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21.04.2015

15:47 Uhr

DIW zur Energiewende

Warum Gabriels Kohle-Abgabe Sinn macht

VonDietmar Neuerer

Zu viel Kohlestrom im Netz schmälert den Wert von Ökostrom und konterkariert die Energiewende. Minister Gabriel reagiert mit einer Kohle-Abgabe und erntet Kritik. Dabei ist er damit auf dem richtigen Weg, meint das DIW.

Alte ineffiziente Kohlekraftwerke sollten aus dem Markt gehen würden, empfiehlt das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW). dpa

Braunkohlekraftwerke in Nordrhein-Westfalen.

Alte ineffiziente Kohlekraftwerke sollten aus dem Markt gehen würden, empfiehlt das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW).

BerlinDie Energieexpertin des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), Claudia Kemfert, sieht in der von Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel (SPD) geplanten Sonderabgabe auf alte Kohlekraftwerke eine Möglichkeit, den zunehmenden Wertverlust von Strom aus erneuerbaren Energien zu stoppen.

„Der Wertverfall der erneuerbaren Energien wird vor allem auch dadurch ausgelöst, dass noch immer zu viel konventioneller Kohlestrom produziert wird und es dadurch zu massiven Überschüssen kommt“, sagte Kemfert dem Handelsblatt (Online-Ausgabe). Gabriels Vorschlag für eine Klimaabgabe beim Überschreiten eines CO2-Freibetrags für mehr als 20 Jahre alte fossile Kraftwerkegehe gehe daher in die richtige Richtung.

Besser wäre aus Kemferts Sicht jedoch, alte Kohlekraftwerke abzuschalten. „Heute gibt es einen großen Stromangebotsüberschuss, ausgelöst vor allem durch den Einsatz von alten ineffizienten Kohlekraftwerken“, erläuterte die Ökonomin. Diese führe zu einem Absenken der Strompreise an der Börse.

„Aus diesem Grund kann eine doppelte Dividende erreicht werden, wenn alte ineffiziente Kohlekraftwerke aus dem Markt gehen würden“, ist Kemfert überzeugt. „Der Stromangebotsüberschuss würde sinken, der Strompreis an der Börse wieder steigen und die Wirtschaftlichkeit der Kraftwerke verbessern.“

Zudem würde sich aus Kemferts Sicht die Klimabilanz verbessern. Kohlekraftwerke seien aufgrund ihrer Inflexibilität „eher ungeeignet“ für eine Kombination mit erneuerbaren Energien, Gaskraftwerke dagegen deutlich besser geeignet.

„Durch einen höheren Strombörsenpreis und einen höheren CO2-Preis würde sich die Wirtschaftlichkeit der flexiblen Kraftwerke verbessern. Zudem würde die EEG-Umlage sinken.“ Das Argument der Kritiker von Gabriels Klimaabgabe, dass die Klimaziele durch den europäischen Emissionshandel erreicht werden könnten, teilt Kemfert nicht. „Der Emissionshandel funktioniert leider nicht, da der CO2-Preis zu niedrig ist“, sagte sie.

Dagegen stellt der CDU-Wirtschaftspolitiker Joachim Pfeiffer kürzlich indirekt die von der Regierung eingegangenen Verpflichtungen zur Emissionsminderung in Frage, indem er sagte, die Klimaziele seien „kein Selbstzweck“.

Pfeiffer zeigte sich überzeugt, dass die Klimaziele durch den Emissionshandel erreicht werden könnten und wandte sich gegen zusätzliche nationale Maßnahmen. Dies wies Gabriel allerdings unter Hinweis auf den Preisverfall bei CO2-Zertifikaten zurück. Der Emissionshandel sei für die Zeit bis 2020 kein wirksames Instrument.

