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09.08.2011

17:22 Uhr

Ehrung

Ein Stück Mauer für den Kanzler der Einheit

Vor dem berühmtesten Bungalow im Ludwigshafener Stadtteil Oggersheim hat ein Stück deutscher Geschichte seinen Platz gefunden. „Bild“-Chef Diekmann hat Altkanzler Helmut Kohl das letzte Stück Berliner Mauer geschenkt.

Der ehemalige Bundeskanzler Helmut Kohl (M, CDU), "Bild"-Chefredakteur Kai Diekmann (l) und Maike Kohl-Richter enthüllen ein Stück der früheren Berliner Mauer. Quelle: dpa

Der ehemalige Bundeskanzler Helmut Kohl (M, CDU), "Bild"-Chefredakteur Kai Diekmann (l) und Maike Kohl-Richter enthüllen ein Stück der früheren Berliner Mauer.

LudwigshafenBei der Frage, was er mit dem Bau der Berliner Mauer verbinde, zuckt der 15 Jahre alte Michael Hacker mit den Schultern. „Das ist eben Geschichte“. Der Bau der Mauer, die Berlin für fast 30 Jahre teilte, ist für den Schüler des Ludwigshafener Max-Planck-Gymnasiums nicht mehr recht vorstellbar. „Mit dem Mauerfall verbinde ich Freiheit“, sagt sein Mitschüler Pascal Mayer. „Ich bin dankbar, dass wir so etwas heute nicht mehr haben.“

Dank, das war auch das Stichwort, warum rund einhundert Schüler, viel Presse und eine Handvoll Nachbarn am Dienstag vor dem wohl berühmtesten Bungalow des Ludwigshafener Stadtteils Oggersheim standen. „Bild“-Chefredakteur Kai Diekmann war gekommen, um Altkanzler Helmut Kohl (CDU) für die Wiedervereinigung zu danken. Der Zeitungsmann überbrachte ein besonderes Geschenk: Ein 2,7 Tonnen schweres und fast 3,60 Meter hohes Stück der Berliner Mauer.

„Wir wollen heute dem Kanzler der Einheit Danke sagen“, betonte Diekmann bei der kleinen Feier vor dem Hause Kohls. In wenigen Tagen jähre sich zum 50. Mal der Jahrestag, an dem die Berliner Mauer gebaut wurde. „Ein Stück Berliner Mauer, das ist das Symbol für Unterdrückung, Unfreiheit und Tyrannei“, sagte Diekmann. Zugleich sei ein Teil der Mauer aber auch noch etwas anderes: „das Symbol ihrer eigenen Überwindung.“

Es habe ihn immer gestört, dass von der Mauer in Berlin praktisch nichts mehr zu sehen sei. „Wenn man nichts mehr sieht, erinnert man sich auch nicht mehr“, warnte er. Vor drei Jahren habe er deshalb gut 30 Stücke der alten Mauer gekauft, sagte Diekmann der Nachrichtenagentur dapd. Ein Bauunternehmer im Berliner Stadtteil Teltow hatte damit seine Kiesgruben eingezäunt. Inzwischen sind die Mauerteile über ganz Deutschland verteilt, jedes Bundesland erhielt eines, ebenso der damalige russische Präsident Michael Gorbatschow und sein amerikanischer Kollege George Bush Senior.

Die Berliner Mauer in Zahlen

Gesamtlänge

Die innerdeutsche Grenze war knapp 1400 Kilometer lang.

West-Berlin

Die Mauer um den Westteil Berlins umfasste 155 Kilometer und war knapp vier Meter hoch; 43 Kilometer davon trennten das Stadtgebiet von Ost- und West-Berlin.

Wasser

Auf 24 Kilometern durchquerte die Grenze Wasserwege.

Verkehr

Die Mauer unterbrach zwölf S- und U-Bahnlinien sowie 193 Straßen.

Grenzübergänge

Es gab acht Grenzübergänge zwischen West- und Ost-Berlin sowie sechs zwischen der DDR und West-Berlin.

Aufbau

Ab 1975 wird auf fast 42 Kilometern die Grenzmauer mit 3,60 Meter hohen Segmenten neu errichtet. Auf die jeweils 2,75 Tonnen schweren Elemente werden vier Meter lange Rohrauflagen gesetzt. Daneben besteht die Grenze um West-Berlin aus einer Mauer in Plattenbauweise, einem Metallzaun oder Gewässern.

Soldaten

11 500 Soldaten kontrollierten die Grenze rund um Berlin; sie spähten von 302 Beobachtungstürmen nach „Grenzverletzern“.

Signalzäune

Vor der Mauer gab es 127 Kilometer Signalzäune.

Gräben

105 Kilometer Gräben sollten ein Durchbrechen mit Autos verhindern.

Laufanlagen für Wachhunde

Zur Grenzbefestigung gehörten 259 Laufanlagen für Wachhunde.

Fluchtversuche

In den 28 Mauerjahren bewachen insgesamt mehr als 10.000 Soldaten der Nationalen Volksarmee die Berliner Grenze. Mehr als 5000 Menschen gelingt die Flucht - aus der gesamten DDR fliehen rund 40.000. Die Bundesrepublik kauft knapp 34.000 politisch Inhaftierte aus DDR-Gefängnissen frei.

