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21.12.2016

08:40 Uhr

Die Hauptstadt als Ziel von Anschlägen

Als Carlos und das „libysche Volksbüro“ in Berlin bombten

VonAndreas Conrad
Quelle:Tagesspiegel

Der Anschlag vom Breitscheidplatz ist nicht der erste in Berlin: „Mifgash Israel“, „Maison de France“ oder „La Belle“ – die Spur des Terrors in der deutschen Hauptstadt ist lang.

Folgenreichster Terrorakt in Berlin. picture alliance/dpa

Anschlag auf „La Belle“ 1986

Folgenreichster Terrorakt in Berlin.

BerlinEtwa 6000 Menschen hatten sich dem Trauerzug zur Gedächtniskirche angeschlossen. Bei der Gedenkfeier sagte der Evangelische Landesbischof, mit dem Attentat sei den Orten menschenfeindlichen Verbrechens in Berlin ein weiterer hinzugefügt worden. Keiner der Anwesenden konnte sich vorstellen, dass er selbst an einem Ort stand, wo sich 34 Jahre später solch ein Verbrechen ereignen würde.

Blickt man zurück auf die jüngere Berliner Geschichte – was die Tatorte von Attentaten betrifft, ausnahmslos eine West-Berliner Geschichte –, so sieht man den Sprengstoffanschlag auf das jüdische Restaurant „Mifgash Israel“ am 15. Januar 1982 als Beginn der Reihe von Terroranschlägen, die seither die Stadt erschütterten.

Schon 1974 hatte es die versuchte Entführung des Kammergerichtspräsidenten Günter von Drenkmann gegeben, die mit seiner Ermordung endete – ein tragischer Akt des Terrors durch die Bewegung 2. Juni. Doch war der noch nicht gegen zufällige Opfer gerichtet wie am Montagabend am Breitscheidplatz. Und am 9. November 1969 im Jüdischen Gemeindehaus in der Fasanenstraße, als die „Tupamaros West-Berlin“ bei einer Veranstaltung zur Reichspogromnacht eine Bombe zünden wollten, die allerdings nicht explodierte.

Sicherheit in Deutschland – Was bedeutet der Anschlag?

Hat sich die Sicherheitslage in Deutschland nach dem Anschlag verändert?

Sicherheitsexperten glauben: Nein. Der Chef des Bundeskriminalamts (BKA), Holger Münch, sagt, die Gefährdungseinschätzung habe sich nicht verändert. „Wir haben schon vor der Tat gesagt, dass wir in Deutschland eine ernst zu nehmende Bedrohungslage haben. Dass der islamistische Terrorismus ganz maßgeblich die Sicherheitslage in Deutschland prägt“, betont er. Mit dem Attentat von Berlin habe sich die Gefährdungseinschätzung quasi realisiert. Deswegen geht Münch nun nicht von einer anderen Gefährdungslage aus.

Was sind die Anhaltspunkte für ein terroristischen Anschlag?

Generalbundesanwalt Frank sagt, man müsse von einem terroristischen Hintergrund ausgehen. Dafür spricht nach seinen Angaben, dass ein Lkw benutzt wurde und der Anschlag in der deutschen Hauptstadt damit an das Attentat von Nizza vom 14. Juli erinnert. Am französischen Nationalfeiertag war ein islamistischer Attentäter mit einem Lastwagen in eine Menschenmenge gerast und hatte 86 Menschen getötet und mehr als 200 verletzt.

Gibt es dazu schon abschließende Erkenntnisse?

Nein. Aber das prominente und symbolträchtige Anschlagsziel Weihnachtsmarkt gebe weitere Hinweise, sagt Frank. Außerdem führt er die Vorgehensweise des Attentäters an, den „Modus operandi“. Der ist schon länger in Aufrufen dschihadistischer Terrororganisationen zu finden. Aber es gebe kein Bekennervideo – und deswegen seien endgültige und abschließende Aussagen zum Hintergrund des Anschlags nicht möglich, sagt Frank. Die Polizei ermittele nach wie vor in alle Richtungen.

Ist Deutschland im Visier der islamistischen Terrormiliz Islamischer Staat (IS)?

Grundsätzlich ja und seit längerem. Aber: Noch gibt es keinen Beleg, das der Islamische Staat (IS) tatsächlich hinter der Attacke steckt. Den Sicherheitsbehörden lagen zunächst kein Bekennerschreiben und kein Bekennervideo vor. Grundsätzlich sind Deutschland genau wie Frankreich, Großbritannien, Spanien oder andere europäische Staaten quasi seit Jahren im Visier islamistischer Terroristen.

Muss ich Angst haben, wenn ich auf einen Weihnachtsmarkt gehe?

