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15.07.2015

00:19 Uhr

Dispozinsen

Banken sollen Schuldnerberatung anbieten

VonCarla Neuhaus
Quelle:Tagesspiegel

Sparer bekommen kaum mehr Guthabenzinsen. Dafür zahlt, wer sein Konto überzieht, umso mehr. Künftig sollen Dispozinsen transparenter – und Kontoüberzieher von der Bank beraten werden. Ein Gesetz geht heute ins Kabinett.

Wer sein Konto überzieht, muss zahlen. dpa

Teure Dispozinsen

Wer sein Konto überzieht, muss zahlen.

BerlinVon einer Abzocke der Banken ist die Rede. Von einer Schuldenfalle für die Kunden. Die hohen Dispozinsen, die Geldinstitute für die Kontoüberziehung verlangen, regen Verbraucherschützer wie Politiker nun schon seit Jahren auf. Obwohl die Leitzinsen auf einem Rekordtief liegen, verlangen die Geldinstitute noch immer zum Teil zweistellige Zinsen, wenn Kunden mit dem Konto ins Minus rutschen.

Jetzt greift die Politik ein und will den Banken strengere Vorgaben machen. Wie der Tagesspiegel aus Regierungskreisen erfuhr, soll das Kabinett an diesem Mittwoch einen Gesetzentwurf von Verbraucherminister Heiko Maas (SPD) absegnen.

Fakten zum Dispozins

Was sind Dispo- und Überziehungszinsen?

Dispo- und Überziehungszinsen werden fällig, wenn ein Bankkunde kein Geld mehr auf dem Girokonto hat, es aber weiter belastet wird und ins Minus rutscht. Zunächst gewährt die Bank in der Regel einen Dispositionskredit – kurz: Dispokredit oder Dispo. Dieser ermöglicht eine begrenzte Überziehung. Limit sind oft zwei oder drei Monatsgehälter. Für Überziehungen in diesem Rahmen gilt der Dispozinssatz. Wird das Konto über diesen Rahmen hinaus überzogen, fallen bei den meisten Banken Überziehungszinsen an. Diese liegen oft noch mehrere Prozentpunkte höher.

Wo erfahren Bankkunden, wie hoch ihre Dispozinsen sind?

Banken sollten darüber unter anderem mit Aushängen in ihren Filialen oder auf ihren Internetseiten informieren. Laut Stiftung Warentest machen aber einige Banken ein Geheimnis aus der Höhe des Dispozinses und lüften dieses erst im Kundengespräch. Eine Informationsquelle ist für Kunden der Kontoauszug, wenn fällige Zinsen abgerechnet werden, etwa zum Ende eines Quartals. Dann müssen die Konditionen auf den Kontoauszügen abgedruckt werden. Um die Dispozinsen verschiedener Institute zu vergleichen, gibt es Internetseiten wie test.de/dispo, fmh.de oder biallo.de.

Wie hoch sind die Dispozinsen derzeit?

Nach Angaben von „Finanztest“ lag der durchschnittliche Dispozinssatz Anfang August 2014 bei 10,65 Prozent. Die Differenz zwischen dem günstigsten (4,9 Prozent) und dem höchsten Dispozinssatz (14,25 Prozent) betrug demnach jedoch fast zehn Prozentpunkte.

Was sind die Vor- und Nachteile von Dispokrediten?

Vorteil ist, dass eingeräumte Dispokredite nicht erst beantragt werden müssen, sondern sofort verfügbar sind. Die Zinszahlungen verringern sich zudem mit jedem Zahlungseingang auf dem Girokonto; es gibt keine festen monatlichen Raten zur Rückzahlung. Nachteil ist die Zinshöhe. Außerdem können Banken Dispokredite kurzfristig kündigen und zurückfordern, etwa wenn sie Zweifel an der Zahlungsfähigkeit eines Kunden bekommen.

Wie können Bankkunden hohe Dispozinsen umgehen?

Verbraucher können mit ihrem Institut vereinbaren, dass ein Konto nicht überzogen werden darf. Finanzexperten raten aber dazu, zumindest einen Dispo-Rahmen von 500 Euro einzurichten. So ist es möglich, dass regelmäßig fällige Beträge wie Telefonrechnungen auch etwa während einer Urlaubsreise abgebucht werden können. Dadurch lassen sich unter Umständen teure Mahngebühren sparen, welche die Kosten für Dispozinsen übersteigen können. Bankkunden können daneben mit ihren Instituten auch über die Höhe des Dispozinssatzes verhandeln. Zudem gibt es spezielle Girokonto-Typen wie Kinderkonten, die als reine Guthabenkonten angeboten werden und nicht überzogen werden können. Die jungen Bankkunden können somit nicht ins Minus rutschen.

Gibt es Alternativen zum Dispokredit?

Bei größeren Ausgaben raten Verbraucherschützer davon ab, das Girokonto dauerhaft zu überziehen. Sie empfehlen einen Raten- oder Abrufkredit mit niedrigeren Zinsen. Ratenkredite sind Darlehen über eine bestimmte Summe und einen bestimmten Zinssatz, die in einem festen Zeitraum zurückgezahlt werden. Abrufkredite funktionieren ähnlich wie Dispokredite mit einem Kreditrahmen, jedoch muss meist monatlich ein bestimmter Betrag zurückgezahlt werden.

Banken sollen demnach dazu verpflichtet werden, die Höhe der Dispozinsen auf ihrer Internetseite zu veröffentlichen. Maas hofft, dass sich der Markt auf diese Weise selbst reguliert. Die Kunden sollen Konditionen leichter vergleichen können und die Banken den Dispokredit unter dem Druck der Konkurrenz senken.

Eine Deckelung für den Überziehungszins, wie ihn Verbraucherschützer lange gefordert hatten, wird es dagegen nicht geben. Auch ein deutlicher Warnhinweis für den Kunden, wie er noch im Koalitionsvertrag vorgesehen war, wird mit dem neuen Gesetz erst mal keine Pflicht.

Stattdessen müssen die Banken ihren Kunden künftig ein Beratungsgespräch anbieten, wenn sie ihr Konto zu lange zu stark überziehen. In einem solchen Gespräch soll der Berater dem Kunden dann eine Umschuldung auf einen günstigeren Kredit vorschlagen und auf externe Angebote wie eine unabhängige Schuldnerberatung verweisen.

Nach Tagesspiegel-Informationen greift diese Pflicht zur Beratung erst, wenn der Kunde sein Konto bereits drei Monate lang in Höhe der Hälfte seines durchschnittlichen Geldeingangs überzieht – oder wenn er mindestens sechs Monate lang seinen Disporahmen zu 75 Prozent ausschöpft.

Verbraucherschützer begrüßen das Gesetz im Grundsatz zwar. Es lenke „mehr Aufmerksamkeit auf das Problem privater Überschuldung“, heißt es etwa beim Verbraucherzentrale Bundesverband (VZBV). Von dem Beratungsgespräch durch die Bank verspricht sich Dorothea Mohn, Finanzexpertin beim VZBV, allerdings wenig. Es sei das falsche Instrument, um Kunden vor der Überschuldung zu schützen, meint sie.

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