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21.12.2016

09:06 Uhr

Die Retter vom Breitscheidplatz

Der härteste Einsatz seit Jahrzehnten

VonStefan Jacobs
Quelle:Tagesspiegel

Dankbarkeit für körperliche und seelische Unterstützung. Nach dem mutmaßlichen Terroranschlag am Breitscheidplatz erhalten die Retter viel Anerkennung. Doch in diesen Tagen brauchen auch sie Hilfe.

Heerlager der Helfer. Die Berliner Feuerwehr hat bis zu 170 Mitarbeiter im Einsatz. dpa

Rettungskräfte am Breitscheidplatz

Heerlager der Helfer. Die Berliner Feuerwehr hat bis zu 170 Mitarbeiter im Einsatz.

BerlinDer erste Anrufer, der am Montagabend um 20.04 Uhr den Notruf der Berliner Feuerwehr wählte, berichtete von einem schweren Verkehrsunfall am Breitscheidplatz. Praktisch zeitgleich rief ein anderer Passant die 112 an mit einer „deutlich besseren Meldung“, wie es Feuerwehrsprecher Sven Gerling am Tag danach beschreibt: Ein Lastwagen sei durch den Weihnachtsmarkt gefahren, es gebe etwa 50 Verletzte, „der hat das sofort überblickt“. Und die Feuerwehr glaubte ihm, weil parallel weitere Notrufe eingingen und weil „wir erst mal jedem glauben, auch wenn es nicht immer einfach ist“, wie Gerling sagt.

Damit begann für die Berliner Rettungskräfte der größte und belastendste Einsatz seit der Wiedervereinigung. Ein Einsatz, den Experten und Politiker als hoch professionell beschreiben. Am Dienstagmittag twittert das Polizeipräsidium: „Wir wissen Ihre vielen #Danke-Tweets, die uns erreichen, zu schätzen, wünschen uns aber, dass sie weniger zahlreich wären. #Effizienz #Danke“. Dasselbe dann noch einmal auf Englisch.

Während die Kommunikationsabteilung der Berliner Polizei – reguläre Bürozeit werktags: bis 20 Uhr – bald nach dem Anschlag stetig und in klarer Sprache auf Deutsch und Englisch zu informieren begann, wurden am Breitscheidplatz immer mehr Einsatzkräfte zusammengezogen. Polizeipräsident Klaus Kandt berichtet von 550 eingesetzten Beamten. Weitere Auskünfte zum Einsatz der Kollegen gibt das Präsidium nicht – weil sämtliche Kommunikation inzwischen über den Generalbundesanwalt läuft und „weil Sie sich ja vorstellen können, was hier los ist“, wie eine hörbar erschöpfte Beamtin am Telefon sagt.

Nach dem Anschlag in Berlin: Fahnder verfolgen konkrete Spur des Attentäters

Nach dem Anschlag in Berlin

Fahnder verfolgen konkrete Spur des Attentäters

Noch verzichtet die Polizei auf eine öffentliche Fahndung nach dem Attentäter von Berlin. Doch sie hat eine sehr konkrete Spur. Im Führerhaus des Lkw sollen die Fahnder ein Dokument mit Personalien gefunden haben.

Die ersten Helfer standen vor einem furchtbaren Dilemma

Feuerwehrsprecher Gerling weiß vor allem um das Drama des ersten Moments nach einer Katastrophe. Gerade am Anfang gebe es „ein Missverhältnis von Verletzten zu Rettungskräften“. Fünf Minuten nach den Notrufen sei die zweiköpfige Besatzung eines Rettungswagens am Ort des Geschehens eingetroffen, unmittelbar danach der erste Notarztwagen. So war es an einer Handvoll medizinischer Helfer, zu entscheiden, wen von den Dutzenden Verletzten in all dem Chaos der zertrümmerten Weihnachtsmarktstände sie zuerst versorgen sollten und wer warten muss. Und warten müssen womöglich gerade die, die am lautesten schreien. Weil die, die nicht mehr schreien können, vielleicht binnen zwei Minuten versorgt werden müssen, um zu überleben.

Es ist vor allem dieses furchtbare Dilemma, das den Ernstfall von der Übung unterscheidet. Und geübt worden sei mehrfach, berichtet Gerling: „Wir haben zahlreiche Fortbildungen von Kollegen zum Thema Terrorismus und Massenanfall von Verletzten.“ Die Übungsszenarien seien „schon realitätsnah“. Aber eben doch nicht die Realität.

Sicherheit in Deutschland – Was bedeutet der Anschlag?

Hat sich die Sicherheitslage in Deutschland nach dem Anschlag verändert?

Sicherheitsexperten glauben: Nein. Der Chef des Bundeskriminalamts (BKA), Holger Münch, sagt, die Gefährdungseinschätzung habe sich nicht verändert. „Wir haben schon vor der Tat gesagt, dass wir in Deutschland eine ernst zu nehmende Bedrohungslage haben. Dass der islamistische Terrorismus ganz maßgeblich die Sicherheitslage in Deutschland prägt“, betont er. Mit dem Attentat von Berlin habe sich die Gefährdungseinschätzung quasi realisiert. Deswegen geht Münch nun nicht von einer anderen Gefährdungslage aus.

