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18.07.2017

09:54 Uhr

Ein Jahr nach Anschlag in Ansbach

Das Ringen um Normalität nach dem Terror

Vor einem Jahr kam plötzlich der islamistische Terror ins fränkische Ansbach. Ein Gastwirt und ein Wachmann schildern ihre Beobachtungen aus jener Nacht – und erzählen von ihrem Kampf zurück ins Leben und die Normalität.

Norbert Imschloß sitzt im Außenbereich seines Weinlokals an dem vor einem Jahr ein Sprengstoffanschlag durch einen 27-jährigen Syrer verübt wurde. dpa

Ansbach

Norbert Imschloß sitzt im Außenbereich seines Weinlokals an dem vor einem Jahr ein Sprengstoffanschlag durch einen 27-jährigen Syrer verübt wurde.

AnsbachEin lauer Sommerabend in Ansbach. Es ist viel los im Herzen der beschaulichen Beamtenstadt in Franken, das alljährliche Musikfestival „Ansbach Open“ hat zahlreiche Besucher angelockt. Der Konzertreigen neigt sich dem Ende zu, als es vor dem Hauptausgang einen großen Knall gibt. Norbert Imschloß ist sofort klar, was da vor seinem Weinlokal passiert ist: „Ich war als Waffenmechaniker bei der Bundeswehr. Ich habe sofort gewusst, das ist eine Bombe - kein Böller“, sagt der Wirt.

Er sollte Recht behalten. 15 Menschen werden durch die Explosion vor einem Jahr verletzt, davon vier schwer, der Attentäter kommt um. Später wird vom ersten islamistischen Selbstmordanschlag auf deutschem Boden die Rede sein.

Anti-Terror-Konzept: Bayern rüstet auf

Anti-Terror-Konzept

Bayern rüstet auf

Nach den Anschlägen in Ansbach und Würzburg beschließt Bayerns Regierung ein Anti-Terror-Konzept. 2000 neue Polizisten sollen eingestellt werden. Bayern will auch auf andere Weise für mehr Sicherheit sorgen.

Es war der schockierende Höhepunkt einer Wahnsinnswoche in Bayern. Nur wenige Tage lag der Amoklauf mit neun Toten in München zurück, der die Landeshauptstadt in einen stundenlangen Ausnahmezustand versetzt hatte. Und in einem Regionalzug auf dem Weg nach Würzburg war ein afghanischer Flüchtling wenige Tage zuvor mit einer Axt auf Reisende losgegangen und auf der Flucht auf eine Spaziergängerin. Im Rückblick macht die schiere Schlagzahl der Gewaltakte noch immer sprachlos. Und mit den Taten von Ansbach und Würzburg erreichte der islamistische Terror Deutschland - ausgerechnet die Provinz. Warum?

Am 24. Juli jährt sich der Sprengstoffanschlag von Ansbach, und noch immer sind viele Fragen offen. Unklar ist etwa, mit wem der offenbar psychisch labile Attentäter vor seiner Tat im Chat-Kontakt gestanden haben soll. Und war die Zündung der Bombe tatsächlich für jenen Moment beabsichtigt oder erst später? Wie eng verbandelt war der 27-jährige Syrer wirklich mit der Terrormiliz Islamischer Staat, die seine Tat für sich reklamierte und ihn als einer ihrer „Soldaten“ bezeichnete? Und was hatte er mit dem zum Bombenbau geeigneten Material vor, das später in seiner Asylunterkunft gefunden wurde?

Die Polizei äußert sich nicht zum Stand der Ermittlungen. Denn die führe die Bundesanwaltschaft, erklärt der Polizeivizepräsident von Mittelfranken, Roman Fertinger. Zudem gelte es, den Erfolg der Ermittlungen nicht zu gefährden. In der Anschlagsnacht war Fertinger als Einsatzleiter am Ort. Er selbst habe vier Kinder, die unterschiedliche Konzerte besuchten. „Und dann musste man zu den Familien gehen und dieses ganze Leid vermitteln. Das hat ein Stück Mitleid mit dem Täter reduziert.“

Das plant die Politik gegen den Terror

Was kann man gegen illegalen Waffenhandel tun?