Tote

Über 600 von ihnen kamen ums Leben. Mindestens 136 Menschen starben allein an der Berliner Mauer.

Grenzkontrollen

251 Reisende aus Ost und West starben während oder nach Kontrollen an Berliner Grenzübergängen, zumeist an Herzinfarkten.

Das letzte der Mauerstücke, verziert mit lila-grünem Graffiti, steht nun vor Kohls Bungalow in Oggersheim. Helmut Kohl selbst war gerührt: „Das ist ein großartiges Geschenk“, sagte der 81-Jährige, der seit einem Unfall im Rollstuhl sitzt. Für ihn stehe das Mauerstück für zweierlei: Für das Gute der Überwindung und für das Schreckliche, dass es vorher gab. Eine ganze Generation habe mit der Mauer leben müssen, nun erinnere ihn das Stück daran, „wie glücklich ich war, dass wir die Wiedervereinigung erreicht haben.“

Und dann wandte sich der Altkanzler direkt an die etwa einhundert Schüler, die zu der Feier nach Oggersheim gekommen waren. Neben den Gymnasiasten waren das drei vierte Klassen der Rupprecht-Grundschule, auf die Kohl selbst einmal gegangen war. „Ihr kennt kein geteiltes Land mehr“, sagte er zu den Kindern: „Ich wünsche Euch, dass das immer so bleibt und dass keiner von Euch einen Krieg erlebt.“ Dafür allerdings, so mahnte er weiter, müsse man arbeiten, „deshalb bitte ich Euch: Ihr habt alle Chancen eines Lebens in Frieden und Freiheit, das soll Euch Kraft für die Zukunft geben.“

Chronologie der Fluchtversuche

5. Dezember 1961

Mit einer Dampflok und mehreren Waggons durchbrechen 16 Erwachsene und sieben Kinder die noch provisorischen Gleis-Sperranlagen am Ost-Bahnhof Albrechtshof und setzen sich nach Berlin-Spandau ab.

24. Januar 1962

Vom Keller eines Grenzhauses flüchten 28 Menschen durch einen Stollen unter der Oranienstraße in den Westen - eine der ersten von etwa einem Dutzend geglückter Tunnelfluchten.

8. Juni 1962

Ost-Berliner Schiffer kapern auf der Spree ein Fahrgastschiff und überqueren mit insgesamt 14 Personen an Bord im Kugelhagel den Fluss zum West-Berliner Ufer.

17. August 1962

Der 18 Jahre alte Bauarbeiter Peter Fechter wird beim Versuch, die Mauer an der Zimmerstraße zu überwinden, durch Schüsse von Grenzposten schwer verletzt. West-Berliner Polizisten müssen mehr als eine Stunde lang ohnmächtig zusehen, wie er - noch auf Ost-Berliner Gebiet - verblutet.

26. Dezember 1962

Maschinengewehrsalven können einen gepanzerten Bus nicht stoppen, der am 2. Weihnachtstag mit zwei Familien durch den Kontrollpunkt Drewitz/Dreilinden rast.

17. April 1963

Ein 19 Jahre alter Autoschlosser, der als ziviler Kraftfahrer bei der DDR-Volksarmee arbeitet, durchbricht mit einem gestohlenen Schützenpanzerwagen die Mauer. Dabei wird er durch Schüsse von Grenzsoldaten verletzt.

5. Oktober 1964

Insgesamt 57 Männer, Frauen und Kinder kriechen durch einen etwa 150 Meter langen Tunnel zwischen der Strelitzer Straße und der Bernauer Straße in Berlin-Wedding. Dann wird der Fluchtweg entdeckt, ein Grenzsoldat wird erschossen. Zu den Fluchthelfern gehört der spätere Astronaut Reinhard Furrer.

29. Juli 1965

Vom Dach des Hauses der Ministerien schwebt eine Familie aus Leipzig mit einer selbst gebauten Seilbahn über die Mauer in den Bezirk Kreuzberg. Dort hatten Helfer das Tau verankert. Sowjetische Militärbeobachter sehen zu: Sie glauben an eine Aktion der DDR-Staatssicherheit zur Einschleusung von Agenten in den Westen.

29. August 1986

Ein Ost-Berliner Kraftfahrer durchbricht mit einem kiesbeladenen 20-Tonnen-Lastwagen die Sperren am Checkpoint Charlie. Mit im Auto: Seine Freundin und deren Kind.

8. März 1989

Der letzte, der bei einer Flucht über die Grenze ums Leben kommt, ist der 32-jährige Ost-Berliner Winfried Freudenberg. Mit einem selbst gebauten Gasballon überwindet er zwar die Mauer, stürzt aber über West-Berlin in den Tod.

26. Mai 1989

Vor dem Reichstagsgebäude im Westen landen zwei Leichtflugzeuge mit einem 34 Jahre alten Flüchtling und seinen Helfern. Zwei Männer hatten ihren Bruder aus Ost-Berlin geholt.

Von

dapd

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