Auch hier gilt, was Experten seit langem sagen: Absolute Sicherheit gibt es nicht. Zwar haben die Behörden in vielen Bundesländern die Sicherheitsmaßnahmen für Weihnachtsmärkte erhöht, zusätzliche Polizisten abgestellt und auch mehr Videoüberwachung installiert. Doch auch Betonpoller oder andere Schutzmaßnahmen dürften einen zu allem entschlossenen Attentäter kaum aufhalten.

Sind die Sicherheitsbehörden machtlos gegen die Bedrohung?

Ja und Nein. Bis Montagabend war Deutschland von einem größeren Anschlag mit zahlreichen Toten und islamistischem Hintergrund verschont geblieben. Das hatte oft mit Glück, aber auch mit der Ermittlungsarbeit der deutschen Sicherheitsbehörden zu tun. Viele islamistische Heimkehrer aus den IS-Kriegsgebieten in Syrien und dem Irak sind als Gefährder bekannt und werden überwacht. Geholfen haben öfters auch die Kontakte zu befreundeten Geheimdiensten etwa wie dem umstrittenen US-Dienst National Security Agency (NSA). Die deutschen Geheimdienste haben in der Vergangenheit häufiger Tipps von ihren internationalen Kollegen erhalten.

Im „Mifgash“ aber hatte die Bombe gezündet. 14 Personen wurden zum Teil schwer verletzt, darunter ein 14 Monate altes Mädchen, das wenige Tage später starb. Gesucht wurde danach eine „orientalisch aussehende“ Frau, die die Bombe vor einer Heizung abgestellt haben sollte, auch bekannte sich die palästinensische Terrororganisation „15. Mai“ zum Anschlag, der nie aufgeklärt wurde.

Der nächste Anschlag folgte nur anderthalb Jahre später: Am 25. August 1983 detonierte eine Bombe im Maison de France am Kurfürstendamm, die das Gebäude teilweise zum Einsturz brachte. Ein 26-jähriger Mann, der dort ein Protestschreiben gegen französische Atomversuche übergeben wollte, starb. 23 weitere Personen wurden zum Teil schwer verletzt. Eine „Armenische Geheimarmee zur Befreiung Armeniens“ bekannte sich zur Tat.

Wie die Ermittlungen erst viele Jahre später, nach dem Fall der Mauer, ergaben, stand dahinter der international aktive Terrorist Ilich Ramírez Sánchez alias Carlos. Mithilfe der Stasi geplant hatte die Tat der dann zu lebenslänglicher Haft verurteilte Johannes Weinreich.

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Nach dem Anschlag in Berlin ist die Gesellschaft äußerlich ruhig – doch im Innern brodelt es. Wer diese Dramatik verstehen will, muss sich mit den Hoffnungen und Wünschen der Deutschen beschäftigen. Sie sind in Gefahr.

Der vor dem aktuellen Anschlag am Breitscheidplatz folgenreichste Terrorakt in Berlin zerstörte am 5. April 1986 die Diskothek „La Belle“ in der Hauptstraße 78 in Friedenau. Die Bombe, die dort explodierte, galt den vielen US-Soldaten, für die das Lokal ein beliebter Freizeittreffpunkt war. Drei Besucher, zwei Soldaten und eine Türkin starben bei dem Attentat, 230 wurden verletzt. Diesmal stand das libysche „Volksbüro“ in Ost-Berlin hinter dem Anschlag – wieder unterstützt durch die Stasi; was wiederum erst nach dem Mauerfall bekannt wurde. 1996 lieferte Libyen den Haupttäter auf massiven Druck hin aus. Später wurden er und seine Mittäter in Berlin zu hohen Haftstrafen verurteilt. Libyens Staatschef Gaddafi zahlte schließlich 35 Millionen US-Dollar Entschädigung an die Opfer.

Solche Dimensionen hat der Terror in Berlin über Jahrzehnte nicht mehr erreicht. Am 15. Januar 1991 verübten zwei Mitglieder der „Revolutionären Zellen“ einen Bombenanschlag auf die Siegessäule, es blieb aber beim Sachschaden. Vier Tote forderte der im Auftrag des iranischen Geheimdienstes ausgeführte Mordanschlag an vier kurdischen Oppositionellen, die am 17. November 1992 im Lokal „Mykonos“ in der Prager Straße in Wilmersdorf regelrecht hingerichtet wurden.

Fast wie eine Vorwegnahme des Attentats vom Montag erscheint ein Vorfall vom 2. Juli 2006 auf der Fanmeile zur Fußball-WM: Ein Mann hatte mit seinem Auto die Absperrungen durchbrochen und 26 Menschen verletzt. Er war psychisch krank, wurde freigesprochen und kam in eine Klinik.

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