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29.06.2017

18:56 Uhr

Diskriminierung

Mach' meine Kollegin nicht an!

VonFrank Specht

Diskriminierung im Arbeitsleben gehört immer noch zum Alltag, zeigt ein Regierungsbericht. Auch die Arbeitsverwaltung hat keine weiße Weste. Betroffene berichten von Intransparenz, Unfairness und Sexismus.

Bewerber mit ausländischem Namen oder Aussehen haben es oft schwer. dpa

Krankenhausmitarbeiterin mit Kopftuch

Bewerber mit ausländischem Namen oder Aussehen haben es oft schwer.

Da ist der Rumäne, der vom Jobcenter mit der Begründung abgewiesen wird, dass Rumänen sowieso kein Hartz IV bekommen. Oder der ältere Jobsucher, dem kein Angebot mehr gemacht wird, weil er mit 58 Jahren auch einfach so aus der Arbeitslosenstatistik gestrichen werden kann. Oder die junge Frau mit Lernbehinderung, der die Sachbearbeiterin eröffnet, dass ihr unter Mühen erworbener Hauptschulabschluss nichts wert sei.

Fälle wie diese haben die Antidiskriminierungsstelle des Bundes (ADS) bewogen, sich in ihrem alle vier Jahre vorzulegenden Bericht in einer Sonderauswertung der öffentlichen Arbeitsverwaltung zu widmen. „Einrichtungen des Sozialstaates sollen Ungleichheiten abbauen und Chancen eröffnen“, sagte der Duisburger Arbeitsmarktforscher Martin Brussig, der das Thema untersucht hat, am Donnerstag bei der Präsentation des Berichts. Diesem Anspruch werde die Arbeitsverwaltung aber nicht immer gerecht.

Von den knapp 1.500 Diskriminierungserfahrungen, die der ADS im Berichtszeitraum von 2013 bis 2016 gemeldet wurden, betrafen 16 Prozent Vorfälle in Ausländerbehörden, der Arbeitsverwaltung oder anderen Ämtern. Zum Teil sind Mitarbeiter von Jobcentern oder Arbeitsagenturen offen rassistisch oder sexistisch aufgetreten. So wurde einer Kundin etwa empfohlen, auf ihrem Bewerbungsfoto auch ihren Busen zu zeigen.

Doch daneben gebe es auch institutionelle Faktoren, die Diskriminierung begünstigten, erläuterte Brussig. So verleite das Zielsteuerungssystem der Bundesagentur für Arbeit (BA) die Mitarbeiter, sich angesichts der geforderten Vermittlungserfolge vorrangig um die vermeintlich „leichteren Fälle“ zu kümmern. Darunter leiden etwa Menschen mit Behinderung oder Migranten mit wenig Deutschkenntnissen.   

Viele Entscheidungen der Arbeitsverwaltung ließen zudem Transparenz vermissen. Jobsuchern sei oft nicht ausreichend klar, warum etwa eine Fortbildung abgelehnt werde, sagte der Forscher. Und viele Betroffene wüssten dann zu wenig über die Beschwerdemöglichkeiten. Zudem wäre es sinnvoll, wenn die Entscheidung in einem  Beschwerdefall eine unabhängige Stelle treffen würde und nicht der zuständige Sachbearbeiter, der womöglich selbst der Grund für die Beschwerde ist, so Brussig. Kritisch sieht der Wissenschaftler darüber hinaus die sehr hohe Fluktuation in den Jobcentern, bis hinauf zur Leistungsebene. Schätzungen zufolge sei das Personal der Jobcenter in den ersten zehn Jahren ihres Bestehens zweimal komplett ausgetauscht worden. Es müsse klar sein, „dass eine so hohe Fluktuation den Aufbau von Professionalität erschwert“.

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