Was sind die Anhaltspunkte für ein terroristischen Anschlag?

Generalbundesanwalt Frank sagt, man müsse von einem terroristischen Hintergrund ausgehen. Dafür spricht nach seinen Angaben, dass ein Lkw benutzt wurde und der Anschlag in der deutschen Hauptstadt damit an das Attentat von Nizza vom 14. Juli erinnert. Am französischen Nationalfeiertag war ein islamistischer Attentäter mit einem Lastwagen in eine Menschenmenge gerast und hatte 86 Menschen getötet und mehr als 200 verletzt.

Gibt es dazu schon abschließende Erkenntnisse?

Nein. Aber das prominente und symbolträchtige Anschlagsziel Weihnachtsmarkt gebe weitere Hinweise, sagt Frank. Außerdem führt er die Vorgehensweise des Attentäters an, den „Modus operandi“. Der ist schon länger in Aufrufen dschihadistischer Terrororganisationen zu finden. Aber es gebe kein Bekennervideo – und deswegen seien endgültige und abschließende Aussagen zum Hintergrund des Anschlags nicht möglich, sagt Frank. Die Polizei ermittele nach wie vor in alle Richtungen.

Ist Deutschland im Visier der islamistischen Terrormiliz Islamischer Staat (IS)?

Grundsätzlich ja und seit längerem. Aber: Noch gibt es keinen Beleg, das der Islamische Staat (IS) tatsächlich hinter der Attacke steckt. Den Sicherheitsbehörden lagen zunächst kein Bekennerschreiben und kein Bekennervideo vor. Grundsätzlich sind Deutschland genau wie Frankreich, Großbritannien, Spanien oder andere europäische Staaten quasi seit Jahren im Visier islamistischer Terroristen.

Muss ich Angst haben, wenn ich auf einen Weihnachtsmarkt gehe?

Auch hier gilt, was Experten seit langem sagen: Absolute Sicherheit gibt es nicht. Zwar haben die Behörden in vielen Bundesländern die Sicherheitsmaßnahmen für Weihnachtsmärkte erhöht, zusätzliche Polizisten abgestellt und auch mehr Videoüberwachung installiert. Doch auch Betonpoller oder andere Schutzmaßnahmen dürften einen zu allem entschlossenen Attentäter kaum aufhalten.

Sind die Sicherheitsbehörden machtlos gegen die Bedrohung?

Ja und Nein. Bis Montagabend war Deutschland von einem größeren Anschlag mit zahlreichen Toten und islamistischem Hintergrund verschont geblieben. Das hatte oft mit Glück, aber auch mit der Ermittlungsarbeit der deutschen Sicherheitsbehörden zu tun. Viele islamistische Heimkehrer aus den IS-Kriegsgebieten in Syrien und dem Irak sind als Gefährder bekannt und werden überwacht. Geholfen haben öfters auch die Kontakte zu befreundeten Geheimdiensten etwa wie dem umstrittenen US-Dienst National Security Agency (NSA). Die deutschen Geheimdienste haben in der Vergangenheit häufiger Tipps von ihren internationalen Kollegen erhalten.

Angesichts dieser Realität nahm die Feuerwehr jene Kollegen, die als Erste am Ort des Anschlags waren, noch am Abend aus dem Dienst. Auf ihren Wachen wurden sie von psychologisch geschulten Kollegen erwartet – ebenfalls Feuerwehrleute, wie Gerling betont. Denn für viele mache es einen Unterschied, ob sie über ihre Erlebnisse mit irgendeinem Psychologen sprechen, oder mit jemandem, der den Beruf kennt und selbst schon die Ausnahmesituation nach Katastrophen miterlebt hat. „Auch wir sind allesamt Menschen, die ein Herz haben und eine Familie.“

Personaldecke und Ausstattung von Polizei und Feuerwehr in Berlin sind seit Jahren bekanntermaßen knapp – aber sie haben offenbar ausgereicht. Die Polizei hat ihre Kräfte überwiegend über regulär im Dienst sowie in Bereitschaft befindliche Hundertschaften mobilisieren können. Die Berufsfeuerwehr, die im gesamten Stadtgebiet pro Schicht etwa 530 Rettungskräfte im Einsatz hat, verschaffte sich Luft, indem sie 14 der stadtweit rund drei Dutzend Freiwilligen Feuerwehren in den Dienst rief, um das Alltagsgeschäft zu delegieren. „In Spitzenzeiten hatten wir 168 Kräfte an der Einsatzstelle“, sagt Gerling. Etwa 120 davon hätten im Rettungsdienst gearbeitet, die anderen vor allem technische Hilfe geleistet – von der Beleuchtung bis zur Bergung Verletzter.

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