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01.03.2017

10:43 Uhr

Doc Morris & Co.

Von wegen Apotheker-Schreck

VonPeter Thelen

Bedrohen Versandhändler wie Doc Morris und Co. die deutschen Apotheken? Der Bundesverband der Betriebskrankenkassen nährt mit neuen Zahlen erhebliche Zweifel daran. Echte Konkurrenz sieht anders aus.

Auch im Inland spielt der Versandhandel mit Medikamenten auch deutlich über zehn Jahre nach seiner Einführung eine eher untergeordnete Rolle. AP

Apotheke in Berlin

Auch im Inland spielt der Versandhandel mit Medikamenten auch deutlich über zehn Jahre nach seiner Einführung eine eher untergeordnete Rolle.

BerlinBundesgesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) fährt derzeit schwere Geschütze gegen Versandapotheken auf, die ihren Sitz im europäischen Ausland haben. Weil der Europäische Gerichtshof im vergangenen Herbst geurteilt hat, dass die Preisregeln für inländische Apotheken für Versandhändler wie Doc Morris in den Niederlanden nicht gelten und sie daher Rabatt geben dürfen, will der Minister den Versandhandel mit rezeptpflichtigen Medikamenten ganz verbieten. Er sieht durch das Urteil die flächendeckende Versorgung mit Arzneimitteln durch wohnortnahe Apotheken in Gefahr.

Zu Recht? Der Bundesverband der Betriebskrankenkassen nährt mit neuen Zahlen erhebliche Zweifel. Obwohl die Betriebskrankenkassen traditionell vor allem für ihre chronisch kranken Versicherten mit Versandapotheken gut zusammen arbeiten, machten 2016 bei den Arzneimittelausgaben der Betriebskrankenkassen der Handelt mit ausländischen Versandapotheken gerade einmal 1,73 Prozent aus. Für alle gesetzlichen Krankenkassen liegen bislang nur Zahlen von Januar bis September vor. Danach entfielen in dieser Zeit 0,95 Prozent des Umsatzes auf ausländische Versandapotheken. Ein gefährlicher Wettbewerber sieht anders aus.

Zumal die Zahlen des statistischen Bundesamts auch belegen, dass nach dem Urteil des europäischen Gerichtshofs im Oktober der befürchtete Run der Kunden auf die Versandhändler ausgeblieben ist: Im Gegenteil. Im Januar erreichte der Umsatzanteil der Versandhändler noch fast zwei Prozent. Im November einen Monat nach Urteilsverkündung waren es 1,8 Prozent und im Dezember nur noch 1,6 Prozent – und das, obwohl Doc Morris und Co. heftig die Werbetrommel rührten.

Für welche Produkte in Deutschland Preisbindungen gelten

Verlagserzeugnisse

Für Produkte wie Bücher, Noten, Landkarten und sogenannte „Buchsubstitute“ wie zum Beispiel E-Books gilt in Deutschland die Buchpreisbindung. Sie schreibt den Verlagen beziehungsweise Buchimporteuren vor, für jedes Buch einen unveränderbaren Preis festzusetzen, der an allen Verkaufsstellen gilt.

Zeitungen und Zeitschriften

Ebenso gelten feste Preise für Zeitungen und Zeitschriften – wenn der Verleger mit dem Großhändler einen entsprechenden Preisbindungsvertrag geschlossen hat. Anders als bei der Buchpreisbindung ist die Festsetzung freiwillig.

Tabakwaren

Die Preise für Tabakwaren wie Zigaretten, Zigarren und Zigarillos werden im Tabaksteuergesetz festgelegt.

Beförderungsentgelte

Auch die Preise für meisten Taxifahrten werden gebunden festgelegt.

Mieten

Nach unten offen, aber nach oben gedeckelt sind die Mieten im sozialen Wohnungsbau. Die Grenze setzt hierbei die sogenannte Kostenmiete, also einen Mietzins, der zur Deckung der laufenden Aufwendungen unter Berücksichtigung der tatsächlichen Finanzierungskosten erforderlich ist. Eine Unterschreitung der Kostenmiete ist indes erlaubt, weshalb es sich nicht um eine Preisbindung im strengen Sinne handelt.

Rezeptpflichtige Arzneimittel

Der Europäische Gerichtshof hat entschieden, dass ausländische Apotheken die gesetzlich festgeschriebenen Preise für Arzneimittel in Deutschland unterbieten dürfen. Damit gilt die Preisbindung für Arzneimittel lediglich noch vorläufig.

Auch im Inland spielt der Versandhandel mit Medikamenten auch nach mehr als zehn Jahren nach seiner Einführung eine eher untergeordnete Rolle: Zwar haben über 3.000 der 20.000 Apotheken eine Versandhandelserlaubnis. Doch nur 150 betreiben dieses Geschäft ernsthaft. Die Übrigen haben die Erlaubnis vor allem deshalb, weil sie Stammkunden Medikamente nach Haus bringen wollen, die körperlich zu schwach sind, um sie selbst abzuholen, ohne mit dem Gesetz in Konflikt zu geraten.

Trotzdem will Franz Knieps Chef des BKK-Bundesverbands, nicht auf den Versandhandel verzichten. Gerade chronisch Kranke, oft multimorbide und nicht mobil, seien auf den Versandhandel mit verschreibungspflichtigen Arzneimitteln angewiesen. „Dies lässt sich auch per Ministerdekret nicht zurückdrehen. Schon gar nicht in ländlichen Gebieten, relativ weit entfernt von der nächsten Apotheke.“

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