„Wenn wir das Klimaziel erreichen wollen, dann müssen alte Kohlekraftwerke aus dem Markt“, meinte der Grünen-Umweltpolitiker Oliver Krischer. „Wir brauchen den Strukturwandel“, plädierte er für eine Abkehr von fossilen Energieträgern. „Wir dürfen nicht wie bei der Steinkohle den Fehler machen, an überkommenen Strukturen festzuhalten.“ Es gehe um einen „Einstieg in den Ausstieg“, sagte auch die Grünen-Klimaexpertin Annalena Baerbock.

Kommentare (11)

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G. Nampf

21.04.2015, 16:01 Uhr

Sinnvoll wäre es vor allem, die Braunkohlekraftwerke bevorzugt abzuschalten, denn sie sind nicht nur die schmutzigsten Kraftwerke, sondern verfeuern auch einen Brennstoff, dessen Abbau ganze Landstriche zu Mondlandschaften macht.

Herr Marcel Europaeer

21.04.2015, 16:29 Uhr

„Wir dürfen nicht wie bei der Steinkohle den Fehler machen, an überkommenen Strukturen festzuhalten.“

Da kann ich als Ruhrgebietler nur zustimmen. Bei der Steinkohle wurde der Fehler gemacht, eine sterbende Industrie noch 2 Jahrzehnte durchzufüttern. Natürlich war es nicht möglich, von heute auf morgen Millionen Menschen in die Arbeitslosigkeit zu entlassen, aber bei der Steinkohle war es eindeutig so, dass die Politik dem Druck der Kumpel zu lange nachgegeben hat. Dadurch wurde eine ganze Region daran gehindert, sich für die Zukunft aufzustellen.
Jetzt tut das Ruhrgebiet sich schwer, wieder Tritt zu fassen.

Der Braunkohletagebau und die Braunkohleverstromung ist heute ein sterbendes Geschäft ohne Zukunft. Windenergie wird schon in diesem Jahr über 10 % des Strombedarfs abdecken. Insgesamt wird der Anteil der Erneuerbaren Energien bei 30% liegen. Trotz des Abschaltens der Kernkraftwerke haben wir ein Überangebot bei der Stromerzeugung aus Endlichen Energien und die ersten, die aus diesem Sektor über die Klinge springen sollten, sind nach meiner Meinung Braunkohlekraftwerke. Schließlich ist Braunkohleverstromung die dreckigste Art ist, Strom zu erzeugen.

Herr Rainer Feiden

21.04.2015, 16:43 Uhr

Die Vorschläge treffen nicht den Kern des Problems. Was ist denn das für ein "Markt" an welchem gewisse Marktteilnehmer Zufallsstrom in unbegrenzter Menge und VORRANGIG einspeisen dürfen und andere Marktteilnehmer nicht? Und warum werden die Kosten der Versorgungssicherheit so einseitig auf die AKTIONÄRE (Eigentümer) der großen Versorger und Stadtwerke abgewälzt? Was bitte ist hier als Begründung anzuführen? Daß man für einen Kapazitätsmarkt politisch derzeit keine neue Umlage verkaufen kann (VSU : VersorgungsSicherheitsUmlage ? :-D)
Meiner Meinung nach sollten die Betreiber Erneuerbarer Erzeugungsanlagen nicht nur an den Kosten der Versorgungssicherheit beteiligt werden. Sie müssten per Umlage die Kosten eigentlich voll übernehmen. Denn ohne die Konventionellen würde das Geschäftsmodell der Erneuerbaren doch gar nicht funktionieren.Dann ginge hier bei jedem Sonnenuntergang und bei jeder Windstille das Licht aus. Wer bitte will das? Den "Grünen" will ich sehen, der das akzeptiert.

Einem Bericht der Börsenzeitung vom 16.04.2015 werden durch die CO2-Abgabe von 38 Braunkohleblöcken mit 20 Gigawatt Leistung und 32,50 Euro je Megawattstunde 90% unwirtschaftlich.90%! 20 Gigawatt entspricht einem Viertel der installierten Leistung konventioneller Kraftwerke. Wer soll diese Kosten tragen? Die Eigentümer oder die Allgemeinheit?

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