicht vor) des gesamten Nettovermögens. 1998 lag die Quote bei 45 Prozent. Die untere Hälfte der Haushalte besaß zuletzt lediglich gut ein Prozent des Nettovermögens. 2003 waren es drei Prozent. Von 2007 bis 2012 hat sich das Gesamtvermögen der Haushalte trotz der Finanzkrise um weitere 1,4 Billionen Euro erhöht.

Der Staat ist ärmer geworden

Sein Nettovermögen schrumpfte zwischen Anfang 1992 und Anfang 2012 um über 800 Milliarden Euro, während es sich bei den privaten Haushalten um gut fünf Billionen Euro mehr als verdoppelte. Zu dieser Entwicklung trug die Privatisierungspolitik aller Regierungen in diesem Zeitraum bei. Die Erlöse aus dem Verkauf öffentlichen Tafelsilbers versickerten in den Haushalten.

Hauptgrund für Armut ist Arbeitslosigkeit

Die „Armutsgefährdungsschwelle“ liegt nach Zahlen des Statistischen Bundesamtes bei 952 Euro im Monat. Je nach Datengrundlage gilt dies für 14 bis 16 Prozent der Bevölkerung. Hauptgrund für Armut ist Arbeitslosigkeit. Auch für Alleinerziehende ist das Risiko hoch.

Niedriglohngrenze liegt bei 9,15 Euro

Der Anteil der Beschäftigten im Niedriglohnsektor stieg und lag zuletzt zwischen 21 und 24 Prozent. Im Jahr 2010 waren 7,9 Millionen Arbeitnehmer betroffen. Die Niedriglohngrenze liegt bei 9,15 Euro pro Stunde.

Grundsicherung im Alter

Nur 2,6 Prozent der über 65-Jährigen sind derzeit auf Grundsicherung im Alter angewiesen.

Niedrigste Jugendarbeitslosigkeit

Die Arbeitslosigkeit sank im Berichtszeitraum auf den niedrigsten Stand seit der Wiedervereinigung. Die Zahl der Langzeitarbeitslosen reduzierte sich zwischen 2007 und 2012 von 1,73 Millionen auf 1,03 Millionen oder um mehr als 40 Prozent. In der EU weist Deutschland aktuell die niedrigste Jugendarbeitslosigkeit aus - begünstigt von der Hartz-IV-Gesetzgebung: Seit 2005 müssen Langzeitarbeitslose auch schlecht bezahlte Jobs annehmen. Die Ausweitung von Niedriglohnsektor und atypischer Beschäftigung (Zeitarbeit, Teilzeitarbeit, Minijobs) ging laut Bericht nicht zulasten von Normalarbeitsverhältnissen.

Anteil der erwerbsfähigen Hartz-IV-Empfänger schrumpft

Der Anteil der erwerbsfähigen Hartz-IV-Empfänger an der erwerbsfähigen Gesamtbevölkerung schrumpfte von 9,7 auf 8,2 Prozent. Gab es im Jahresdurchschnitt 2007 noch rund 5,3 Millionen Leistungsbezieher, waren es im Jahr 2012 (Januar bis September) nur rund 4,5 Millionen. Die Zahl der Hartz-IV-Kinder unter 15 Jahren sank von 1,89 auf 1,63 Millionen.

Fortschritte beim Bildungsniveau

Beim Bildungsniveau, das für die Chancen im Arbeitsleben mitentscheidet, gab es ebenfalls Fortschritte: Zwischen 2006 und 2010 sank die Zahl der Schüler ohne Abschluss von 8 auf 6,5 Prozent.

Es ist nicht nur Schilds subjektives Empfinden, auch in den Mitgliederlisten der Gewerkschaften spiegelt sich der neu gewonnene Rückhalt. Insgesamt zählte der DGB Ende 2012 rund 6,15 Millionen Mitglieder – nach jahrelangem Rückgang blieb die Zahl nahezu konstant. Vier der acht im DGB organisierten Gewerkschaften konnten im vergangenen Jahr sogar einen Mitgliederzuwachs verzeichnen: die Gewerkschaft für Erziehung und Wissenschaft, die Gewerkschaft der Polizei, die Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten und die IG Metall.

„Als Einzelkämpfer kommt in einem Unternehmen niemand mehr weiter, deshalb setzen wieder mehr Menschen auf Solidarität“, sagt DGB-Ehrenamtler Schild. „Und die Gewerkschaften stehen für Solidarität.“ Menschen, die an den selben Symptomen leiden, verbünden sich. „Wir sind eine riesige Selbsthilfegruppe.“

Eine Form der Entsolidarisierung zeigt sich allerdings in der Luftfahrt, im Schienenverkehr und bei Krankenhäusern. Seit 2001 rücken in diesen Branchen Spartengewerkschaften ins Rampenlicht, die für bestimmte Berufsgruppen eigenständige Tarifverträge aushandeln. So verhandelt allein an den Flughäfen die Vereinigung Cockpit für die Piloten, die UFO für die Flugbegleiter, Verdi für das Bodenpersonal und auch die Fluglosten haben eigene Gewerkschaften. „Da die Spartengewerkschaften komplementäre Berufsgruppen organisieren, sind sie besonders durchsetzungsstark“, heißt es in einem Bericht des arbeitgebernahen Institut der deutschen Wirtschaft Köln (IW). „Jede einzelne Gewerkschaft kann durch einen Streik die Wertschöpfungskette unterbrechen.“

Als mögliche Folgen werden Neideffekte beschrieben. „Branchengewerkschaften werden unter Druck gesetzt, höhere Lohnforderungen zu stellen, um weiteren Abspaltungen vorzubeugen. Betroffene Unternehmen verlieren ihre Planungssicherheit, weil sie häufiger verhandeln müssen und ihnen mehr Konflikte ins Haus stehen.“

Kommentare (26)

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Account gelöscht!

01.05.2013, 11:28 Uhr

Die aufspaltung der gewerkschaften hat dem Großkapital in die hände gespielt.. war teilweise sicher falsch, gerade weil so das Allgemeinwohl aus dem blick verschwindet weil jeder "seins" backt, gerät die Solidargemeinschaft in D, die das land unter Erhard stark machte, aus den Fugen seit der Agenda Politik, und zustimmung zum Zwangeuro nach der Wende durch Kohl und unsere F "freunde"

flieg-heli@central.banktunnel.eu

01.05.2013, 11:44 Uhr

In Frankfurt ist auch schon wieder Fluglaerm ...

http://central.banktunnel.eu/20130501-1045-ecb-fluglaerm.jpg
http://central.banktunnel.eu/20130501-1054-ecb-frankfurt-am--IEG-nder-HEiLi.jpg

flieg-heli@central.banktunnel.eu

01.05.2013, 11:50 Uhr

Fluglärmgegner holt die Luftabwehrrakten raus: In Frankfurt werden nun seit 10:45 nun auch mit irregulärer polizelicher Heli-Überwachung Bilder geschossen.

http://central.banktunnel.eu/20130501-1045-ecb-fluglaerm.jpg
http://img594.imageshack.us/img594/8923/201305011054ecbfrankfur.jpg

http://central.banktunnel.eu/20130501-1054-ecb-frankfurt-am--IEG-nder-HEiLi.jpg
http://img703.imageshack.us/img703/7098/201305011045ecbfluglaer.jpg

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