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13.08.2015

14:24 Uhr

Dörfer in Deutschland

Älter, ärmer, leer

VonDana Heide , Jonathan Schmitt

Junge Leute zieht es in die Städte, auf dem Land bleiben die Älteren zurück – wenn überhaupt. Für die Menschen in den Schrumpf-Dörfern hat das dramatische Folgen. Unsere Grafik zeigt, wie es um Ihre Region bestellt ist.

„Die strukturschwachen Regionen laufen Gefahr, wirtschaftlich weiter zurückzufallen“. dpa

Rentner auf einer Parkbank

„Die strukturschwachen Regionen laufen Gefahr, wirtschaftlich weiter zurückzufallen“.

BerlinÄlter, ärmer, leerer – die Entwicklung in vielen deutschen Dörfern sieht düster aus, wie eine Studie des Bundesinstituts für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR) zeigt. Die am Donnerstag vorgestellte Erhebung bezieht sich auf Daten von 1993 bis 2013.

Die Folgen des Strukturwandels sind vielfältig – ökonomisch und sozial. Während die großen Städte und Metropolregionen zu den Gewinnern gehören, verlieren auf der anderen Seite die mittleren und kleinen Städte, aber vor allem die ländlichen Regionen und Kommunen. Im Durchschnitt steht hier mittlerweile jede zwölfte Wohnung leer. „Die Metropolen haben eine enorme Sogwirkung“, sagte BBSR-Direktor Harald Herrmann bei der Vorstellung der Studienergebnisse in Berlin.

In schrumpfenden Gemeinden ist jeder zweite Bürger 50 Jahre und älter. Die Abwanderung hat Folgen: Weniger Bürger müssen die Kosten für die gleiche Infrastruktur finanzieren und zusätzlich mehr Angebote für Ältere bereitstellen. Ein Kraftakt für die Kommunen. Besonders der Osten steht im relativen Vergleich der Studie schlecht dar. Während im Westen 41 Prozent aller Gemeinden als schrumpfend eingestuft werden, sind es im Osten sogar 84 Prozent. Es verlassen zudem mehr Frauen als Männer die Dörfer. Rein statistisch findet deshalb jeder fünfte Mann auf dem Land keine gleichaltrige Partnerin.

Das gefährliche am demographischen und wirtschaftlichen Wandel: Er beschleunigt sich fast selbstständig. Schrumpft eine Region, beginnt ein Teufelskreis. Denn Bevölkerungs- und Wirtschaftswachstum hängen eng miteinander zusammen. Sinkt die Bevölkerungszahl, wie insbesondere im Osten, geben weniger Menschen dort Geld aus.

Das 10-Punkte-Programm für mehr Investitionen

Wer die Vorschläge erarbeitet hat

Die von Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel (SPD) berufene Expertenkommission hat einen Zehn-Punkte-Plan für mehr öffentliche und private Investitionen in Deutschland vorgelegt. Die Gruppe setzt sich aus 21 Repräsentanten aus Wirtschaft, Wissenschaft und Gewerkschaften zusammen. Geleitet wird sie vom Präsidenten des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), Marcel Fratzscher.

Selbstbindung des Staates für mehr Investitionen

Der Staat sollte sich haushaltsrechtlich verpflichten, mindestens in der Höhe zu investieren, wie sein Vermögen, etwa Straßen oder Gebäuden, Jahr für Jahr abgenutzt werden. Der Bund sollte sich zudem festlegen, unerwartete Überschüsse vorrangig für Investitionen zu nutzen. Neue Spezialinstitute sollen den Staat dabei unterstützen.

Kommunales Iprogramm

Für die Kommunen soll es einen „Nationalen Investitionspakt“ geben. Über den sollen in den nächsten drei Jahren zusätzliche kommunale Investitionen von mindestens 15 Milliarden Euro fließen.

