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13.03.2011

15:08 Uhr

DIW-Expertin Kemfert

„Die Rolle der Kernenergie wird überschätzt“

VonDietmar Neuerer

ExklusivNach Einschätzung der Energieökonomin Claudia Kemfert sind die Tage der Atomkraft in Deutschland gezählt. Im Interview erläutert sie, wie die Energieversorgung der Zukunft aussieht - und was heute schon möglich ist.

Claudia Kemfert. Quelle: Pressefoto DIW

Claudia Kemfert.

Handelsblatt Online: Frau Kemfert, für Bundesumweltminister Norbert Röttgen ist die Atomenergie ein "Auslaufmodell". Teilen Sie die Auffassung - und: wenn wir über "Auslaufen" sprechen, welche Zeiträume sind dann realistisch?

Claudia Kemfert: Die Kernenergie war und ist auch unter der jetzigen Regierung ein Auslaufmodell. Endlich wird dies auch von der Regierung so explizit formuliert. Deutschland will den Anteil erneuerbarer Energien auf 80 Prozent in den kommenden Jahrzehnten ausbauen. Dieses Ziel sollte so schnell wie möglich auch umgesetzt werden. Die Frage ist allerdings, wie lang man Kernenergie im Einsatz lässt. Dabei geht es nicht um einen Neubau. Mit dem längeren Einsatz der in Deutschland betriebenen Kernkraftwerke kann man den Neubau von Kohlekraftwerken verhindern, das müsste man auch verbindlich festlegen.

Während sich die Opposition hierzulande lieber heute als morgen von der Kernkraft verabschieden möchte, sind weltweit neue Meiler geplant. Wie geht das zusammen?

Die Rolle der Kernenergie wird überschätzt. Weltweit sind derzeit etwa 440 Kernkraftwerke im Einsatz, von denen gehen einige in den kommenden Jahren vom Netz. Um das Energieproblem wirklich lösen zu können, müsste man 1500 neue Kernkraftwerke bauen - wirtschaftlich unmöglich! Demnach wird sich der globale Anteil (16 Prozent) auch nicht erhöhen, sondern eher sinken. Die Kernenergie wird einen beschränkten Anteil behalten, wichtiger ist der Ausbau der erneuerbaren Energien.

Können die Erneuerbaren Energien die Kernkraft ersetzen?

Das können sie schon, doch in Deutschland ist eher der hohe Anteil der Kohlekraftwerke ein Problem. Gehen die AKW schneller vom Netz, werden mehr Kohlekraftwerke gebaut. Eine bessere Brücke wären Gaskraftwerke, die gut kombinierbar sind mit Erneuerbaren Energien. Der Anteil der erneuerbaren Energien soll sich in den kommenden Jahrzehnten auf 80 Prozent erhöhen.

Wie realistisch ist das Szenario, Kernkraftwerke so lange durch Kohlekraftwerke abzulösen, bis mit erneuerbaren Energien die Versorgungssicherheit gewährleistet werden kann? Und: Wie würde sich der vermehrte Einsatz von Kohlekraftwerken auf den Strompreis auswirken?

Realistisch wäre es schon, aber nicht zu unterstützen! Ich halte dies für eine absolute falsche Entscheidung, denn ein steigender Anteil von Kohle von heute 45 Prozent auf knapp 70 Prozent, was dieses Szenario bedeuten würde, würde die Treibhausgase massiv in die Höhe treiben. Das würde die CO-2-Preise auch stark ansteigen lassen, dadurch steigt der Strompreis. Gas-Kraft-Wärme-Kopplung wäre die bessere Alternative. Allerdings ist Gas hierzulande zu teuer, da wir uns an russische Lieferunternehmen und somit an die teure Ölpreisbindung koppeln. Daher wird Gas unattraktiv, obwohl der Gaspreis an der Börse aufgrund des Überangebots sehr niedrig ist.

Brauchen wir mehr Initiativen, wie das Wüstenstromprojekt Desertec, das Solarstrom von Afrika nach Europa bringen soll, um uns unabhängiger von Kernenergie und fossilen Energien, allen voran Öl und auch Gas, zu machen?

Wir brauchen jede Form der Erneuerbaren Energien, Desertec wie Seatec oder andere Großprojekte. Parallel dazu benötigen wir aber auch eine dezentrale Energieversorgung und Energieeffizienzverbesserungen. In der Zukunft werden Hauser mehr Energie sowohl für Strom als auch für Mobilität erzeugen als verbrauchen. Dazu benötigen wir neue Techniken der Antriebsstoffe, Speicherung und vor allem einen Ausbau der Infrastruktur.

Claudia Kemfert leitet die Abteilung „Energie, Verkehr und Umwelt“ am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin und ist Professorin für Energieökonomie und Nachhaltigkeit an der Hertie School of Governance.

Kommentare (2)

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Gast

13.03.2011, 15:20 Uhr

"Claudia Dampf in allen Gassen". Sie ist heute Finanzexpertin, morgen Energieexpertin, übermorgen "Exoertin" für was anderes. Tatsächlich ist sie Ökonomin, eine Spezies, die weder die Energieprobleme der Menschheit noch andere technische Herausforderungen ganz gewiß nicht lösen wird!
So versteht sie zwar nichts von Energie, dafür aber umso mehr von "Kommunikation"

Account gelöscht!

13.03.2011, 18:51 Uhr

Ich schätze Frau Kempfert.
Ich stelel auch ihr die Frage: Warum gibt es bei uns keine Wasserkraftwerke? Ist doch eine komplett saubere Stromerzeugung.
Aber auch der Bürger muß umdenken.
Wir reden alle von Stromsparen, aber dann bauen wir diese Kaffemaschinen für Kaffepads wo man sich jede Tasse einzeon aufbrüht. Jedes Mal als wieder Strom verbraucht anstatt wie sonst morgens seine Kaffeemaschine anschmeißen und die Kanne durchlaufen lassen.
Und da dürfte es sich noch ein paar andere Dinge geben.
Brauchen wir elektr. Zahnbürsten?

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