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27.07.2017

06:21 Uhr

Diesel-Zukunft

„Industriepolitisch fahrlässig und klimapolitisch fatal“

VonDietmar Neuerer

Großbritannien macht es vor: Die Regierung will Diesel- und Benzinautos verbieten. Berlin fährt eine andere Strategie. Ein Fehler, finden Kommunen und Umweltschützer. Sie fordern eine Verkehrswende mit mehr E-Mobilität.

In Großbritannien ist ab 2040 Schluss mit Diesel-Autos. Deutschland will sich noch nicht auf ein Ende der Verbrennungsmotoren festlegen. dpa

Diesel-Debatte.

In Großbritannien ist ab 2040 Schluss mit Diesel-Autos. Deutschland will sich noch nicht auf ein Ende der Verbrennungsmotoren festlegen.

BerlinFür die Bundesregierung kommt die Diskussion offenbar zur Unzeit. Dass Großbritannien für die Zeit nach 2040 den Ausstieg aus Dieselautos und Benzinern angekündigt hat, passt wenige Tage vor dem Regierungsgipfel zum Diesel so gar nicht ins Konzept. Soll es bei dem Treffen zwischen  Politik und Autoindustrie doch vor allem um die Reduzierung von Schadstoffemissionen gehen – bei gleichzeitigem Erhalt der Dieseltechnologie versteht sich.

Deshalb machte Regierungssprecherin Ulrike Demmer am Mittwoch auch sogleich unmissverständlich klar: „Ein Verbot von Diesel-Fahrzeugen oder Benzinern steht derzeit nicht auf der Agenda der Bundesregierung.“ Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) habe häufig davor gewarnt, den Diesel zu verteufeln, da er wegen seines geringeren CO2-Ausstoßes klimafreundlicher sei als Benzinmotoren. Vor wenigen Wochen klang das allerdings noch anders.

Da sah Merkel noch eine Trendwende in der Autoindustrie. „Wir sind in einer Transformationsphase weg vom Verbrennungsmotor“, sagte die Kanzlerin noch Ende Juni in einem Interview mit der „WirtschaftsWoche“. „Wir haben staatliche Prämien für den Kauf von Elektromotoren auch gegen erheblichen Widerstand durchgesetzt.“ Aber, fügte sie einschränkend hinzu, wie schnell diese Transformation vorangehen solle, das müsse immer wieder ausgehandelt werden, „und deshalb ist der sehr sparsame Verbrennungsmotor vielleicht in Kombination als Hybrid noch für eine ganze Zeit lang aus meiner Sicht vernünftig“.

Die Kommunen, aber auch Umweltverbände würden hingegen die Kanzlerin lieber heute als morgen beim Wort nehmen. Denn sie haben längst erkannt, dass Verbrennungsmotoren ein Auslaufmodell sind. Nicht von ungefähr macht sich daher der Städte- und Gemeindebund dafür stark, dass vom „Nationalen Forum Diesel“ das Signal einer deutschlandweiten Verkehrswende ausgehen sollte. „Der Dieselgipfel am 2. August muss den Durchbruch bringen“, sagte Hauptgeschäftsführer Gerd Landsberg dem Handelsblatt. Es gehe um weit mehr als um einzelne Fahrverbote in bestimmten Städten. „Auf dem Spiel steht nicht weniger als der Automobil- und Wirtschaftsstandort Deutschland und damit auch eine große Anzahl von Arbeitsplätzen.“

So wichtig ist die Autoindustrie für Deutschland

Umsatz

Gemessen am Umsatz ist die Autobranche der mit Abstand bedeutendste Industriezweig in Deutschland: Die Unternehmen erwirtschafteten 2016 einen Umsatz von mehr als 405 Milliarden Euro. Das entspricht rund 23 Prozent des gesamten Industrieumsatzes.

Unternehmen

Mittelständisch geprägte Zulieferer sind für den Großteil der Wertschöpfung – etwa 70 Prozent – verantwortlich. Insgesamt werden mehr als 1300 Unternehmen der Branche zugerechnet.

