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23.11.2015

15:37 Uhr

Die Predigt zur Trauerfeier

„Helmut Schmidt hat große Verantwortung getragen“

Er wählte den Psalm zu seiner Beerdigung selbst aus und gewährt Einsichten ins eigene Verständnis seines Schaffens. Das machte Helmut Schmidt aus – das und viel mehr, sagt Pastor Alexander Röder. Die Predigt im Wortlaut.

Der Pastor hielt im Michel die Predigt auf der Totenmesser für den verstorbenen Alt-Bundeskanzler Helmut Schmidt. ap

Alexander Röder

Der Pastor hielt im Michel die Predigt auf der Totenmesser für den verstorbenen Alt-Bundeskanzler Helmut Schmidt.

Hamburg Liebe Frau Loah, liebe Frau Schmidt-Kennedy, liebe Angehörige, liebe Trauergemeinde, der Tod des großen Staatsmannes Helmut Schmidt hat Millionen Menschen in aller Welt tief berührt. Hier in Hamburg – seiner Stadt – wurden nicht nur vor dem Wohnhaus, sondern auch am Rathaus in großer Zahl Kerzen, Blumen, Bilder und Briefe niedergelegt, um Helmut Schmidt durch diese Zeichen die letzte Ehre zu erweisen. Geduldig haben viele Bürger gewartet, um ihren persönlichen Gruß in die ausliegenden Kondolenzbücher zu schreiben, als wäre ein guter Freund gegangen.

Es ist noch etwas anderes als ein ehrendes Andenken oder der Ausdruck hoher Wertschätzung. Es ist empfundene menschliche Nähe, die auf diese Weise ausgedrückt wird. Obwohl viele der Menschen, die ihre Trauer und ihren Respekt bezeugen, Helmut Schmidt wahrscheinlich niemals persönlich begegnet sind. Er ist für sie eine Autorität, ein Vorbild an Gradlinigkeit, Pflichtbewusstsein, Redlichkeit und Mut, Klugheit und Klarheit in seiner Haltung, manchmal auch Kantigkeit und zugleich Bodenständigkeit. So bleibt er in Erinnerung auch über seinen Tod hinaus.

Zitate zu Helmut Schmidts Beerdigung

Henry Kissinger (1)

„Er war eine Art Weltgewissen.“

Henry Kissinger (2)

„Zu Helmuts 90. Geburtstag sprach ich die Hoffnung aus, dass er mich überleben würde, weil eine Welt ohne ihn ein sehr, sehr leere wäre. Ich habe mich geirrt. Helmut wird bei uns bleiben. Perfektionistisch, launisch, stets auf der Suche, inspirierend, immer zuverlässig, so wird er uns für den Rest unseres Lebens begleiten.“

Angela Merkel (1)

„Helmut Schmidt war eine Instanz.“

Angela Merkel (2)

„Sein hohes Ansehen hat seinen guten Grund. Mir kommt dazu ein Wort in den Sinn: Verantwortung. Helmut Schmidt war bereit und fähig, jede Situation und jede Aufgabe, die ein Amt mit sich brachte, anzunehmen und sich ihnen zu stellen – und seien sie auch noch so schwierig.“

Angela Merkel (3)

„Wer kennt sie nicht, die vielzitierte Empfehlung Helmut Schmidts: „Wer Visionen hat, soll zum Arzt gehen.“ Er selbst hat die Aussage später wie folgt eingeordnet, ich zitiere: „Es war eine pampige Antwort auf eine dusselige Frage.““

Angela Merkel (4)

„Die größte Bewährungsprobe für den Bundeskanzler Helmut Schmidt war der Terrorismus der sogenannten Rote Armee Fraktion. (...) Wir stehen an diesem Tag, an dem wir von Helmut Schmidt Abschied nehmen, wieder unter dem Eindruck grausamer Attentate. (...) Die Motive heute sind andere, die Umstände auch. Aber Terror bleibt Terror. (...) Was hätte Helmut Schmidt zu den Anschlägen gesagt? Diese Frage liegt nahe und doch verbietet sie sich. Wir müssen selbst die gebotene Antwort geben. Wir müssen selbst zeigen, dass wir verstanden haben, was es bedeutet, Verantwortung zu übernehmen.“

