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08.10.2016

10:22 Uhr

Die Sprache der Macht

Politiker als Förderer des Populismus

Wenn Politiker den Mund aufmachen, kommen oft schwer verständliche Wortwolken heraus. Die weichgespülte Sprache erzeugt Langeweile bei den Zuhörern. Und sie nutzt Populisten, wie im Fall der AfD, die verbal zulangen.

Die Bundeskanzlerin neigt einem Experten zufolge zu Satzmonstern. „Sie benutzt eine so schwierige Syntax, dass ich am Satzende häufig nicht mehr weiß, was sie zu Beginn des Satzes gesagt hat“, sagt Medienberater Jörg Abromeit. dpa

Angela Merkel bei einer Rede

Die Bundeskanzlerin neigt einem Experten zufolge zu Satzmonstern. „Sie benutzt eine so schwierige Syntax, dass ich am Satzende häufig nicht mehr weiß, was sie zu Beginn des Satzes gesagt hat“, sagt Medienberater Jörg Abromeit.

BerlinSommer 2016. Die Bürokraten kämpfen sich durch einen Berg von Hunderttausenden unbearbeiteten Asylanträgen. Im Haus der Bundespressekonferenz in Berlin berichtet die stellvertretende Regierungssprecherin Ulrike Demmer aus der Sitzung des Kabinetts. Dauerthema Flüchtlinge. Sie sitzt in Blazer und weißer Bluse vor einer azurblauen Wand. Rechts und links die Sprecher der Ministerien. Vor ihr, verteilt im Saal, eine kleine Gruppe von Hauptstadtjournalisten. Den Raum kennen viele aus den Fernsehnachrichten. Demmer trägt vor: „Heute hat erneut der Leiter des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge, Frank-Jürgen Weise, zum Stand der Prozessoptimierung berichtet.“ Ein staubtrockener Satz.

„Prozessoptimierung“ ist ein Wort aus der Manager-Sprache. Ein Wort, das an Rädchen denken lässt, die gut geölt ineinandergreifen. Ein Wort, das draußen vor den Fernsehschirmen Mut machen soll. Denn das, was man „optimiert“, sollte irgendwann „optimal“ werden, nicht wahr?

Wer die aktuelle Sprache des Berliner Politik-Betriebes analysiert, stellt fest: Der Gebrauch von Weichspülern, Wortwolken und Wohlfühl-Wörtern hat in den vergangenen Jahren stark zugenommen. Das Ergebnis ist ein Politsprech, der so glatt ist, dass er oft Langeweile und Überdruss erzeugt, bei Wählern genau wie bei Journalisten. Der mit Blabla und optimistisch klingenden Phrasen alles verdeckt – vom Streit in der Sache bis zum Unwissen. Beispiele gewünscht? Seit wann haben Dieselautos „Thermofenster“? Und warum sehen so viele Politiker anstelle von nervigen „Problemen“ überall „Herausforderungen“?

Von der Tendenz zur sprachlichen Verkleisterung profitiert, da sind sich viele Experten einig, vor allem die AfD. Die Populisten setzen sich sprachlich von den anderen Parteien ab. Sie verwenden bewusst Tabuwörter wie „Asylant“ und Kampfbegriffe wie „völkisch“ oder „Volksverdummung“. Das Ergebnis sei eine schleichende Verrohung der Sprache, sagen Kommunikationsexperten. Einer der Lieblingssprüche der AfD-ler lautet: „Das muss man sagen dürfen.“ Das zieht.

Pluspunkt: Verständlich reden

In einer Forsa-Umfrage zeigt sich: Zwar finden nur zehn Prozent der Bürger die AfD-Chefin Frauke Petry sympathisch. Aber 44 Prozent trauen ihr zu, „verständlich zu reden“.

Wie die Parteien mit der AfD umgehen

CDU und CSU

Als Spezialproblem der Union wird die AfD ausdrücklich nicht betrachtet. Aus Sicht von Kanzlerin Angela Merkel ist dem Protest die Spitze zu nehmen, indem man Probleme anspricht und zu lösen versucht. Unionsfraktionschef Volker Kauder (CDU) beharrt darauf, die AfD zu ignorieren. Die CSU fährt einen eigenen Kurs. Mit scharfer Kritik an Merkels Kurs versucht Parteichef Horst Seehofer, eine dauerhafte AfD-Etablierung rechts von der Union zu verhindern.

SPD

Die SPD fordert, der Verfassungsschutz müsse die AfD beobachten. Als schräg empfanden es viele, dass in Mainz SPD-Ministerpräsidentin Malu Dreyer sich einem TV-Duell mit der AfD verweigerte - ihr SPD-Landeschef ging dann hin. Die AfD könnte auch der SPD kleinbürgerliche Anhänger abjagen, die denken, der Staat kümmere sich nur noch um Flüchtlinge. So fordert Parteichef Sigmar Gabriel ein Solidarpaket für sozial benachteiligte Bürger.

Grüne

Die Grünen haben die geringsten politischen Schnittmengen mit der AfD und müssen von den etablierten Parteien wohl am wenigsten eine Abwanderung ihrer Wähler befürchten. Korrigiert wurde aber das Nein zu TV-Talkrunden mit der AfD. Die Rechtspopulisten haben laut Grünen-Chefin Simone Peter „eine Wucht erzeugt“, dass man sich mit der Partei „an einen Tisch setzen“ müsse.

Linke

Die Linke setzt auf klare Abgrenzung zur AfD. Durch die leichten Zugewinne bei den Kommunalwahlen in Hessen sieht sie diesen Kurs bestätigt. Union und SPD wirft die Linke dagegen vor, als Reaktion auf die AfD-Erfolge nach rechts zu driften. „Wir können durchaus von einer Polarisierung nach rechts reden“, sagt Parteichef Bernd Riexinger.

FDP

FDP-Chef Christian Lindner wollte die AfD lange ignorieren. Doch spätestens nach den Silvester-Übergriffen überwiegend ausländischer Täter auf Frauen in Köln und Hamburg, die auch die bürgerliche Mitte verunsicherten, war dieser Kurs nicht durchzuhalten. Lindner sieht die AfD aber nicht als direkte Konkurrenz: „Die Freien Demokraten sind unter allen Parteien der schärfste Kontrast zur AfD“.

Sprachforscherin Elisabeth Wehling weiß, was bei Menschen im Kopfkino und auf der Gefühlsebene passiert, wenn sie bestimmte Begriffe hören. Und wie das langfristig ihr Denken und Handeln beeinflusst. In ihrem Buch „Politisches Framing – Wie eine Nation sich ihr Denken einredet - und daraus Politik macht“ beschreibt die Wissenschaftlerin, wie etwa der Begriff „Flüchtlings-Tsunami“ Ängste schürt.

Sie findet, Politiker sollten sich angewöhnen, „mehr Tacheles zu reden“. Das sei besser, als sich nur über den Rechtspopulismus der AfD zu empören. Wehling, die neben ihrer Forschung im kalifornischen Berkeley auch deutsche Parteien berät, macht vor, wie Klartext geht. Sie sagt: „Eine politische Gruppe, die es nicht schafft, sich selbst sprachlich mitzuteilen, sollte nicht die Schuld beim Gegner suchen.“ Etwa wenn Wahlen verloren gehen. Wumm, das sitzt!

Auch die AfD-Politiker sprechen jedoch nicht alle so, wie ihnen der Schnabel gewachsen ist. Dem Vernehmen nach haben sich etliche von ihnen schon von Kommunikationstrainern beraten oder schulen lassen.

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