Beschäftigte

Die Autounternehmen zählen in Deutschland direkt mehr als 800.000 Mitarbeiter. Indirekt sind es viel mehr, da für die Fahrzeugfertigung viele Teile, Komponenten und Rohstoffe zugekauft werden.

Abhängig von Autokonjunktur

Viele Beschäftigte in der chemischen Industrie, der Textilindustrie, bei Maschinenbauern sowie in der Elektro-, Stahl- und Aluminiumindustrie sind abhängig von der Autokonjunktur. Auch Autohändler, Werkstätten und Tankstellen sowie weitere Dienstleister – etwa Versicherer – zählen dazu.

Exporte

Fahrzeuge sind der größte deutsche Exportschlager. Mehr als drei Viertel der in Deutschland hergestellten Pkw werden exportiert: 2016 waren es gut 4,4 Millionen.

Auslandsumsatz

Die Ausfuhren von Kraftwagen und Kraftwagenteilen summierten sich 2016 auf mehr als 228 Milliarden Euro. Das entspricht fast einem Fünftel der gesamten deutschen Exporte. Ein Großteil des Auslandsumsatzes wird in den EU-Ländern erwirtschaftet.

Forschung

Weltweit investierte die deutsche Autoindustrie zuletzt fast 39 Milliarden Euro in Forschung und Entwicklung (FuE). In Deutschland sind es knapp 22 Milliarden Euro, was mehr als ein Drittel der gesamten Ausgaben der heimischen Wirtschaft für Forschung und Entwicklung entspricht.

Mitarbeiter und Patente

Mehr als 110.000 Mitarbeiter sind in den Entwicklungsabteilungen beschäftigt. Von den weltweit 3000 Patenten zum autonomen Fahren entfallen etwa 58 Prozent auf deutsche Firmen.

Landsberg forderte, die Verkehrswende „beherzt“ anzugehen. So müssten Politik und die Automobilindustrie den Transformationsprozess zur Elektromobilität deutlich schneller vorantreiben. „Unter einer Verkehrswende sind zudem auch der Ausbau des öffentlichen Personennahverkehrs, die Stärkung der Fahrradinfrastruktur und möglichst viel Anreize zu verstehen, um den Individualverkehr in den Innenstädten zu reduzieren“, fügte der Städtebund-Geschäftsführer hinzu. Überdies müsse durch „konsequente“ Digitalisierung und den Bau von Umgehungsstraßen sichergestellt werden, dass der Verkehr „deutlich verflüssigt“ werde. „Auch das sind wichtige Maßnahme gegen die Feinstaubbelastung“, sagte Landsberg.

Von solchen Überlegungen will das Bundesverkehrsministerium von Ressortchef Alexander Dobrindt (CSU nicht viel wissen. Ein Sprecher des Verkehrsministeriums kritisierte am Mittwoch eine Festlegung auf ein Ende der Verbrennungsmotoren als „relativ fantasielos“, weil sie zum Beispiel Erkenntnisse der Forschung außer Acht lasse. Das Klima habe nichts davon, wenn Autos mit Strom unterwegs seien, der zum Beispiel mit Braunkohle produziert werde.

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Die Positionierung Dobrindts ruft Greenpeace auf den Plan. In einem Brandbrief wendet sich die Umweltschutzorganisation direkt an Kanzlerin Merkel und mahnt eine Entscheidung über das Ende von Diesel- und Benzinmotoren in Pkw an. Dringend notwendig sei ein „Gesetzentwurf zum mittelfristigen Ausstieg aus dem Verbrennungsmotor“. „Nur ein solcher Beschluss gibt der Autoindustrie den für ihr Überleben dringend nötigen Innovationsimpuls“, heißt es in einem Brief von Greenpeace-Geschäftsführer Roland Hipp an Merkel. Das Schreiben, das am Donnerstag verschickt werden soll, lag dem Handelsblatt vorab vor.

