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11.08.2016

20:19 Uhr

Ditib in der Kritik

NRW-Ministerpräsidentin Kraft geht auf Distanz zu Islamverband

Ist der größte islamische Dachverband in Deutschland ein verlängerter Arm des türkischen Präsidenten Erdogan? NRW-Ministerpräsidentin Hannelore Kraft will den Verein „sehr genau“ beobachten.

Kraft hat Ditib im Verdacht, von Erdogan gesteuert zu sein. Der Muslimverband spricht von „Unterstellungen“. dpa

„Zweifel an Ditib wachsen“

Kraft hat Ditib im Verdacht, von Erdogan gesteuert zu sein. Der Muslimverband spricht von „Unterstellungen“.

EssenNordrhein-Westfalens Ministerpräsidentin Hannelore Kraft (SPD) geht auf Distanz zum türkischen Islamverband Ditib. „Es verstärken sich die Zweifel, dass die Ditib den Kriterien zur Einstufung als Religionsgemeinschaft entspricht“, sagte Kraft der „Westdeutschen Allgemeinen Zeitung“ (Freitag). Dem größten islamischen Dachverband in Deutschland wird von Kritikern vorgeworfen, ein verlängerter Arm des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan in Deutschland zu sein.

Die NRW-Staatskanzlei prüft seit vergangenem Jahr einen Antrag der Ditib und drei weiterer Islamverbände, als Religionsgemeinschaften mit erweiterten Rechten anerkannt zu werden. Ditib wehrt sich gegen Vorwürfe wegen zu enger politischer Verbindungen zur türkischen Staatsführung und spricht von „Unterstellungen der Fremdsteuerung“.

Kraft sieht den Islamunterricht an Schulen in ihrem Bundesland durch die Vorgänge in der Türkei nicht gefährdet. „Wir organisieren den bekenntnisorientierten Islamunterricht zurzeit mit einem Beirat, in dem die Ditib nur einer von acht Partnern ist“, sagte sie. Das Modell funktioniere. Im Interesse der vielen muslimischen Kinder, die das Angebot in den Schulen nutzten, werde die Landesregierung daran festhalten. „Natürlich beobachten wir sehr genau, wie sich die Ditib einbringt“, betonte die Ministerpräsidentin.

KT: Die Debatte über Islamunterricht

Die Diskussion

Flächendeckender Religionsunterricht für Muslime als Mittel gegen radikal-islamische Lockrufe? Mit seinem Vorstoß hat EKD-Ratschef Heinrich Bedford-Strohm eine schon länger geführte Debatte neu angefacht. Obwohl seit Jahrzehnten muslimische Migranten und Flüchtlinge nach Deutschland kommen, gibt es für Islamkurse an staatlichen Schulen nämlich immer noch keine bundesweite Regelung.

Um wie viele muslimische Schüler geht es in Deutschland?

Ihre Zahl ist durch den Flüchtlingsandrang der vergangenen Monate noch einmal sprunghaft angestiegen. Nach einer Studie der Deutschen Islam Konferenz (DIK) könnten rund 650.000 Schüler unter 18 Jahren am Islamunterricht öffentlicher Schulen teilnehmen, wenn es überall Angebote gäbe. Nach Schätzung der Kultusministerkonferenz der Länder (KMK) sind 20 bis 30 Prozent der zuletzt nach Deutschland gelangten Flüchtlinge Minderjährige im schulpflichtigen Alter, also 250.000 bis 300.000 – sehr viele davon Muslime aus Kriegs- und Krisenregionen.

Was verspricht sich Bedford-Strohm von einer Ausweitung der Angebote?

Der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) sieht darin die beste Möglichkeit, Muslime immun zu machen gegen Fundamentalismus. Diesen Schüler müsse ermöglicht werden, sich mit den Traditionen ihrer Religion fundiert auseinanderzusetzen. „Sie können zugleich Neues über den Islam lernen – und das auf dem Boden des Grundgesetzes.“ Diese Ansicht teilt Ismail Yavuzcan vom Tübinger Lehrstuhl Islamische Theologie. Der Ausbau des Unterrichts sei ein wichtiger Baustein, um „religiösem Analphabetismus“ und dem Abgleiten in Extremismus vorzubeugen.

