Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

20.08.2015

11:44 Uhr

Egon Bahr ist tot

Leise, aber hartnäckig

VonRüdiger Scheidges, Klaus Stratmann

Er hatte ein Lebensthema: die deutsche Einheit. Dafür nahm die SPD-Größe Egon Bahr auch in Kauf, wochenlang am Hasspranger in Deutschland zu stehen. Nun ist der Architekt der deutschen Ostpolitik gestorben. Ein Nachruf.

SPD-Größe gestorben

Egon Bahr ist tot

SPD-Größe gestorben: Egon Bahr ist tot

Ihr Browser unterstützt leider die Anzeige dieses Videos nicht.

BerlinEine Packung Marlboro und eine Thermoskanne mit Filterkaffee fehlten nie auf Egon Bahrs Schreibtisch im Berliner Willy-Brandt-Haus. Ehe er auf Fragen seines Gegenübers reagierte, nahm er einen Zug von seiner Zigarette, trank einen Schluck Kaffee – und schwieg. 30 Sekunden lang, oder auch mal eine Minute. Seine Antworten waren dann präzise und druckreif. Bis zuletzt analysierte er die politische Entwicklung klug und nachdenklich. Warnte davor, Putin zu isolieren, hielt aber immer auch kritische Distanz zu Russland.

„Tricky Egon“, wie er gerne genannt wurde, beherrschte wie kaum ein Zweiter das Spiel mit feinsten sprachlichen Nuancen. Geschult hatte er es in endlosen geheimen Verhandlungsrunden mit den Emissären Moskaus, Warschaus oder Ost-Berlins. Stets konziliant, oft mit feiner Ironie erklärte er seine Sicht der Dinge. Auf die Frage des Handelsblattes, ob man Putin trauen könne, hatte er im August vergangenen Jahres eine knappe und schöne Antwort parat: „Ich kenne ihn nicht persönlich.“

Was Egon Bahr auszeichnete

Vertrauter

Egon Bahr war der wichtigste Vertraute Willy Brandts – und das nicht erst während dessen Kanzlerschaft von 1969 bis 1974. Bereits 1960 wurde Bahr Sprecher des vom Regierenden Bürgermeister Brandt geführten Berliner Senats. Bahr wurde 93 Jahre alt.

Vordenker

Bahr trieb unter Brandts Führung die Aussöhnung mit Osteuropa voran, ab 1969 als Staatssekretär im Bundeskanzleramt, von 1972 bis 1974 als Bundesminister für besondere Aufgaben. Er gilt als „Architekt der Ostpolitik“, auf ihn gehen das Motto „Wandel durch Annäherung“ und die „Politik der kleinen Schritte“ zurück. Er war Brandts Unterhändler und Strippenzieher, von Freund und Feind als „Tricky Egon“ gefürchtet wie geachtet. Bahr bringt sich bis heute in die außen- und sicherheitspolitische Debatte ein.

Ratgeber

Bis zuletzt war Egon Bahr stets ein loyaler und unermüdlicher Ratgeber der SPD gewesen. „Wir werden seine analytische Brillanz, seine Rationalität und Leidenschaft, aber auch sein Temperament und seinen liebenswürdigen Humor sehr vermissen“, sagt der amtierende Parteichef Sigmar Gabriel. „Ich werde Egon auch als Freund und Ratgeber sehr vermissen.“ 

Vater

Bahr hat drei Kinder. Seit 2011 war er in zweiter Ehe mit der ehemaligen Hochschullehrerin Adelheid Bahr, vormals Bonnemann-Böhner, verheiratet.

Egon Bahr wäre am liebsten Musiker geworden, doch das galt seiner Familie als brotlose Kunst. Keine Zukunft für Egon! Dochd er hatte noch ganz andere Talente. „Ich bildete mir ein, schreiben zu können“, sagte Bahr einmal. Das Talent war nicht nur eingebildet. Er schreibt für verschiedene Zeitungen, landet schließlich in Berlin beim Rias, dem „Rundfunk im amerikanischen Sektor“. Er wird Chefredakteur und eine bekannte und wichtige politische Stimme.