Der Amokläufer von München besorgte sich seine Pistole vom Typ Glock 17 im Darknet, einem abgeschotteten Bereich des Internets. Es gibt Forderungen nach zusätzlichen Fahndungsmöglichkeiten der Behörden, um den Waffenhandel dort zu verhindern Außerdem ist gerade eine neue EU-Richtlinie in Arbeit.
Prognose: Die Fahndung im Internet nach Waffenhändlern wird ausgeweitet, aber kein Gesetz geändert.

Werden Computerspiele verboten?

Schon die Amokschützen von Erfurt, Winnenden und Emsdetten waren Fans von Computerspielen, die Gewaltakte simulieren. Jetzt trifft das auch für den Täter von München zu. Bundesinnenminister Thomas De Maizière würde sich des Themas gerne annehmen. Am Wochenende sprach er von einem „unerträglichen Ausmaß“ von Gewaltverherrlichung im Internet. Verbote hält er nicht für sinnvoll, wünscht sich aber eine gesellschaftliche Debatte.
Prognose: Konkrete Änderungen wird es nicht geben.

Muss die Bundeswehr im Inneren eingesetzt werden?

Im aktuellen Weißbuch zur Sicherheitspolitik haben sich die Koalitionspartner auf den Kompromiss verständigt, dass die Bundeswehr bei größeren Anschlägen auch ohne Grundgesetzänderung eingesetzt werden kann.
Prognose: Der Streit geht weiter, eine Klarstellung im Grundgesetz wird es aber mit Sicherheit nicht geben. Im Fall eines großen Terroranschlags in Deutschland ist ein Hilfseinsatz der Bundeswehr trotzdem wahrscheinlich.


Brauchen wir mehr Videoüberwachung?

Diese Forderung wurde bereits nach der Axt-Attacke von Würzburg erhoben. Die Befürworter erhoffen sich eine Abschreckung von Straftätern und eine leichtere Aufklärung. Kritiker fürchten den Überwachungsstaat.
Prognose: Eine Ausweitung der Videoüberwachung ist gut möglich.

Brauchen wir mehr Polizei?

In München waren 2300 Sicherheitskräfte aus ganz Deutschland im Einsatz - allen voran Spezialkräfte des Bundes und der Länder. Die Operation stieß auf viel Lob. Bundeskanzlerin Angela Merkel nannte die Leistung der Sicherheitskräfte „großartig“. Eine Stärkung der Polizei hält nicht nur die Union für sinnvoll. Die SPD hat sich für 3.000 zusätzliche Bundespolizisten ausgesprochen.
Prognose: Die Polizei kann mit Verstärkung rechnen.

Norbert Imschloß fiel der junge Syrer auf, der am Abend der späteren Tat in „Eugens Weinstube“ kam. Allerdings sei er gleich wieder aufgestanden, hinausgegangen und habe sich an einen der Tische im Außenbereich gesetzt, schildert der Wirt. Er habe ihn draußen noch gefragt, was er trinken wolle, doch habe sich der Mann nur zu seinem Rucksack hinuntergebeugt. Dann ging Imschloß ins Lokal zurück - und die Bombe hoch.

Lautstark habe er die Leute im Garten aufgerufen, in den Innenraum zu kommen, auch die Verletzten, erinnert sich der Wirt. Später hätten Einsatzkräfte das gesamte Areal geräumt, er selbst sei aber noch lange im Lokal geblieben. „Der Kapitän verlässt sein Schiff nicht“, habe er einem Feuerwehrmann zugerufen - und dabei an den Untergang der „Costa Concordia“ im Jahr 2012 gedacht. Im Rückblick findet er das „ein bisschen schräg“: Denn der Kapitän der „Concordia“ habe ja als einer der ersten das sinkende Kreuzfahrtschiff verlassen.

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