Angela Merkel (5)

„Helmut Schmidts Tod ist für uns alle eine herbe Zäsur. Ich verneige mich in tiefem Respekt vor diesem großen Staatsmann, vor einem großen Deutschen und Europäer.“

Olaf Scholz (1)

„Wir werden die Freiheit, die Gleichheit und die Brüderlichkeit unserer offenen Gesellschaft gegen diese feigen Angriffe verteidigen. (...) Wir verteidigen sie, indem wir sie so leben und verkörpern, wie Helmut Schmidt es zeitlebens getan hat.“

Olaf Scholz (2)

„Seine Geradlinigkeit hat Vertrauen erzeugt und ihn zum Vorbild für viele gemacht.“

Olaf Scholz (3)

„Wir haben einen Giganten verloren.“

Olaf Scholz (4)

„Es ist noch kaum vorstellbar, dass wir künftig gesellschaftliche und politische Debatten ohne ihn werden führen müssen.“

Pastor Alexander Röder

„Er ist für sie (viele Menschen) eine Autorität, ein Vorbild an Gradlinigkeit, Pflichtbewusstsein, Redlichkeit und Mut, Klugheit und Klarheit in seiner Haltung, manchmal auch Kantigkeit und zugleich Bodenständigkeit. So bleibt er in Erinnerung, auch über seinen Tod hinaus.“

Helmut Schmidt hat sich für seine Trauerfeier ein Wort aus den Psalmen gewählt, das von Mühe spricht, sogar von vergeblicher Mühe: Unser Leben währet 70 Jahre, und wenn's hoch kommt, so sind's 80 Jahre, und was daran köstlich scheint, ist doch nur vergebliche Mühe.

In diesen Worten ist nicht nur die Einsicht in die Begrenztheit und Endlichkeit des menschlichen Lebens ausgedrückt, sondern zugleich die Erkenntnis, bei allem Bemühen am Ende nicht wirklich viel bewegen zu können mit dem eigenen Tun.

Helmut Schmidt hat sich Zeit seines Lebens nicht von der skeptischen Einsicht leiten lassen, die aus den Worten des Psalms spricht, sondern große Verantwortung übernommen und getragen, um Richtiges zu tun und nicht Vergebliches – für Hamburg und als Minister und als Bundeskanzler für unser Land. Und er hat diese Verantwortung als eine Verpflichtung über seine aktive Zeit in der Politik hinaus verstanden, hat sich im Alter nicht zurückgezogen in die Privatheit, sondern als Publizist bis zuletzt aktiv und kritisch an der politischen Meinungsbildung mitgewirkt.

Kissinger über Helmut Schmidt: Staatschefs „agieren im Schatten der Vergänglichkeit“

Kissinger über Helmut Schmidt

Staatschefs „agieren im Schatten der Vergänglichkeit“

Henry Kissinger und Helmut Schmidt blieben beim hanseatischen „Sie“, sagten einander aber „die Wahrheit“: Zur Trauerfeier erweist der Ex-US-Außenminister seinem Freund die letzte Ehre. Die bewegende Rede im Wortlaut.

Bei aller Entschlossenheit und allem wortgewandten Streiten um Wahrhaftigkeit und Gerechtigkeit lässt die Wahl gerade dieses Bibelwortes für diese Trauerfeier eine große Stärke anklingen. Helmut Schmidt wusste, dass zur Stärke einer so großen Persönlichkeit, wie er es war, auch das Wissen um die Schwächen eines Menschen gehören: die Einsicht, Fehler zu machen, und niemals allen Menschen gerecht werden zu können, darum auch Schuld auf sich zu laden; vor allem aber: Nicht alles zu können und nicht Herr der Geschichte zu sein.

Den Psalmbeter lässt diese Erkenntnis am Ende die Hoffnung schenkende Nähe Gottes suchen, der ihm fremd geworden war.

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