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16.05.2013

15:38 Uhr

Dolmetscher

Dumpingpreise bei der Polizei

Ausgerechnet Polizei und Justiz knausern, wenn es um Honorare von Übersetzern und Dolmetschern geht. Heute entscheidet der Bundestag über höhere Honorare. Für viele Betroffene gibt es trotzdem wenig Hoffnung.

In ganz Deutschland versuchen Beamte, die im Vergütungsgesetz genannten Sätze zu drücken. ZB

In ganz Deutschland versuchen Beamte, die im Vergütungsgesetz genannten Sätze zu drücken.

Der Auftrag von der Kölner Polizei klang vielversprechend. Für drei Stunden sollte die Dolmetscherin Adrijana Branković im Januar aus Düsseldorf in die Domstadt kommen, um den Beamten bei einer Telefonüberwachung zu helfen. Es ging um organisiertes Verbrechen auf serbisch-mazedonisch. Um ihren Verdienst machte sich die Balkan-Expertin keine Sorgen. Da die Staatsanwaltschaft den Lauschangriff angeordnet hatte, verließ sich die Dolmetscherin auf das Justizvergütungs- und -entschädigungsgesetz (JVEG). Darin heißt es: „Das Honorar des Dolmetschers beträgt für jede Stunde 55 Euro.“

Doch als Branković kurz darauf ihre Rechnung stellte, erlebte sie eine böse Überraschung: Statt des erwarteten Geldes schickte die Polizei ein Fax. „Ich sollte rückwirkend unterschreiben, dass ich statt 55 nur 38 Euro die Stunde nehme“, schimpft die Dolmetscherin. In dem Schreiben, das dem Handelsblatt vorliegt, ist das Feld für den vereinbarten Stundensatz freigelassen. „Am Telefon sagten die mir, ich solle 38 Euro eintragen, das sei der übliche Satz.“ Branković heißt eigentlich anders. Aber wer in diesem Geschäft offen redet, droht rauszufliegen.

In ganz Deutschland versuchen Beamte, die im Vergütungsgesetz genannten Sätze zu drücken. Dabei stützen sie sich auf eine Ausnahmeregel: Buchen sie einen Dolmetscher häufiger, können sie individuell verhandeln. Auch Gerichte drücken die Preise. An diesem Donnerstag entscheidet der Bundestag über eine Erhöhung der Honorare. Dolmetscher sollen statt 55 Euro künftig mindestens 70 Euro bekommen, wenn sie für Polizei und Justiz arbeiten. Übersetzer sollen für schriftliche Texte höhere Zeilensätze erhalten.

Doch vielen der meist freiberuflichen Polizeidolmetschern bringt die Erhöhung gar nichts. Denn seit einiger Zeit veranstalten die Polizeipräsidien regelrechte Auktionen. Was das bedeutet, berichtet ein Dolmetscher aus Nordrhein-Westfalen: „Ich sollte der Polizei einen Preis für einen Rahmenvertrag nennen. Um meine Chancen zu verbessern, habe ich statt 55 nur 45 Euro geboten. Doch mit diesem Preis war ich einer der teuersten! Also musste ich nachbessern. Bei 27 Euro war ich dann unter den ersten sechs.“ Oder in Bayern: „Wer nicht die Rahmenverträge mit deutlichem Abschlag unterschreibt, ist raus“, berichtet eine Dolmetscherin.

Die Dumpingpreise sind Folge immer strengerer Sparvorgaben für die Dienststellenleiter. In Nordrhein-Westfalen hat das Innenministerium Ende Februar den Druck per Runderlass zusätzlich erhöht: So soll die Polizei „im Sinne einer sparsamen und wirtschaftlichen Haushaltsführung (…) grundsätzlich Ausschreibungen nutzen“ und „Wettbewerb herstellen“. Um diese Vorgabe zu erfüllen, versuchen die Polizeireviere, möglichst mit allen Dolmetschern individuell zu verhandeln. Das Justizvergütungs- und -entschädigungsgesetz verkäme damit zur Makulatur.

Kommentare (7)

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Troll

17.05.2013, 16:06 Uhr

Irgendwann werden nur noch unqualifizierte Personen für Polizei und Justiz übersetzen und dolmetschen, weil die qualifizierten sich anderen Kundenkreisen zuwenden.

bmb

17.05.2013, 19:05 Uhr

http://nopeanuts.wordpress.com/resistance/uk-interpreters-boycott/

Bald werden wir englische Verhältnisse haben ...

Ich habe mich schon längst aus diesem Markt zurückgezogen.

Account gelöscht!

21.05.2013, 14:27 Uhr

Es gäbe einige Optionen, diesem Dilemma beizukommen:

- Erlassen eines Gesetzes zum Schutze der Berufsbezeichnung analog dem Ingenieursgesetz, das die Marke Marke "Dipl.-Ingenieur"schützt

- Aufnahme von Mitgliedern mit gängigen Sprachen wie englisch und französisch in die Verbände nur dann, wenn sie eine einschlägige Übersetzer-/Dolmetscherausbildung nachweisen können

- Aufnahme von Mitgliedern ohne einschlägige Ausbildung in gängigen Sprachen nur dann, wenn sie den 3-jährigen Studiengang Konfernezdolmetscher M.A. absolvieren

- Für kleine und seltene Sprachen, für die es keine Studiengänge gibt: kostenpflichtige Zertifizierung / Prüfung, die über die Prüfungen der IHKs hinausgeht. Erst dann Aufnahme in den Verbänden

Der Wille und gemeinsames Handeln würden viel bewirken - leider gibt es viele Partikularinteressen und das Leid ist noch nicht groß genug, um handeln zu wollen.

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