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12.08.2017

12:04 Uhr

Dieseltechnologie

Kretschmann fordert verbesserte Umstiegsprämie

In der Debatte über Schadstoffemissionen beim Diesel forderten viele Grüne den Ausstieg aus der Technologie. Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann tritt dem entgegen.

„Es wird darauf ankommen, was noch an Maßnahmen aufs Tablett kommt.“ dpa

Winfried Kretschmann

„Es wird darauf ankommen, was noch an Maßnahmen aufs Tablett kommt.“

BerlinBaden-Württembergs grüner Ministerpräsident Winfried Kretschmann ist Forderungen auch aus der eigenen Reihen nach einem Ausstieg aus der Dieseltechnologie entgegengetreten. „Wir müssen den Klimawandel bekämpfen, dafür brauchen wir auch den sauberen Diesel“, sagte er der „Süddeutschen Zeitung“ vom Samstag. Ein Diesel, der die NOx-Grenzwerte einhalte, habe eine bessere CO2-Bilanz als ein Benzin-Fahrzeug, argumentierte Kretschmann. Die Beschlüsse des Diesel-Gipfels würden aber vermutlich nicht ausreichen, um Fahrverbote in übermäßig belasteten Städten, wie Stuttgart, zu verhindern. „Es wird darauf ankommen, was noch an Maßnahmen aufs Tablett kommt“, sagte er. Der Grünen-Politiker beklagte, dass der Bund nicht mehr Rechtssicherheit beim Thema Luftreinhaltung schaffe, etwa durch die Einführung einer „Blauen Plakette“.

Bundesarbeitsministerin Andrea Nahles (SPD) sagte im Südwestrundfunk, sie habe „ziemlichen Brass“ auf die Automobilindustrie wegen deren Fehler und Versäumnisse. Sie sehe die Gefahr, dass als Folge des Manager-Versagens nun womöglich Jobs in Deutschland in Gefahr gerieten, denn wer jetzt Milliarden in Entschädigungen oder Umrüstungen stecken müsse, könne dieses Geld nicht in die Elektromobilität investieren.

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Um welche Autos geht es?

Fast jede Modellreihe der Schwaben ist von dem Rückruf betroffen, so verbreitet sind die beiden Turbodiesel-Modellfamilien, um die es geht. Intern werden sie mit OM (für Öl-Motor) abgekürzt. Bei dem OM 642 handelt es sich um einen V6-Turbodiesel mit drei Liter Hubraum, bei dem OM 651 um einen Vierzylinder mit 1,8 oder 2,1 Liter Hubraum.

Was kommt auf die Besitzer zu?

Halter betroffener Dieselmodelle werden bei der freiwilligen Rückrufaktion vom Hersteller direkt angeschrieben und gebeten, sich mit ihrer Vertragswerkstatt wegen eines Termins in Verbindung zu setzen. Die Autos erhalten dann eine neue Software, die für niedrigere Stickoxid-Emissionen sorgen soll. Die Umsetzung der Nachbesserung wird sich auch wegen der Menge der betroffenen Fahrzeuge bis weit in das kommende Jahr ziehen. Die rund einstündige Maßnahme soll für Kunden kostenlos sein, verspricht der Daimler-Konzern, den das Ganze mindestens 220 Millionen Euro kosten wird.

Was wird technisch gemacht?

Die Daimler-Ingenieure müssen zunächst die Stellschrauben in der Software für die Motorensteuerung finden, mit denen sich die Stickoxide reduzieren lassen. Da fast jedes Dieselmodell von dem Rückruf betroffen ist und sich die Autos sowohl bei der Motorenstärke als auch in der Getriebeart (Automatik- oder manuelle Schaltung) unterscheiden, müssen die Techniker Dutzende verschiedene Software-Updates entwickeln. Möglich werden soll die Reduktion der Schadstoffemission, indem man unter anderem die sogenannten Thermofenster anpasst. Bislang schaltet sich die Abgasreinigung ab, wenn bestimmte Außentemperaturen über- oder unterschritten werden.

Verbraucht das Auto danach mehr?

Ob die Fahrzeuge nach dem Software-Update möglicherweise mehr verbrauchen, das kann derzeit niemand mit Sicherheit beantworten. ADAC-Messungen an umgerüsteten VW-Fahrzeugen zeigten einen erhöhten Kraftstoffverbrauch nach der Umrüstung. Es ist je nach Modell aber auch denkbar, dass der Verbrauch durch den Eingriff sogar sinkt.

Wäre eine Hardware-Umrüstung nicht besser?

Das kann noch nicht endgültig beantwortet werden, klar aber ist: Reine Softwarelösungen sind für den Hersteller billiger und die Werkstattaufenthalte für die Kunden kürzer, als wenn neue Hardware eingebaut werden muss. Einige Experten halten reine Softwareänderungen an der Motorsteuerung zwar für nicht ausreichend. Andererseits würde sich bei älteren Dieselfahrzeugen eine große Hardwarelösung durch AdBlue-Einspritzung, bei der Stickoxide in Abgasen per Harnstoff-Einspritzung reduziert werden, nicht rechnen.

Was sind mögliche Negativfolgen einer Umrüstung?

Greift man auf die Erfahrungen zurück, die Halter im Zuge von VW-Umrüstungen gesammelt haben, so muss klar sein: Jede Umrüstung stellt einen technischen Zustand her, der so vom Hersteller eigentlich nicht vorgesehen war. In puncto Verschleiß und Langzeitfolgen weist der ADAC darauf hin, dass noch Fragen zu Dauerhaltbarkeit, Systemeinbindung und Betriebssicherheit geklärt werden müssten. Wie das innerhalb weniger Monate für Hunderttausende Fahrzeug- und Motorisierungsvarianten geschehen soll, bleibt offen.

Kretschmann warnte davor, in der Debatte über Schadstoffemissionen beim Diesel zu überzeichnen. „Das größte deutsche Kohlekraftwerk emittiert so viel CO2 wie mehr als drei Viertel der deutschen Kfz-Flotte“, sagte er. Und diese alte Industrie werde auch noch subventioniert. „Warum müssen wir das mit einem wahnsinnigen Druck den Diesel aus dem Rennen schmeißen, obwohl es den sauberen Diesel gibt und wir ihn doch als Übergangstechnologie brauchen?“ Der Grünen-Politiker sieht aber auch ein Versagen der Politik, etwa bei Auto- Abgasgesetzen in der EU. „Es gibt also tatsächlich eine Mitverantwortung des Staates.“ Von den Autoherstellern verlangte er, die Umstiegsprämie auf schadstoffärmere Fahrzeuge besser zu justieren, zu verlängern und zu ergänzen.

Beim Diesel-Gipfel vor wenigen Tagen hatten die deutschen Hersteller Software-Updates zur Schadstoffminderung für neuere und Umstiegsprämien für ältere Diesel-Fahrzeuge zugesichert. Teurere bauliche Veränderungen lehnen sie ab.

Von

rtr

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