Welche Länder bieten islamischen Religionsunterricht an?

Laut KMK Bayern, Baden-Württemberg, Hessen, Nordrhein-Westfalen, Niedersachsen und Rheinland-Pfalz, zudem das Saarland seit kurzem mit der Klassenstufe 1. Schwierig ist die Situation in den Ost-Ländern, die ihre Zurückhaltung gern mit der dort geringen Zahl von Muslimen begründen. In Berlin, Bremen und Brandenburg ist Religion an den Schulen generell kein festes Lehrfach und untersteht nicht staatlicher Aufsicht, wird also Kirchen und Religionsgemeinschaften überlassen. Und in Hamburg wird der Unterricht nicht getrennt nach Konfessionen erteilt, sondern als „Religionsunterricht für alle“.

Wo liegt in der Praxis das Hauptproblem?

Auch das spricht Bedford-Strohm an: Die Islamverbände sollten wie die christlichen Kirchen den Religionsunterricht an den Schulen selbst verantworten. Dafür müssten jedoch „die Muslime in Deutschland sich so aufstellen, dass es klare Ansprechpartner für den Staat gibt“. Denn nach wie vor haben die Bundesländer Probleme, anerkannte Religionsgemeinschaften für das Prozedere muslimischen Unterrichts zu finden. „Derzeit gibt es aus meiner Sicht keine zufriedenstellende Lösung“, sagt der bayerische Kultusminister Ludwig Spaenle (CSU).

Wer organisiert denn derzeit den Islam-Unterricht?

Das ist in den Ländern unterschiedlich geregelt. Beispielsweise gibt es in Baden-Württemberg einen Projektbeirat Islamischer Religionsunterricht, dem Vertreter verschiedener Islamverbände angehören. Der grüne Ministerpräsident Winfried Kretschmann betont, der Staat mische sich nicht in die Inhalte des Religionsunterrichts ein, achte aber auf die Verfassungstreue der Lehrer. Die Südwest-CDU kritisiert, im Beirat sei auch die Islamische Glaubensgemeinschaft Baden-Württemberg vertreten. Unter deren Dach gibt es Vereine, die der Islamischen Gemeinschaft Milli Görüs angehören – und die wird vom Verfassungsschutz beobachtet.

Welche Kinder nehmen am Islamunterricht der Schulen teil?

Die Teilnahme ist freiwillig. Die Türkische Gemeinde in Deutschland hat den Eindruck, dass vor allem Kinder modern denkender Eltern zum Islamunterricht öffentlicher Schulen angemeldet werden. Sehr konservative Eltern schickten ihre Kinder dagegen nach wie vor eher zur religiösen Unterweisung in die Moschee, sagt der Bundesvorsitzende des Verbandes, Gökay Sofuoglu. Er fände es gut, wenn islamischer Religionsunterricht künftig an allen Schulen angeboten würde – allerdings erst wenn es genügend verfassungstreue deutschsprachige Lehrer gebe. Denn: „Der Islamunterricht sollte nicht aus dem Ausland importiert werden.“ Auch der Autor Ahmad Mansour („Generation Allah“) sagt, islamischer Religionsunterricht sei kein Allheilmittel. „Es gibt auch Islamlehrer, die ich für hochproblematisch halte.“

Wie ist es um die Ausbildung muslimischer Lehrer bestellt?

Angesichts von mehr als vier Millionen Muslimen in Deutschland – Tendenz: steigend – setzt der Bund die Förderung von Islamischer Theologie an fünf Hochschulstandorten fort. Die 2011/2012 an den Universitäten Tübingen, Münster, Osnabrück, Frankfurt/Main und Erlangen-Nürnberg gegründeten Zentren seien eine Erfolgsgeschichte, sagt Bildungsministerin Johanna Wanka (CDU). Von vornherein sollten Studierende dort nicht nur als Prediger ausgebildet werden, sondern auch für das Lehramt.

Von

dpa

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