Hipp kritisierte in diesem Zusammenhang den Fokus des geplanten Diesel-Gipfels der Bundesregierung am 2. August als „falsch gewählt“, weil dort „Wiederbelebungsversuche einer sterbenden Antriebstechnik“ im Mittelpunkt stünden. Dabei habe sie, die Kanzlerin, unlängst in der „Wirtschaftswoche“ bereits ausgesprochen, was Verkehrsminister Alexander Dobrindt (CSU) „konsequent ignoriert“.

Kommentare (21)

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Herr Karl Gross

27.07.2017, 08:24 Uhr

Jetzt wird wieder mit Kanonen auf Spatzen geschossen. Fahrverbote, Stilllegung, Enteignung. Das sind die typischen Argumente der Spät '68. Wohin das führt haben wir beim Atomaustieg gesehen, beim Waldsterben, beim G20 Gipfel. Es ist richtig, dass wir mittelfristig neue Konzepte für die Mobilität brauchen. Das betrifft aber auch das Stomnetz für die Ladestationen daheim, die Entsorgung der umweltschädlichen Akkus und vieles mehr. Also wiederholen Sie bitte nicht die platten Argumente der Grünen sondern denken nach bevor Sie schreiben.

Herr Stefan Nold

27.07.2017, 08:59 Uhr

Es werden ehrgeizige Klimaziele definiert, Verbote erlassen aber wie das alles gehen soll, wird nicht gesagt. Gibt es von der Bundesregierung einen Plan, wie die Energiewende zu schaffen ist, aus welchen Quellen die Energie für die E-Autos kommen soll? Der Ansatz, auf sparsame Dieseltechnologie zu setzen, ist eigentlich gar nicht so verkehrt, ganz einfach weil Kraftstoff ein ganz hervorragender Energiespeicher ist und so den technischen Mehraufwand bei der Energieumwandlung (und für die Abgasreinigung) rechtfertigt. Das ist ja der Grund dafür, warum sich die Verbrennungsmotoren gegenüber den Elektromotoren vor 100 Jahren durchgesetzt haben. Aber wenn wir, die Verbraucher, ständig SUVs und Geländewagen kaufen anstelle von 2 oder 1-Liter Autos, dann liefert uns die Industrie eben diese SUVs. Wir haben die Produkte, die wir haben wollen und die Politik, die uns verspricht, das alles zum Nulltarif zu haben ist. Im Grunde wollen wir betrogen werden und schreien Zeter und Mordio, wenn wir merken, dass wir betrogen worden sind. Warum legt uns die Politik keinen Plan zur Erreichung der Klimaziele vor, den wir nachprüfen könnten? Weil in diesem Plan vielleicht drin stehen würde, dass wir höchstens alle 3 Jahre in Urlaub fliegen können, dass wir uns jeden Tag 3 Stunden in überfüllten Zügen und Bussen zur Arbeit quälen müssten, dass wir nur noch einmal pro Woche Fleisch essen dürften usw. usw... Schwillt da der Kamm angesichts dieser "grünen Verbotsphantastereien"? Jeder Politiker würde für solche Vorschläge geteert und gefedert. Und da niemand gerne so behandelt wird, bindet die Politik uns tagtäglich einen Bären auf, verspricht uns Ziele die wir nie einhalten können. Hitler, Goebbels, Göring und Co haben vor 70 Jahren eindrücklich bewiesen, wie sehr man ein ganzes Volk mit geschickter Propaganda belügen kann. Deutschland kann, wenn es so weiter macht, die gesetzten Klimaziele genauso wenig erreichen, wie es Stalingrad aus der Luft versorgen konnte.

G. Nampf

27.07.2017, 09:01 Uhr

@Karl Gross 27.07.2017, 08:24 Uhr

"Es ist richtig, dass wir mittelfristig neue Konzepte für die Mobilität brauchen."

Richtig. Und dieses Konzept lautet:

Weniger Mobilität. Wir leben in einer Zeit der Übermobilität. Dieser Zustand wird sich auch mit Null-Emissions-Verkehrsmitteln (nicht nur Autos) nicht halten lassen.

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