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20.08.2015

09:08 Uhr

Egon Bahr stirbt mit 93 Jahren

Die SPD trauert um ihren Vordenker

Egon Bahr ist gestorben. Der SPD-Politiker erlag mit 93 Jahren einem Herzinfarkt. Der frühere Bundesminister gilt als Architekt der Ostpolitik unter Kanzler Brandt. Bis zuletzt kommentierte er die deutsche Außenpolitik.

Egon Bahr ist im Alter von 93 Jahren gestorben.

Egon Bahr

Egon Bahr ist im Alter von 93 Jahren gestorben.

Egon Bahr ist tot: Der 93-Jährige starb in der Nacht zu Donnerstag an einem Herzinfarkt. Eine Meldung des Magazin Stern hat die SPD mittlerweile bestätigt. „Mit großer Bestürzung und tiefer Trauer haben wir in der letzten Nacht vom Tode Egon Bahrs erfahren“, sagte Parteichef Sigmar Gabriel am Donnerstag. Die deutsche Sozialdemokratie und viele Menschen in Europa trauerten um einen „mutigen, aufrichtigen und großen Sozialdemokraten, den Architekten der deutschen Einheit, Friedenspolitiker und Europäer.“

Bis zuletzt hat Egon Bahr die deutsche Außenpolitik kommentiert – insbesondere die Ukraine-Krise. Zuletzt bekräftigte er im Mai bei einem TV-Auftritt seine Überzeugung: Einen Krieg mit Russland werde es nicht geben. Die Sanktionen seien eine sinnlose Kraftprobe. Die Ukraine dürfe kein Mitglied der Nato werden.

Was Egon Bahr auszeichnete

Vertrauter

Egon Bahr war der wichtigste Vertraute Willy Brandts – und das nicht erst während dessen Kanzlerschaft von 1969 bis 1974. Bereits 1960 wurde Bahr Sprecher des vom Regierenden Bürgermeister Brandt geführten Berliner Senats. Bahr wurde 93 Jahre alt.

Vordenker

Bahr trieb unter Brandts Führung die Aussöhnung mit Osteuropa voran, ab 1969 als Staatssekretär im Bundeskanzleramt, von 1972 bis 1974 als Bundesminister für besondere Aufgaben. Er gilt als „Architekt der Ostpolitik“, auf ihn gehen das Motto „Wandel durch Annäherung“ und die „Politik der kleinen Schritte“ zurück. Er war Brandts Unterhändler und Strippenzieher, von Freund und Feind als „Tricky Egon“ gefürchtet wie geachtet. Bahr bringt sich bis heute in die außen- und sicherheitspolitische Debatte ein.

Ratgeber

Bis zuletzt war Egon Bahr stets ein loyaler und unermüdlicher Ratgeber der SPD gewesen. „Wir werden seine analytische Brillanz, seine Rationalität und Leidenschaft, aber auch sein Temperament und seinen liebenswürdigen Humor sehr vermissen“, sagt der amtierende Parteichef Sigmar Gabriel. „Ich werde Egon auch als Freund und Ratgeber sehr vermissen.“ 

Vater

Bahr hat drei Kinder. Seit 2011 war er in zweiter Ehe mit der ehemaligen Hochschullehrerin Adelheid Bahr, vormals Bonnemann-Böhner, verheiratet.

Noch Ende Juli war Bahr nach Moskau gereist und hatte sich dort zusammen mit dem Ex-Sowjetpräsidenten Michail Gorbatschow für ein Ende der Entfremdung zwischen Deutschland und Russland in der Ukraine-Krise ausgesprochen.

Egon Bahr gilt als Baumeister der deutschen Ostpolitik, die unter dem Leitgedanken „Wandel durch Annäherung“ stand. Die Karriere des 1922 im thüringischen Treffurt geborenen SPD-Politikers war eng mit dem ersten SPD-Bundeskanzler Willy Brandt verknüpft. Mit Moskau und Warschau verhandelte Bahr über Verträge zu einem Gewaltverzicht und zur Normalisierung der Beziehungen.

Egon Bahr - enger Wegbegleiter Willy Brandts

1956

Über den damaligen Regierenden Bürgermeister von Berlin, Willy Brandt, gelangt der Journalist Bahr zur SPD.

1963

Bahr stellt das Konzept „Wandel durch Annäherung“ vor.

1966

Brandt wird in der Großen Koalition Außenminister, Bahr geht als Sonderbotschafter in das Auswärtige Amt in Bonn.

1969

Bahr arbeitet im Kanzleramt dem ersten SPD-Kanzler Brandt zu. Mit Moskau und Warschau verhandelt er über Verträge zu einem Gewaltverzicht und einer Normalisierung der Beziehungen. Er sucht zudem die Annäherung an die DDR, um das deutsch-deutsche Verhältnis zu verbessern, unter anderem wird ein Transitabkommen geschlossen.

1972

Bahr wird Bundesminister für besondere Aufgaben und setzt vor allem Brandts neue Ost- und Deutschlandpolitik fort.

1974

Der größte Tiefschlag ist Brandts Rücktritt nach der Enttarnung des DDR-Spions Günter Guillaume im Kanzleramt. Dennoch wird er wenig später im Juli unter Nachfolger Helmut Schmidt noch einmal Minister, für wirtschaftliche Zusammenarbeit.

1976

Nach der Wahl scheidet er aus dem Kabinett aus. Er wird zunächst SPD-Bundesgeschäftsführer. Sein großes Thema ist aber bis heute die Abrüstungs- und Friedenspolitik geblieben.

Außerdem suchte er die Annäherung an die DDR, um die deutsch-deutschen Verhältnisse zu verbessern. Er wirkte unter anderem als Staatssekretär im Bundeskanzleramt. Im Jahr 1972 wurde er Bundesminister für besondere Aufgaben. Nach dem Rücktritt Brandts im Jahr 1974 wurde Bahr unter Nachfolger Helmut Schmidt (SPD) Bundesminister für wirtschaftliche Zusammenarbeit. Den Mauerfall am 9. November 1989 erlebte Bahr noch als Bundestagsabgeordneter, in knappes Jahr später schied er es Mitglied im Deutschen Bundestags aus.

Kommentare (8)

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Herr C. Falk

20.08.2015, 09:50 Uhr

Egon Bahr einer der grossen deutschen Nachkriegspolitiker von einem Format wie ihn heute keine Partei mehr aufzuweisen hat, ist gestorben.

Bahr ist noch vor ein paar Monaten zusammen mit Willy Wimmer, Peter Gauweiler und Alexander Gauland und anderen auf einer Compact-Konferenz des gleichnamigen Magazins, dessen Herausgeber Jürge Elsässer ist aufgetreten und hat das Wort ergriffen, um die unsinnige Sanktionspolitik gegen Russland zu brandmarken.

Bahr war gemeinsam mit Helmut Schmidt jemand, der am klarsten der unsinnigen Russlandpolitik von Frau Merkel bis zuletzt seine analytische Schärfe entgegensetzte.

Der Tod dieses Mannes ist ein echter und schwerer Verlust nicht nur für Deutschland sondern für Europa.

Anders Denken

20.08.2015, 09:59 Uhr

Ein tragischer Verlust für unser Land, ein kluger Kopf ist von uns gegangen.
Er hinterlässt ein großes, stolzes Vermächtnis.

Herr Peter Spiegel

20.08.2015, 10:00 Uhr

Im Gegensatz zur heutigen Regierung hat Herr Bahr versucht etwas für Deutschland
zu erreichen.

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