Unterstützung von strukturschwachen Kommunen

Beratend unterstützt werden sollen strukturschwache Gemeinden und Städte durch eine „Infrastrukturgesellschaft für Kommunen“ (IfK). Zudem sollen Kooperationen mit anderen Kommunen und mit öffentlichen Firmen weiterentwickelt werden.

Private Gelder für Kommunen

Bei der Entscheidung zwischen öffentlicher und privater Finanzierung von Investitionen der Kommunen soll die jeweils effektivste und günstigste Lösung gewählt werden. Eine Option ist ein öffentlicher Infrastrukturfonds von Bund und Ländern, an dem sich institutionelle Investoren wie Versicherungen und Pensionsfonds beteiligen können. Eine zweite ist die eines Bürgerfonds, über den Sparer Geld anlegen können. Dieses flösse dann risikomindernd in ein Bündel von Investitionsvorhaben - womöglich noch gefördert über die Arbeitnehmersparzulage.

Verkehrsgesellschaft auf Bundesebene

Langfristig soll eine öffentliche Infrastrukturgesellschaft für Bundesfernstraßen geprüft werden. Sie wäre für den Bau und Betrieb der Fernstraßen zuständig und würde sich überwiegend über Maut-Gebühren finanzieren und selbst Kredite - aber ohne Staatsgarantie - aufnehmen können. Eine Privatisierung von Autobahnen ist damit aber nicht vorgesehen.

Allgemeine Rahmenbedingungen in Deutschland

Die Kommission plädiert in Deutschland für mehr Investitionen in Qualifikation und Bildung, den Bürokratieabbau, eine effektive Finanzmarktregulierung sowie die Nachwuchssicherung von Fachkräften - auch mit Hilfe von Zuwanderung.

Innovationen in Unternehmen

Das Ziel von drei Prozent Anteil der Ausgaben von Forschung und Entwicklung an der Wirtschaftsleistung wird als zu niedrig angesehen. Die Kommission schlägt 3,5 Prozent vor. Zudem sollen bei der Finanzierung von Investitionen Eigenkapital und Fremdkapital steuerlich gleich behandelt werden. Eine generelle Steuersenkung soll das für Unternehmen nicht mit sich bringen.

Energie

Hier sieht die Kommission einen Investitionsbedarf von über 30 Milliarden Euro jährlich bei den privaten Anbietern für Netze, Erzeugung und Energieeffizienz bis 2020.

Juncker-Plan

Die Kommission begrüßt den Investitions-Förderplan von EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker. Sollte er sich als erfolgreich erweisen, sollte er dauerhaft weiterverfolgt werden. Das bedeute aber auch eine höhere Kapitalausstattung.

Außerdem stehen weniger junge gut ausgebildete Fachkräfte zur Verfügung. Deshalb wird einerseits weniger produziert und andererseits weniger investiert. Die Steuereinnahmen sinken und die öffentlichen Kassen müssen immer mehr sparen. Das hinterlässt Spuren in der Infrastruktur, aber auch in den Köpfen der Menschen.

Durch all diese Aspekte verlieren die Dörfer an Anziehungskraft, besonders für junge Menschen. Es folgt ein erneuter Bevölkerungsrückgang – und so weiter. Die niedrige Geburtenrate trägt natürlich auch zur Entwicklung bei. Nur in 137 von rund 4500 Kommunen in Deutschland gibt es mehr Geburten als Sterbefälle.

Kommentare (48)

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Herr Renatus Isenberg

13.08.2015, 14:43 Uhr

Beitrag von der Redaktion gelöscht. Bitte bleiben Sie sachlich.

Frau Michael Engel

13.08.2015, 14:55 Uhr

Beitrag von der Redaktion gelöscht. Bitte bleiben Sie sachlich.

Herr Roland Magiera

13.08.2015, 15:03 Uhr

Kein Problem, derzeit kommen genügend Neubürger an, welche die Lücken füllen können.

Frei nach dem Motto: "Hurra, unser ganzes Dorf lebt vom Sozialstaat."

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