Egon Bahr - enger Wegbegleiter Willy Brandts

1956

Über den damaligen Regierenden Bürgermeister von Berlin, Willy Brandt, gelangt der Journalist Bahr zur SPD.

1963

Bahr stellt das Konzept „Wandel durch Annäherung“ vor.

1966

Brandt wird in der Großen Koalition Außenminister, Bahr geht als Sonderbotschafter in das Auswärtige Amt in Bonn.

1969

Bahr arbeitet im Kanzleramt dem ersten SPD-Kanzler Brandt zu. Mit Moskau und Warschau verhandelt er über Verträge zu einem Gewaltverzicht und einer Normalisierung der Beziehungen. Er sucht zudem die Annäherung an die DDR, um das deutsch-deutsche Verhältnis zu verbessern, unter anderem wird ein Transitabkommen geschlossen.

1972

Bahr wird Bundesminister für besondere Aufgaben und setzt vor allem Brandts neue Ost- und Deutschlandpolitik fort.

1974

Der größte Tiefschlag ist Brandts Rücktritt nach der Enttarnung des DDR-Spions Günter Guillaume im Kanzleramt. Dennoch wird er wenig später im Juli unter Nachfolger Helmut Schmidt noch einmal Minister, für wirtschaftliche Zusammenarbeit.

1976

Nach der Wahl scheidet er aus dem Kabinett aus. Er wird zunächst SPD-Bundesgeschäftsführer. Sein großes Thema ist aber bis heute die Abrüstungs- und Friedenspolitik geblieben.

Im zerstörten und zerrütteten Nachkriegsberlin drängt sich dem Journalisten schnell sein Lebensthema auf: die deutsche Frage. Bahr tritt 1956 in die SPD ein. Berlins Regierender Bürgermeister Willy Brandt macht ihn 1960 zum Pressesprecher des Senats. Der Beginn einer großen Freundschaft. Bahr begleitet Brandt dann 1966 in der Großen Koalition ins Auswärtige Amt und war ab 1969 auch im Bundeskanzleramt an dessen Seite.

Kommentare (6)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

Herr Peter Petersen

20.08.2015, 10:57 Uhr

Es ist schade, dass es aktuell weder in den Reihen deutscher noch europäischer Regierungen Politiker von der politischen Größe eines Willy Brandt und eines Egon Bahr gibt. Das ist traurig. -- Dass es einen gestandenen Kämpfer mit 93 Jahren wohlverdient in die ewigen Jagdgründe zieht, eher nicht.
Hut ab Egon, Du hast ganz sicher viel für Deutschland und den Frieden in Europa beigetragen.
Leider hat es den Anschein, dass die europäische Friedenspolitik, die maßgeblich von Willy Brandt und Egon Bahr realisiert wurde, von heutigen Sozialdemokraten mit Regierungsverantwortung mit Füßen getreten wird. Nach unten treten und nach oben buckeln ist offensichtlich der Trend, der in politischen Riegen heutzutage das Tagesgeschäft von Politikern bestimmt.

Mach es gut Egon, Gruß an Willy ;-)

Herr C. Falk

20.08.2015, 10:58 Uhr

Als Egon Bahr und Willy Brandt ihre neue deutsche Ostpolitik konzipierten, die letztlich ein maßgeblicher Baustein und die Grundlage zur deutschen Einheit bildeten, wurden beide von den kalten Kriegern der CDU/CSU auf eine Weise angefeindet, die schon grenzwertig war. Einer der damaligen Protagonisten und Scharfmacher war v. Guttenberg der Großvater des bekannten Plagiators.

Bahrs neue Ostpolik war wegweisend, genauso wie heute eine Verständigungspolitik mit Russland wegweisend wäre und nicht eine Neuauflage des kalten Krieges, die zu nichts anderem führte und schon führt, als einer russisch-chinesischen strategischen Allianz auf allen Gebieten, nicht zuletzt einer militärischen Allianz.

Herr J.-Fr. Pella

20.08.2015, 11:29 Uhr

Ein großer Vordenker, Denker und Pragmatiker war E. Bahr.
Vergleicht man sein großes Können mit den Leistungen seiner selbsternannten "Enkel" wird mir Angst und Bange.
Ehre wem Ehre gebührt!

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×